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Profil / Archiv | Beitrag vom 17.12.2012

Mit der Linie 4 um die Welt

Annett Gröschner beobachtet die Welt aus der Straßenbahn heraus

Von Günter Beyer

Die Straßenbahn als Rechercheort. Nicht die Nr. 4, sondern die Nr. 2 in Berlin.  (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Die Straßenbahn als Rechercheort. Nicht die Nr. 4, sondern die Nr. 2 in Berlin. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Die Journalistin Annett Gröschner hat ihr Arbeitszimmer in den Straßenbahnen und Bussen dieser Welt. Für ihre Geschichten ist sie schon in New York, Budapest und Peking gewesen. Das Besondere: Sie fährt ausschließlich mit der Linie 4, worüber sie auch ein Buch geschrieben hat.

Straßenbahn Linie 704 Richtung Derendorf. Nüchterne Nachkriegsarchitektur, im Erdgeschoss kleine Läden. Satellitenschüsseln: ein multikulturelles Wohngebiet.

(ANSAGE LAUTSPRECHER)
"Taschendiebe sind unterwegs! Bitte achten Sie auf Ihre Portemonnaies! Ganz besonders im Gedränge. Wir möchten, dass Sie Ihr Geld ausgeben und nicht die Diebe. Einen schönen Tag noch wünscht Ihnen Ihre Rheinbahn."

Annett Gröschner, eine große, kraftvoll wirkende Frau mit kastanienbraunem Haar, schwarzer Wolljacke und rotem Schal, sitzt in einem silbergrauen Zug der 704 und lauscht amüsiert der Lautsprecheransage.

"Das gibt´s nur in Düsseldorf! Das habe ich nirgendwo auf der Welt erlebt."

Die Buchautorin und Journalistin hat die Welt gewissermaßen "auf allen Vieren" bereist. Sie muss es also wissen. Aber warum steigt die Expertin überall ausgerechnet in die LInie 4?

"Die Urgeschichte war die, dass die erste Straßenbahn, mit der ich als Kind gefahren bin, die Vier war. Wir wohnten damals auf dem Werder, der ist eine Insel in der Elbe in Magdeburg, und die Insel war halt durch ´ne Straßenbahnlinie mit dem Festland verbunden. Also dazwischen lag halt ne Welt."

Viel später, als Journalistin, hat Annett Gröschner für die "Berliner Seiten" der "Frankfurter Allgemeinen" die Hauptstadt aus ungewohnter Perspektive beschrieben.

"Ich bin dann immer von Endstelle zu Endstelle gefahren und hab mir irgendwelche Linien rausgesucht, die Grenzen überschritten haben. Und danach hatte ich so ne Entzugserscheinung und hab gedacht: Ich muss das weiter machen. Das macht so´n Spaß!"

Alexandria und Bielefeld, Budapest und New York, Peking und Zürich - packende Reiseschilderungen verfasst sie überall dort, wo ein 4er Bus oder eine 4er Tram unterwegs ist. Insgesamt 34 Miniaturen über Expeditionen in den städtischen Kosmos, zugleich Liebeserklärungen an den urbanen Lebensstil. Annett Gröschner ist ein politischer Kopf. Sie sucht keine Idylle und Exotik, sondern Zusammenhänge.

"Es gibt ja immer diese Geschichten rechts und links. Für mich ist es immer wichtig, so Tiefenbohrungen zu machen an bestimmten Stellen der Strecke."

Da fährt der 4er Bus in Reykjavik mitten hinein in die isländische Finanzkrise. In Jena, vermutet Gröschner, könnte auch die NSU-Terroristin Beate Zschäpe mit der Vier gefahren sein.

"Ich muss immer raus, und ich muss recherchieren, ich recherchier für mein Leben gern, ich sitz auch gern in Archiven. Und ich bin immer froh, wenn ich was gefunden habe, was verschüttet war, ja. Verschüttetes ausgraben, ist etwas, was ich unheimlich gern mach´."

Nach dem Abitur 1983 jobbt Annett Gröschner am Magdeburger Theater als Ankleiderin. Interesse an der Bühne hatte sie schon, am Bügeln weniger.

"Wir hatten damals ne Tannhäuser-Inszenierung, und ich war damals für den Herrenchor zuständig, und das hieß: 28 Hemden bügeln, und das hat mich abgeschreckt bis heute."

Lieber geht sie nach Berlin, studiert Germanistik und beginnt zu schreiben, vor allem Lyrik. Als sie mit dem Studium fertig ist, fällt die Mauer.

"Das war die Zeit, wo man plötzlich doch lieber journalistisch gearbeitet hat, weil überall dort Löcher im Zaun waren, wo man immer mal reingucken wollte, weil es einfacher viel spannender war als zu Haus zu sitzen an der Schreibmaschine, damals noch, und nen ersten Roman zu schreiben oder so."

Sie ist aktiv im Unabhängigen Frauenverband, gründet die Zeitschrift "Y" und gibt die Blätter "Sklaven" und "Sklavenaufstand" heraus. Ihr Sohn wächst mit anderen Kindern in einer Frauen-WG auf.

"Ich war nie verheiratet, ich wollte auch nie verheiratet sein, aber ich habe immer feste Beziehungen gehabt."

Als die Zeiten ruhiger werden, erscheint 2000 der Roman "Moskauer Eis". Darin setzt sie sich mit der Generation ihrer Eltern in der DDR auseinander. 2011 folgt der Berlin-Roman "Walpurgistag".

"Das war halt die Überlegung, dass man ne Stadt erzählt anhand von sehr verschiedenen Bewohnern, die sich an einem Tag in dieser Stadt bewegen, und man einen Kosmos aufmacht, wo am Ende die Stadt die Hauptfigur ist."

Romanautorin, Journalistin. Hat für Theater und Radio gearbeitet. Schöne Altbauwohnung am Prenzlauer Berg. Aber da lebt sie nicht mehr, sondern wohnt nur noch da, sagt sie mit Blick auf die Veränderungen im Kiez. 48 Jahre ist sie alt, voller Pläne und Energie. Und sonst?

"Ich bereite mich darauf vor, Großmutter zu werden, ja."

Rush hour. Die Bahn wird voll. Am Hauptbahnhof steigt ein Straßenmusikant zu. Annett Gröschner zückt das Portemonnaie. Aufmerksam schweift ihr Blick über die Sitzreihen und durchs Fenster. Mit der Linie 704 scheint sie sich - hier im Zentrum von Düsseldorf - versöhnt zu haben.

"Ist nicht uninteressant, die Linie, also auch mit dem Personal, was hier so ein- und aussteigt."

LAUTSPRECHER: STRESEMANNPLATZ

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