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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.05.2010

Mit den Ohren im Weltall

Karlheinz Stockhausens "Klang"-Zyklus bei der Kölner Musiktriennale uraufgeführt

Von Jörn Florian Fuchs

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Der Komponist Karlheinz Stockhausen. (AP Archiv)
Der Komponist Karlheinz Stockhausen. (AP Archiv)

Der 2007 verstorbene Musikpionier Karlheinz Stockhausen arbeitete bis zu seinem Tod an einem Musiktheaterprojekt, in dem er die 24 Stunden des Tages vertonen wollte. Nur 21 Stunden konnte er vollenden und erst jetzt wurde seine Kompositon uraufgeführt.

Von den geplanten 24 Stunden konnte Stockhausen nur 21 vollenden, wobei erstaunlicherweise jene letzte Stunde den Titel "Paradies" trägt. Und danach kann ja eigentlich nichts mehr kommen. Auch musikalisch gehört dieses Werk für Flöte und Live-Elektronik zu den besten des gesamten Zyklus. Es ist ein stupender Hörrausch voller Glitzern und Flimmern, berückend schöne Flötentöne werden aufwändig elektroakustisch erweitert, wobei die künstliche Klangwelt das "natürliche" Instrument niemals überlagert, wie auch die Flöte die sie umschwirrenden Klänge nicht als Kulisse benutzt, sondern in einen manchmal sehr konkreten Austausch mit dem vermeintlich Fremden tritt.

Wie schon in der "Licht"-Heptalogie schuf Stockhausen auch bei "Klang" eine Art Grundmaterial, das sich in diversen Variationen wieder findet. In den halbstündigen "Cosmic pulses" mäandern 24 melodische Schleifen durch den Raum und werden auf acht Kanäle verteilt, was in der Kölner Philharmonie nachts um halb zwölf eine derart psychedelische Wirkung erzeugte, dass der Berliner Kultclub Berghain einpacken kann. Die meist sehr rasch vorüber glucksenden elektronischen "Impulse" durchziehen eine ganze Reihe der einzelnen Stunden. In immer neuen Anordnungen und mit immer neuen vokalen oder instrumentalen Partnern entstehen teils atemberaubende Hörwelten.

Natürlich hat es Stockhausen den Ausführenden wie Rezipienten auch diesmal wieder nicht gerade leicht gemacht, die Musiker kommen teils sehr bunt kostümiert auf die Bühne und müssen eigenwillige Bewegungen und Gesten vollziehen, zudem werden desöfteren Texte aus dem esoterischen "Urantia"-Buch über künftige kosmische Zustände von Welt und Mensch gesungen und gelesen, allerdings geschieht dies manchmal mit einer solch entspannten Leichtigkeit und Heiterkeit, dass man sich wie auf einem Avantgarde-Karneval vorkommt.

In der 15. Stunde gehen einige Urantia-Gedanken dann interessanterweise Hand in Hand mit einer präzisen Strukturanalyse des "Klang"-Zyklus. Der furiose Bariton Jonathan de la Paz Zaens lässt das siebte Superuniversum von Orvonton mit dem Aufbau genau dessen zusammen schwingen, was er gerade singt. Und wenig später heißt es dann keck karnevalesk: "Kunstmusik ist nicht Tingeltangel und 24 Hertz sind weder schön noch hässlich".

Jenseits solcher Weisheiten gibt es eine ganze Reihe von Kammermusikstücken, die erstaunlich zugänglich, ja eingängig sind. So entlocken etwa zwei Harfenistinnen 40 Minuten lang ihren Instrumenten beständig frappierend neue Töne.

Am eindringlichsten und theatralsten ist die vierte Stunde "Himmels-Tür". Hier begehrt ein Schlagzeuger Einlass und bearbeitet eine große Holztür mit Stöcken, Händen und seinem ganzen Körper. Irgendwann öffnet sich die Tür, der Musiker verschwindet im Ungewissen und es entsteht ein fast schon jenseitiges Klanggewitter, das ein junges Mädchen anlockt, auch sie schlüpft hinein und gemeinsam geht es auf eine unsichtbare aber durchaus hörbare Himmelsreise ...

Ähnlich eindrücklich war die Beschallung des Kölner Praetoriums, hier trafen kosmisch-futuristische Klangwolken auf stimmungsvoll beleuchtete Artefakte der Römerzeit.

Dank der Kölner musikFabrik, dem Freiburger ensemble recherche sowie einem großen Stab an Gastmusikern wurde der 21-teilige, 36-stündige Marathon zum alle Sinne nachhaltig erweiternden Erlebnis – zur Nachahmung an anderem Ort dringend empfohlen!

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