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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.02.2021

Mit Juan Gabriel Vásquez durch BogotáLiteratur über Gewalt und ihre Folgen

Von Tobias Wenzel

Dunkle Wolken hängen über den Hügeln von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. (IMAGO/Pacific Press Agency/Sebastian Barros Salamanca)
Geht man mit Juan Gabriel Vásquez durch Kolumbiens Hauptstadt Bogota, begegnet man der gewaltvollen kolumbianischen Geschichte. (IMAGO/Pacific Press Agency/Sebastian Barros Salamanca)

Kolumbien ist von den Folgen vieler bewaffneter Konflikte gezeichnet. Das spiegelt sich in der Literatur von Juan Gabriel Vásquez. Nun erscheint der neue Erzählband des erfolgreichen Schriftstellers auf Deutsch.

Juan Gabriel Vásquez, der den obligatorischen Mund-Nasen-Schutz trägt, bleibt vor einem leeren Lokal im Zentrum Bogotás stehen: "Hier befand sich in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts das berühmte Café El Automático. Die weibliche Hauptfigur meiner Erzählung 'Lieder für die Feuersbrunst' hat eine Art Offenbarung, als sie dieses Café betritt. Denn da wird gerade ihr Artikel vorgelesen, den sie in einer Zeitung veröffentlicht hat. Damals war Frauen der Zutritt zu Cafés nicht erlaubt", sagt der Schriftsteller.

"Lieder für die Feuersbrunst", die Geschichte aus Vásquez' gleichnamigem neuen Erzählband, handelt vom gewaltsamen Ende einer von einer realen Feministin inspirierten Frau. Sie erkämpft sich im von Männern dominierten Journalismus ihren Platz und das Recht, auch als Frau Cafés in Bogotá zu betreten: "An diesem Ort, an dem früher das Café El Automático war, gab es bis vor Kurzem das Restaurant Amarillo. Aber das ist nun der Pandemie zum Opfer gefallen", erzählt Vásquez.

Kolumbianische Geschichte in einem Viertel

Juan Gabriel Vásquez hatte während der Pandemie einen kreativen Schub, schrieb fast dreimal so schnell wie sonst. Als einer der ersten Kolumbianer überhaupt hatte er sich mit dem Coronavirus infiziert. Ende 2020 folgten seine Frau und seine beiden Töchter. Unser Interview mussten wir verschieben, weil auch er in Quarantäne kam. Nun aber spazieren wir endlich, kurz vor dem Erscheinen seines zweiten Erzählbandes auf Deutsch, durch das Zentrum seiner Geburtsstadt Bogotá.

Das kennen seine Leser schon aus seinen Romanen: "Es scheint so, als ob sich in diesem Viertel die gesamte kolumbianische Geschichte abgespielt hätte. Wenn wir von hier 50 Meter nach Westen gehen, kommen wir an den Ort, an dem der Politiker und Anwalt Jorge Eliécer Gaitán ermordet wurde, ein Ereignis, das das Kolumbien des 20. Jahrhunderts gespalten hat.

Porträtbild von Juan Gabriel Vásquez: Der Mann ist mit Brille und nach innen gekehrtem Blick zu sehen. (IMAGO /GlobalImagens/Paulo Spranger)Juan Gabriel Vásquez recherchiert oft jahrelang für seine Bücher. Bei seinem Aktuellen war der Auslöser ein altes Wörterbuch. (IMAGO /GlobalImagens/Paulo Spranger)

Wenn wir vier Straßen Richtung Süden spazieren, stehen wir an dem Ort, an dem 1828 das Attentat auf den Unabhängigkeitskämpfer Simon Bolívar misslang. Von dort nur eine Parallelstraße nach Süden entfernt, wurde 1914 Rafael Uribe Uribe ermordet, ein bedeutender liberaler Senator. Diese Orte haben mich stark geprägt, als ich hier, direkt hinter uns, Jura studierte und mich dann dazu entschloss, kein Anwalt zu werden, sondern Schriftsteller", sagt der 47-Jährige.

Komparse bei Roman Polanski

Mittlerweile steht Vásquez in seinem Arbeitszimmer und sucht nach dem alten Wörterbuch, das eben dieser Rafael Uribe Uribe als junger Mann schrieb und das Vásquez zur Erzählung "Lieder für die Feuersbrunst" inspiriert hat. So ist das immer bei diesem Autor: Ein Gegenstand, ein unerhörter Bericht oder ein eigenes Erlebnis löst etwas bei Vásquez aus. Jahrelang geht er damit schwanger, recherchiert und schreibt dann einen Roman oder eine Erzählung.

Als junger Mann war er in Paris Komparse in "Die neun Pforten", einem Film von Roman Polanski. Dem Regisseur, dessen hochschwangere Frau 1969 von Anhängern des Sektenführers Charles Manson ermordet wurde.

Vásquez ging das beim Dreh einer Flughafenszene nicht aus dem Kopf: "Ich habe dabei eine innere Unruhe gespürt, das war wie ein Stachel, den man nicht loswird. Ich habe es mir so erklärt: Ich hatte aus nächster Nähe einen Mann, Polanski, gesehen, der in einem Moment seines Lebens Opfer einer Gewalttat, des Mordes an seiner Frau, geworden war. Und da habe ich mich gefragt, welche Beziehung es zwischen dieser Tat und dem Dreh eines Films geben könnte, in dem fiktionale Gewalt vorkommt."

Bürgerkriege und andere Konflikte

Diese Überlegungen mündeten in die Erzählung "Flughafen". Gewalt ist generell präsent im Erzählband "Lieder für die Feuersbrunst". Kolumbien ist nun mal ein Land, das von Bürgerkriegen und einem bewaffneten Konflikt verheerend geprägt wurde. Was löst die gewaltsame Geschichte, die Vergangenheit überhaupt, im Privatleben der Menschen aus?

Das ist die zentrale Frage, die diesen Schriftsteller antreibt und die auch seinen neuen Erzählband so lesenswert macht. Eine andere Frage stellt sich, als wir vor der Universität stehen, an der Vásquez Jura studiert hat: Wenn er nicht hier im Zentrum mit all den historisch wichtigen Orten der Gewalt studiert hätte, sondern in einem anderen Viertel Bogotás, wäre er dann heute kein Autor, sondern Anwalt?

"Ich glaube nicht. Wenn ich in anderen Vierteln meine Spaziergänge gemacht hätte, sähe meine Literatur heute wohl anders aus. Aber ich würde schon meiner Berufung folgen", sagt Vásquez.

Juan Gabriel Vásquez: "Lieder für die Feuersbrunst"
Schöffing, Frankfurt / Main 2021
240 Seiten, 22 Euro

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