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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.08.2013

Mit Tierkostüm und Muschelbikini

Shakespeares "Viel Lärm um Nichts" von Marius von Mayenburg in Berlin

Von Hartmut Krug

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Der Schaupieler Sebastian Schwarz in Marius von Mayenburgs Inszenierung (picture alliance / ZB / dpa / Claudia Esch-Kenkel)
Der Schaupieler Sebastian Schwarz in Marius von Mayenburgs Inszenierung (picture alliance / ZB / dpa / Claudia Esch-Kenkel)

Shakespeares Komödie "Viel Lärm um Nichts" wird an der Berliner Schaubühne zum popkulturellen Theater-Spektakel. Unter Marius von Mayenburgs Regie produzieren sich die Darsteller mit viel Freude an Klamauk und Slapstick vor dem Publikum - und verschütten dabei die Figuren samt Geschichte.

"Die Szene ist Messina", schreibt Shakespeare. Doch Regisseur Marius von Mayenburg sagt, wie vor ihm schon Jan Bosse 2006 bei seiner zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierung am Burgtheater Wien: die Szene ist das Theater. Und verpflanzt Shakespeares virtuose Komödie der Täuschungen mit ihrem Verwirrspiel zwischen Schein und Sein auf eine Showbühne.

Wie bei Bosse gibt es bei Mayenburg statt Shakespeares neunzehn nur acht Darsteller, und auch er hat sich selbst eine (eher unauffällige nüchterne) neue Übersetzung geschaffen. Was für ihn als Regisseur praktisch ist, denn die Dialoge, in denen Shakespeare unter der Komödie auch eine Tragödie ahnen lässt, rattern in dieser Inszenierung als eher unerhebliches Schmiermittel einer wilden Trash-Muscial-Cabaret-Show nur so dahin.

Shakespeares eigentlich stark aus der Sprache lebende Komödie, in der sich die Figuren in Wortgefechten voreinander verstecken, soziale Rollen behaupten und um gesellschaftliche Positionen kämpfen, wird als zeitloses, popkulturelles Theater-Spektakel geboten.

Zwei Liebespaare, zwei Intrigen

"Viel Lärm um Nichts" versammelt Figuren und Motive, die man aus Shakespeares Komödien zu kennen meint: Es gibt zwei Liebespaare und zwei Intrigen, einen bösen Bastard und eine Scheintote, das einfache derbe Volk (nicht in dieser Inszenierung) und die höfische Gesellschaft. Die Männer kommen aus dem Krieg zurück. Claudio verliebt sich in Hero (und deren Mitgift. Benedick und Beatrice dagegen führen ihre Wortgefechte gegeneinander und die Ehe weiter. Der Bastard in der Rolle des Bösewichts hintertreibt die Ehe der Liebenden, und die Gesellschaft redet Benedick und Beatrice ein, ihr jeweiliger Streitpartner sei in sie heftig verliebt. Am Schluss gibt es ein doppeltes Happyend, bei Mayenburg. Bei Shakespeare dagegen liegen darunter auch Trauer und Skepsis.

In dieser Inszenierung gibt es keine eindeutigen sozialen Rollen, sondern nur Posing als Zitat, - aus Stummfilm, Science-Fiction, Fernsehschnulze, Pop und was nicht noch alles. Bald hört man auf, zu interpretieren und zu identifizieren. Denn die Figuren und die Geschichte werden schier verschüttet unter der Anspielungsmasse. Dabei reden die Darsteller nicht miteinander auf der Bühne, sondern räsonnieren ins Publikum und produzieren sich vor ihm. Gespielt wird mit der Freude an Klamauk und Slapstick.

Palmenstrand, Tennisplatz, Dinosaurier

Man wechselt wie beim Blue-Screen von der Showbühne hinein und heraus aus den phantastischen Filmen von Sébastien Dupouey, die hinter der Szene flimmern. Mal zeigen sie einen Palmenstrand, mal einen Tennisplatz, eine Dinosaurierwelt oder einen Friedhof. Dauernd wechseln die Darsteller ihre Verkleidungen und Anspielungsformen. Sie erscheinen als Nosferatu oder Taucher, als grüner Frosch oder Frankensteins Monster, Großwildjäger oder Schwertkämpfer im Fellschurz. Sie tragen Netzstrumpfhosen, Baströckchen, Badehosen, Bärenkostüm oder Muschelbikini. Und das intrigenhaft vorgetäuschte Tête-à-tête von Hero mit einem anderen Mann wird als wilde filmische Kopulierorgie mit King Kong gezeigt. Wenn schließlich Benedick im schweren Löwenkostüm erscheint und ihm die mit einer Frisur wie Marylin Monroe verunstaltete Beatrice (Eva Meckbach) grandios mit dem Song "Teach me tiger" begegnet, ist das durchaus klug zueinander montiert. Auch wenn Sebastian Schwarz genau so wunderbar Elvis Presleys "I can´t help falling in love with" dahinzittert, oder wenn die vom Vater nach der Intrige beschimpfte Hero (Jenny König) "Sometimes I feel like a motherless child" dahintrauert, passt das.

Nur: Plötzlich sind in den Liedern echte Gefühle und es wird etwas kommentiert, was die sich doch die ganze Zeit verstellenden Figuren nicht spielen. Immerhin: die Schauspieler singen großartig. Und wer pure, zweckfrei bunte Unterhaltung mag, ist mit diesem Abend nicht schlecht bedient. Doch der Kalauer sei gestattet: auf andere, oberflächlichere Weise als von Shakespeare gewollt, war dies dann doch "Viel Lärm um Nichts."

Viel Lärm um Nichts
Komödie von William Shakespeare
Regie: Marius von Mayenburg
Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin

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