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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2011

Mit harten Bandagen

Vivian Stein: "Heinz Berggruen. Leben und Legende", Edition Alpenblick, Zürich 2011, 571 Seiten

Der im Jahr 2007 verstorbene Heinz Berggruen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder  (AP)
Der im Jahr 2007 verstorbene Heinz Berggruen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (AP)

Der Sammler und Mäzen Heinz Berggruen ist vor vier Jahren gestorben. Berlin muss ihm dankbar sein: Denn die Kunstsammlung von Heinz Berggruen ist jetzt im Besitz der Stadt. Auch deswegen ist die Empörung so groß, die jetzt eine Berggruen-Biografie der jüdischen Autorin Vivien Stein ausgelöst hat.

Welch ein Ingrimm! Vivian Steins Biografie über Heinz Berggruen ist eine über 500 eng bedruckte Seiten lange Anklage, die die Demontage des berühmten Kunsthändlers, -sammlers und Mäzens verfolgt. Schon die aggressive Sprache offenbart etwas so Zwanghaftes, das es schwer macht, sich vorbehaltlos auf den Inhalt einzulassen. Zumal die Autorin bekennt, dass sie mit Berggruen nicht habe sprechen wollen, "weil er bereits so viel Widersprüchliches geschrieben und geäußert hat, dass weder wiederholte noch neue Aussagen zur Wahrheitsfindung beitrügen".

Stein charakterisiert Heinz Berggruen, der 1936 als Jude aus Deutschland emigrierte, als "einsamen, misstrauischen und geltungsbedürftigen Menschen", der nur seinen eigenen Vorteil suchte. Ob in jungen Jahren in den USA oder als angehender Kunsthändler in Paris, als er von den Zwangslagen vieler profitierte und deren wertvolle Bilder zu Schleuderpreisen kaufte.

Vor allem aber habe er es verstanden, niemals Steuern zu zahlen und sich einen Namen als Mäzen zu machen, der mit nichts zu begründen sei. Seine erste Schenkung von 90 Klees an das New Yorker Metropolitan Museum sei tatsächlich eine getarnte Begleichung seiner Steuerschuld gewesen.

Die in Aussicht gestellte Schenkung seiner Sammlung an die Londoner National Gallery sei eine üble Pose gewesen und bei seiner gefeierten Rückkehr nach Berlin habe er "die Judenkarte" gespielt. Die schuldbeladenen Deutschen hätten ihm bereitwillig ein Museum zur Verfügung gestellt, seine Bilder "über Marktwert gekauft" und dabei das Gefühl gehabt, beschenkt zu werden.

Vivian Stein hat gründlich recherchiert, das beweist ihr seitenlanger Anhang. Dennoch bleiben viele ihrer Anschuldigungen Spekulation. Dass Berggruens Schenkung an das Met tatsächlich ein verkappter Steuerdeal war, kann sie nicht belegen. Enttarnen kann sie ihn lediglich als Geschichtenerfinder: Seine Affäre mit Frieda Kahlo oder seine enge Freundschaft zu Picasso waren wohl erdichtet. Auch für die rüden Verhandlungen mit der National Gallery hat Stein Beweise: Heinz Berggruen kämpfte, feilschte und pokerte - oft unangenehm - mit harten Bandagen. Das liest sich wie ein Krimi.

Das Verhältnis zwischen den Deutschen, den Berliner Museen und Heinz Berggruen aber beschreibt Stein schlicht falsch. Es war nicht der Sammler, der sich aufdrängte; es wurden keine überteuerten Preise für die Gemälde bezahlt, und wenn die Autorin von der "Judenkarte" spricht, zeigt das, wie sehr sie sich verstiegen hat. "Seine "Liebe zu seiner Heimatstadt war jedoch nur so tief, wie das deutsche Portemonnaie offen war", heißt es da.

Wäre Vivian Stein weniger versessen darauf gewesen, Heinz Berggruen als Mensch zu vernichten und sich als Richterin seines Lebens aufzuspielen, hätte sie ein interessantes Bild zeichnen können - nicht nur das eines mit allen Wassern gewaschenen Kunsthändlers, sondern auch das eines problematischen Systems, das Museen in Zeiten knapper Kassen in Abhängigkeit zu Sammlern bringt. Aber diese Chance hat sie leider vergeben.

Besprochen von Eva Hepper

Vivian Stein: Heinz Berggruen. Leben und Legende
Edition Alpenblick, Zürich 2011
571 Seiten, 28,90 Euro

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Berggruen im Zwielicht
"Immer die Berliner Karte gespielt"

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