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Länderreport | Beitrag vom 11.01.2021

Mit dem Bürgerbus zum Impftermin"Das Strahlen in den Augen ist so ein schöner Lohn"

Von Anke Petermann

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Eine ältere Frau mit Mund-Nase-Bedeckung steht außen vor einem Bus, dessen Fahrer ebenfalls außen davor steht. (Deutschlandradio/Anke Petermann)
Rentnerin Elisabeth Winkler vor dem Bürgerbus: "Toll, dass die Gemeinde das eingerichtet hat." (Deutschlandradio/Anke Petermann)

Deutschland impft gegen Corona - und zwar die Alten zuerst. Doch diese können oft nicht mehr selbst mit dem Auto zum Termin fahren. In ländlichen Regionen schaffen Bürgerbusse Abhilfe. Die Fahrer sind Ehrenamtler und ziemlich stolz auf ihre Arbeit.

Um kurz nach 7 Uhr tritt Elisabeth Winkler vors Haus. Die Seniorin wohnt hier in Waldmohr an der Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland allein. Ihr Sohn lebt mit Familie in München.

Für Viertel nach hat sie den Bürgerbus gebucht, um 8 Uhr hat sie den Impftermin in der stillgelegten Kaserne der Kreisstadt Kusel, knapp 40 Kilometer und eine halbe Stunde von Waldmohr entfernt.

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Elisabeth Winkler ist 82, wirkt zehn Jahre jünger und fährt noch Auto. Im Sechs-Kilometer-Radius bei Tageslicht und gutem Wetter fühlt sich die Seniorin am Steuer sicher. Aber auf den umliegenden Feldern liegt Schnee, bei knapp über null Grad kann es glatt sein. Elisabeth Winkler ist erleichtert, dass sie den Bürgerbus buchen konnte.

"Es ist noch dunkel und dann nach Kusel zu fahren. Ich war vielleicht vor 40 Jahren einmal in Kusel, und dann mit einer Freundin. Ich hab’s nicht so damit, aufzupassen, wie ich jetzt fahre."

Der Bus ist desinfiziert

Das muss sie nun auch nicht. Soeben fährt der weiße Bürgerbus mit den Sponsorenlogos von Sparkasse und Volksbank vor, auf die Minute pünktlich. Arno Hellwig steigt vom Beifahrersitz und zückt eine Flasche Desinfektionsspray, noch kurz die Hände keimfrei machen.

"Sie können jetzt einsteigen. Sie können sich festhalten. Es ist alles desinfiziert."

Zwei Personen mit Maske dürfen in dem Neunsitzer Corona-gerecht auf versetzten Plätzen auf zwei Bänken mitfahren. Plus Fahrer und Beifahrer, die per Plexiglasscheibe geschützt sind. Ein bisschen aufgeregt ist Elisabeth Winkler vorm Impftermin. Gut, dass sie sich keine Sorgen übers Fahren machen musste.

"Das ist das Tolle an der Sache, das ist sehr beruhigend. Ich finde das auch ganz toll, dass die Gemeinde so etwas eingerichtet hat."

Auch der zweite Termin steht bereits

Auf der halbstündigen Fahrt erzählt Elisabeth Winkler, dass sie gar nicht so scharf darauf war, einen der ersten möglichen Impftermine zu buchen, doch ihre Angehörigen hätten sie gedrängt.

"Ich habe auch gleich einen Termin für die zweite Impfung gekriegt."

Auch für den zweiten Impftermin in drei Wochen ist der Bürgerbus schon gebucht, sagt Beifahrer Hellwig. Der Bus fährt soeben aufs Gelände der stillgelegten Kaserne von Kusel, direkt vor den Eingang zum Impfzentrum.

Ehrenamt ist Ehrensache

Hellwig verabschiedet die Seniorin ins Impfzentrum. Eine Stunde wird sie mit ärztlicher Beratung, Impfen und Erholungsphase brauchen. Für die Ehrenamtler ist jetzt Warten angesagt. Warum sich der 69-jährige Arno Hellwig Fahrten und Wartezeiten im Morgengrauen antut?

"Mir gehts so gut, da kann man der Gesellschaft was zurückgeben. Man kann den alten Leuten auf den Dörfern helfen. Die sind nämlich sonst verloren, ganz allein. Und das Strahlen in den Augen der Menschen ist so ein schöner Lohn, dafür kann man gern früh aufstehen."

Die Mehrkosten übernimmt der Landkreis

Früh auf ist auch Karlheinz Schoon. Keine Impfung im Landkreis Kusel soll am fehlenden öffentlichen Transport scheitern, sagt der ehrenamtliche Koordinator der sechs Busse im Kreis:

"Träger der Bürgerbusse sind die Verbandsgemeinden. Wir haben die Busse, wir haben die Ehrenamtler. Wir haben jetzt eine einheitliche Telefonnummer im Landkreis Kusel, die man Montag bis Freitag von 9 bis 12 anrufen kann, um eine Fahrt ins Impfzentrum zu buchen."

Und da die Bürgerbusse die Grenzen der Verbandsgemeinden für die teils weiten Fahrten ins Impfzentrum überschreiten, finanziert der Kreis die Mehrkosten. Wie viel das ist, weiß Landrat Otto Rubly noch nicht. Aber sicher sei: "Das sind die geringsten Kosten, bei allem, was hier im Impfzentrum anfällt."

Die Fahrt zum Impfzentrum mitdenken

Bürgerbusse gibt es schon seit Mitte der 80er-Jahre. Es sind öffentlich geförderte und ehrenamtlich organisierte Fahrmöglichkeiten für Regionen, in denen kein Linienbus mehr verkehrt.

Der Bürgerbusberater Holger Jansen von der Berliner Agentur "Landmobil" begleitet diese Projekte republikweit. Jansen sieht Landkreise und Bundesländer in der Pflicht, den Bürgerbusverkehr fürs Impfen wiederaufzunehmen oder ihn zu installieren, wenn es noch keinen gibt.

"Impfzentrum - alles super. Aber die Fahrt dahin und zurück muss mitgedacht werden. Damit kein Impftermin nur deshalb ausfällt, weil ein 80- oder 90-jähriger Mensch sagt: Ich würde mich sofort impfen lassen, aber wie komme ich hin und wie wieder zurück?"

Elisabeth Winkler musste sich darum keine Sorgen machen. Und genießt die Gewissheit, dass der Bürgerbus sie auch zum Einkaufen bringt – irgendwann, wenn die 82-Jährige selbst für Kurzfahrten nicht mehr ans Steuer will.

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