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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.08.2010

Mit direktem Draht zum Papst

Hanspeter Oschwald: "Im Namen des Heiligen Vaters - Wie fundamentalistische Mächte den Vatikan steuern", Heyne Verlag, München 2010, 384 Seiten

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Juristisch sind diese Gruppen "Kongregationen päpstlichen Rechts". (AP)
Juristisch sind diese Gruppen "Kongregationen päpstlichen Rechts". (AP)

Der Journalist Hanspeter Oschwald porträtiert in diesem Sachbuch sechs fundamentalistische Bewegungen, auf denen sich die Macht des Vatikans gründet. Die Leser erfahren, wie Netzwerke wie "Opus Dei" oder die "Legionäre Christi" funktionieren.

Seit fünf Jahren "sind wir" jetzt Papst. Dass darauf kaum einer mehr stolz sein mag, erklärt sich aus der langen Liste welt- und kirchenpolitischer Fehlleistungen Benedikts XVI. – von der Regensburger Rede über die Rehabilitierung der Piusbrüder bis hin zur zögerlichen Aufklärung sexuellen Missbrauchs.

Manche entschuldigen dies mit dem Hinweis, der 83-jährige Bayer sei halt im Herzen lieber Professor als Machtpolitiker. Ein rührend weltentrückter Wissenschaftler, dessen Besonnenheit als Zaudern missverstanden wird? Nein, sagt dieses Buch, alles hat Methode, alles ist stringent. Benedikt folgt der inneren Logik von mächtigen "Bewegungen"
in der katholischen Kirche, zum Beispiel dem "Opus Dei", den "Legionären Christi" oder der Gruppe "Communione e Liberazione", die in mehr als 90 Ländern der Erde Schulen und Universitäten, Stiftungen und Hilfswerke, Firmen, Vereine und Zeitschriften betreiben, Priester ausbilden, Bischöfe und Kardinäle stellen und unter den 2600 Vatikanmitarbeitern als Meinungsführer den Kurs für 1,1 Milliarden Katholiken maßgeblich mitbestimmen.

Buchautor Hanspeter Oschwald, im Brotberuf Journalist, porträtiert sechs dieser Bewegungen anhand ihrer Geschichte und ihrer Erfolge. "Opus Dei"-Gründer Escriva de Balaguer stand im Spanischen Bürgerkrieg fest an der Seite der Faschisten; Marcial Dellogado, Gründer der "Legionäre Christi", kämpfte in den 50er-Jahren gegen die laizistische Regierung Mexikos; "Communione e Liberazione" entstand 1969 in Mailand aus Protest gegen die linken 68er und gegen das Zweite Vatikanische Konzil.

Juristisch sind diese Gruppen "Kongregationen päpstlichen Rechts", das heißt, sie sind der nationalen Bischofskontrolle entzogen und direkt dem Papst unterstellt. Faktisch sind sie heute – nicht zuletzt durch ein Vierteljahrhundert Nachlässigkeit Johannes Paul II. – größer und mächtiger als die jahrhundertealten Klosterorden. Gemeinsam ist ihnen das erzkonservativ-moralische Elitedenken, eine radikalkatholische Theologie, viel Geheimbündelei, viel Geld und – der offensichtlich direkte Draht zum Papst. Aus kompetenter Hand zu erfahren, wie diese Netzwerke funktionieren, das macht den Nutzwert dieses Buches aus.

Meine Skepsis, hier werde wieder mal aus Geraune und Gerüchten eine alarmistische Verschwörungstheorie gezimmert, hat Hanspeter Oschwald mit akribischer Recherche, mit Fakten- und Detailversessenheit ausgeräumt. Leider hat er allerdings beim Wespen-Erschlagen auch Honigbienen getroffen: Die Gemeinschaft "S'Egidio" des renommierten Andrea Ricardi und ihr Einsatz bei den Friedensverhandlungen in Mosambik, in Algerien und erst kürzlich bei den Wahlen im westafrikanischen Guinea-Conakry – die gehört nun definitiv nicht zu den "fundamentalistischen Mächten" des Vatikans.

Besprochen von Andreas Malessa

Hanspeter Oschwald: Im Namen des Heiligen Vaters. Wie fundamentalistische Mächte den Vatikan steuern
Heyne Verlag, München 2010, 384 Seiten, 19,95 Euro

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