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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.11.2011

Mit Büroklammern und Ahornsamen

Ch. Ucke und H. J. Schlichting: "Spiel, Physik und Spaß", Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2011, 152 Seiten

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Ganz einfache Gegenstände genügen, um Physikforscher werden zu können. (Stock.XCHNG / Goncalo Gil)
Ganz einfache Gegenstände genügen, um Physikforscher werden zu können. (Stock.XCHNG / Goncalo Gil)

Das Spiel ist die höchste Form der Forschung, soll Albert Einstein einst gesagt haben. Christian Ucke und Hans-Joachim Schlichting stellen dieses Zitat ihrem Buch voran. Dann folgen 44 Experimente, bei denen die Leser selbst spielerisch physikalische Zusammenhänge erforschen sollen.

Küche, Wohn- oder Arbeitszimmer werden im Handumdrehen zum Physiklabor – und binnen Minuten bringt man Begriffe zusammen, die viele bisher für Gegensätze hielten: Physik und Spaß. Man spürt auf jeder Seite, dass die beiden Autoren sich als Physiker viel mit der Lehre beschäftigt haben und es ihnen ein Anliegen ist, ihr Fach ebenso unterhaltsam wie informativ zu präsentieren.

Für die meisten Versuche reichen ganz alltägliche Utensilien wie Büroklammer, Teelöffel, Ahornsamen, Bierdeckel, Glas oder Magnet. Bei manchen sind allerdings spezielle Physikspielzeuge erforderlich, für die die Autoren geeignete Bezugsquellen angeben. Wer "Spiel, Physik und Spaß" gelesen hat, für den sind Büroklammern plötzlich nicht mehr Sinnbild eines öden Arbeitsalltags. Denn mit Büroklammern lassen sich die Grundlagen der Kreiselphysik erfassen und verstehen, wie Hängebrücken konstruiert werden. Ahornsamen offenbaren verblüffende Gemeinsamkeiten mit Hubschraubern, die man spielerisch auch mit einem Blatt Papier nachstellen kann.

Das Buch gliedert sich in die vier Bereiche Mechanik, Thermodynamik, Elektromagnetismus und Optik. Jedes Experiment wird auf zwei oder drei Seiten vorgestellt. Beim Schmökern kann man problemlos von einem Experiment zum anderen springen – und zu schmunzeln gibt es auch einiges. So empfehlen die Autoren, öfter mal ins Glas zu schauen – denn Weingläser lassen sich zum glockenartigen Klingen bringen oder dienen wahlweise als Spiegel oder Vergrößerungsglas. Wer sich in diesen Wochen eine Weihnachtspyramide in die Wohnung stellt, wird sie sehr schnell als Aufwindkraftwerk wahrnehmen und den Luftstrom zu optimieren versuchen. Vorsicht, die Spielereien in diesem Buch haben Suchtpotential!

Aber Christian Ucke und Hans-Joachim Schlichting beschränken sich nicht auf das Spielerische. Wo viele andere Experimentierbücher allenfalls andeuten, welchen physikalischen Gesetzmäßigkeiten man gerade nachspürt, liefern die beiden Autoren handfeste Physik, inklusive etlicher Formeln und wissenschaftlicher Grafiken. Sie erklären, wo in Wissenschaft und Technik die behandelten Phänomene eine Rolle spielen. Für manche Leser und Spieler mag das zu viel des Guten sein. Aber dafür ist dieses Buch perfekt für Physiklehrer geeignet: Jetzt gibt es keine Ausrede mehr, Schüler im Unterricht allein mit Kreide an der Tafel zu langweilen. Wer eine ausgefallene Spielidee für den ambitionierten Kindergeburtstag sucht, wird in diesem Buch sicher fündig.

Eine große Hilfe sind die vielen Verweise auf weiterführende Literatur und Informationen, die sich im Internet finden lassen. Einziger Kritikpunkt ist, dass der Verlag eine sehr kleine Schriftgröße gewählt hat. Doch das schmälert keineswegs die Freude, die dieses Buch allen Neugierigen und Spielwütigen bereitet – es zwingt geradezu zum Mitdenken und Nachmachen oder auch zum Nachdenken und Mitmachen!

Besprochen von Dirk Lorenzen

Christian Ucke und H. Joachim Schlichting: Spiel, Physik und Spaß - Physik zum Mitdenken und Nachmachen
Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2011
152 Seiten, 24,90 Euro

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