Dienstag, 18.09.2018
 

Zeitfragen | Beitrag vom 24.08.2018

Mit Adam Zagajewski durch KrakauDer Dichter des Sichtbaren

Von Carsten Hueck

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Der Dichter Adam Zagajewski (dpa / Beata Zawrzel/ NurPhoto)
"Ich habe keine poetische Ideologie. Für mich soll jedes Gedicht eine kleine Offenbarung sein", sagt Dichter Adam Zagajewski. (dpa / Beata Zawrzel/ NurPhoto)

Adam Zagajewski gilt seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Der melancholische Mann aus Krakau wäre ein würdiger Preisträger: humanistisch gebildeter Weltbürger, poetischer Traditionalist und visionärer Verteidiger einer brüchig gewordenen Zivilisation.

Versuch's, die verstümmelte Welt zu besingen.
Denke an die langen Junitage,
und an die Erdbeeren, die Tropfen des Weins rosé.
An die Brennesseln, die methodisch verlassene
Gehöfte der Vertriebenen überwucherten.
Du mußt die verstümmelte Welt besingen.

Du hattest die eleganten Jachten und Schiffe betrachtet;
Eins davon hatte eine lange Reise vor sich,
ein anderes erwartete nur das salzige Nichts.
Du hast die Flüchtlinge gesehen, die nirgendwohin gingen.
Du hast die Henker gehört, die fröhlich sangen.
Du solltest die verstümmelte Welt besingen.

 
Eine Woche nach dem Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers im September 2001 beschloss das Gedicht "Versuch's, die verstümmelte Welt zu besingen" die 9/11-Sonderausgabe des legendären Kulturmagazins "The New Yorker".

Verfasst hatte es Adam Zagajewski, der polnische Dichter, der damals in Houston "Creative Writing" unterrichtete und in Paris lebte. Kein Zufall, dass ein Europäer in dieser besonderen Weise auf den Schock einer "Verstümmelung der Welt" antwortete. Zerstörung und Wiederaufbau seines Kontinents, das Trauma zweier Weltkriege, das humanistische Erbe und der Wille, gerade angesichts dieser Erfahrungen das Gute zu bewahren, sind Zagajewskis Dichtung eingeschrieben.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gedicht in den USA: als poetisches Statement, als lyrische Antwort auf eine Katastrophe und als selbstbewusste Entgegnung eines Weltbürgers auf Gewalt und Zerstörung. Besungen werden muss die Welt weiterhin, auch als verstümmelte.
  
Denke an die Augenblicke, als ihr beisammen wart
In dem weißen Zimmer und die Gardine sich bewegte.
Erinnere dich an das Konzert, als die Musik explodierte.
Im Herbst sammeltest du Eicheln im Park

und die Blätter wirbelten über den Narben der Erde.
Besinge die verstümmelte Welt
und die graue Feder, die die Drossel verlor,
und das sanfte Licht, das umherschweift und verschwindet
und wiederkehrt.

Adam Zagajewski: "Das Gedicht war schon lange vorher fertig. Es war nicht, als das Unglück geschah. Aber diese eine Linie habe ich in einem Zug irgendwo geschrieben. Und dann, einige Wochen später habe ich daraus dieses Gedicht gemacht. Und dann hat dieses Gedicht anderthalb Jahre später serviert, sozusagen."

"Ich habe keine Heimat im engen Sinne"

Zagajewski ist kein Dichter des spontanen Engagements. Sicher aber ein Dichter der Krise. Einer, der angesichts historischer, politischer und menschlicher Katastrophen aber nicht zum Zyniker oder Nihilisten wird, sondern darauf beharrt, den Blick für Schönheit und menschliche Werte nicht aufzugeben.

"Versuch's, die verstümmelte Welt zu besingen" hatte er geschrieben aufgrund einer gemeinsamen Reise mit seinem Vater nach Lemberg, in die einstige Habsburgermetropole und verlorene Heimat seiner Familie.

Dort, inmitten der Trümmer Europas, wurde Adam Zagajewski im Juni 1945 geboren. Millionen Menschen waren ermordet worden oder verhungert, Millionen befanden sich auf der Flucht. Lemberg, polnisch Lwów, wurde aufgrund der Verabredung dreier älterer Herren zum ukrainischen Lwiw. Und Zagajewskis Familie musste – da war er gerade vier Monate alt – ins ehemals deutsche Gleiwitz ziehen.
 
Hinter uns blieben die Massengräber zurück
und das obdachlose Leiden
Jetzt sind wir obdachlos
und es gibt nur diesen Augenblick

schimmernde Spinnweben und Weißdornsträucher
Ich weiß noch nicht, was Musik ist
Ich kenne keine Landkarte
ich ahne noch nicht, dass die Schule
mit ihrem preußischen Backstein nach
Bismarck riechen wird, nach Geodreieck und Narbe
noch dass unsere vierköpfige Familie
vollkommen wie das beste Quadrat sein
aber dann untergehen wird wie Byzanz

Adam Zagajewski: "Ich habe keine Heimat im engen Sinne wie Leute, die als Kinder sich mit dem Gebiet identifiziert hatten, wo sie geboren waren und wo sie in die Schule gingen. Für mich es war schon Gleiwitz, aber nicht ohne Reservation. Denn meine Familie hat mir angedeutet: Das ist nicht deine Heimat. Deine Heimat ist geblieben, dort, in Lemberg. Natürlich, am Anfang habe ich das nicht akzeptiert. Für mich war Gleiwitz doch meine Welt. Aber später doch. Vielleicht war meine Heimat meine Kindheit, nicht geografisch bestimmt. Also, wie eine Brücke zwischen Lemberg und Schlesien."
 
In Gleiwitz war einst das Kino Grażyna,
so getauft zu Ehren eines anderen Kinos –
das andere befand sich in Lemberg, in der Sapieha-Straße
– und die Straße des kalten Wassers, benannt zu Ehren
nicht mehr existenter, vergilbter Pläne,
läuft immer noch am schwarzen, öligen Fluß entlang
doch am Ende siegte das Vergessen,
das Vergessen, rund wie ein Ball,
süß wie eine Erdbeere, endgültig
wie das Jüngste Gericht.

"Juli, die Amseln singen nicht mehr"

Die Erinnerung an Verlorenes, eine unübersehbare Nostalgie, durchzieht das gesamte poetische Werk Adam Zagajewskis. Kein lyrisches Ich spricht bei ihm, es ist immer der Dichter selbst, der sich in Verbindung setzt zu Menschen, Orten, großen und kleinen Ereignissen. Und auch zur kulturellen Tradition: zu Werken der Literatur, der bildenden Kunst und der Musik.

In seinem Gedichtband "Asymmetrie" aus dem Jahr 2017 erinnert sich Zagajewski an den Eindruck, den in seiner Jugend das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow auf ihn gemacht hat. Und vergleicht ihn mit seinem gegenwärtigen Erleben – dem eines alten Menschen.

Rachmaninow
 
Wenn ich früher das dritte Konzert hörte,
war mir noch nicht klar, dass für Kenner
diese Musik zu konservativ ist,
ich hörte in ihm ein Versprechen der Dinge, die kommen würden,
die Ankündigung eines schwierigen Glücks, der Liebe, eine Skizze
der Landschaften, die ich noch kennenlernen sollte,
eine Ahnung von Fegefeuer und Paradies, von Wanderung,
und schließlich villeicht auch von etwas wie Verzeihung.

Wenn ich jetzt höre, wie Martha Argerich das Konzert d-Moll
interpretiert, bewundere ich ihr meisterhaftes Spiel,
ihre Leidenschaft, Inspiration, und zugleich versucht der Junge,
der ich einmal war, zu verstehen, nicht ohne Mühe,
was sich erfüllt hat und was erloschen ist. Was lebt.

Wie der Komposition Rachmaninows oder der Chaconne von Bach, einem Vers von Mandelstam und den Motiven von Delacroix schenkt der Dichter auch einer verstummten Amsel seine Aufmerksamkeit, einem Paar alter Sandalen, einem Bleistift, einem Bücherregal.

Zagajewski beschwört Dinge des Alltags ebenso wie Tiere. Und plötzlich verlieren sie ihre Banalität, sie beginnen zu sprechen – und erzählen von unserer Existenz.

Juli, die Amseln singen nicht mehr.
Ich sitze auf einer Bank am Ufer des trägen Flusses,
höre einen hasserfüllten Streit zwischen Liebenden,
die ich nicht kenne und nie kennenlernen werde.

Verschwitzte Sportler laufen durch die Allee.
Gleichgültig glänzt die Morgensonne
Auf dem ruhigen dunklen Wasser,
das die Verkörperung der Passivität ist.

Ein kleiner Junge trägt eine Plastiktüte
Mit der grellen Aufschrift Men’s Health.
Die Seelen begegnen sich fast nie,
die Körper kämpfen im Schutz der Dunkelheit.

In der Nacht kommt Regen, zart wie ein Haiku.
Gegen Morgen plappern leichte Glocken über der Stadt.
Solange wir leben.

"Ich hatte zwei Vaterländer verloren"

Vielleicht verdankt sich diese Fähigkeit – oder sollte man sagen: Obsession –, den Alltag zum Sprechen, gar zum Leuchten zu bringen, frühkindlichen Erfahrungen des Dichters, in denen das Gefühl für Vergänglichkeit und Verlust sowie leidenschaftliche Neugier sich vermischen mit der Aufmerksamkeit gegenüber Fremdem, der Wertschätzung des Vorhandenen und der Sehnsucht, einen eigenen Kosmos zu errichten. Um Gutes zu bewahren und auf die Schönheit der Welt hinzuweisen, trotz oder gerade wegen eines hochsensiblen Wissens um ihr beständiges Gefährdet-Sein.

Ich hatte zwei Vaterländer verloren und suchte nach einem dritten. Nach dem Ort für meine Einbildungskraft, nach einem Hoheitsgebiet, das mir erlaubt hätte, meinem noch unklar ausgeprägten Kunstbedürfnis freien Lauf zu lassen. Ich hatte die reale Stadt verloren und suchte nach einer Stadt der Einbildungskraft. Verhältnismäßig spät, später als andere Leute, wählte ich die Poesie als Ziel meines Suchens.

In Gliwice, der ehemals schlesischen Provinz- und Garnisonsstadt Gleiwitz, verbringt Zagajewski Kindheit und frühe Jugend. Sein Vater unterrichtet an der Polytechnischen Hochschule. Er selbst lernt in der Schule Russisch und Latein, privat Englisch und Deutsch.

Die frühen, prägenden Eindrücke sind grundiert von den Erzählungen der Eltern und des Großvaters über die versunkene Welt Lembergs. Innerlich akzeptierten sie nie den Wechsel nach Gliwice. 1963, nach Abschluss des Gymnasiums, geht Zagajewski nach Krakau.

Ich kam zum Studium, ein löbliches, pragmatisches Unterfangen, aber es ging mir auch um etwas anderes. Halb unbewußt verlangte es mich auch danach, meine Stadt wiederzufinden, jene Stadt, von der ich wußte, daß sie für immer verloren war. Aber wir suchen ja oft etwas, was nicht mehr da ist.
 
Adam Zagajewski: "Die Stadt musste sehr grau sein und sehr grau-sowjetisch wirkend. Aber nach Gleiwitz für mich war das doch eine Weltstadt. Im kulturellen Sinne: Es gab ein sehr gutes Theater und Ausstellungen und irgendwie die Philharmonie. Und das war, was ich wollte. Ich hatte auch eine Legende und dachte: Das muss eine Stadt sein, wo in fast jeder Wohnung ein Künstler lebt. Ich war nicht sehr realistisch, aber das hat mir sehr gefallen, eben diese Stadt fantastischer auszumalen, als sie war. Denn ich habe viel später ein Buch darüber geschrieben, und einige Freunde sagten: Doch, das war eine so graue Stadt! Wie konntest du das so empfinden als eine wunderbare Stadt? Die Fantasie macht Wunder. Also, das ist die Philharmonie, die dafür berühmt ist, dass, wenn die Straßenbahn nebenbei kommt, dann hört man es. In den Adagios kann man die Straßenbahn hören. Ich würde nicht sagen, dass das einen großen Charme hat."

"Das war eine Tram, nicht ein Traum, sondern eine Tram."

Lange hat Adam Zagajewski im Ausland gelebt. In Deutschland, Frankreich, den Vereinigten Staaten. Anfang der 2000er-Jahre kehrte er wieder dorthin zurück, wo seine intellektuelle Biografie und sein Leben als Schriftsteller begannen. Krakau war in seinen Gedichten immer präsent. Die Erinnerung an Orte, Menschen und die Begegnungen mit ihnen ist die Erinnerung an das Leben an sich – das fortwährend vergeht und nur in der Literatur Dauer erhält.

Herr Władziu war Frisör (Salon Herren-
Damen in der Karmelicka-Straße). Klein und zierlich.
Ihn interessierte nur eines: Angeln.
Als er zum Arzt ging, war es schon zu spät.
Die Karmelicka-Straße hat seinen Tod nicht bemerkt:
In der Kurve kreischen die Straßenbahnen,
die Kastanien blühen jedes Jahr wie im Rausch.

Zagajewski ist ein Bewahrer, aber kein dichtender Chronist. Obwohl der erste Vers bei ihm oft wie eine Datierung, auch Verortung wirkt:
 
"Es war ein Sommer am Mittelmeer"
"Krakau war morgens bewölkt"
"Venedig, November, schwarzer Regen"
"Juli, die Amseln singen nicht mehr"

Die Sehnsucht nach dem Konkreten

Adam Zagajewski: "Na, ich denke, es ist meine Sehnsucht nach dem Konkreten. Ich mag nicht Gedichte, die abstrakt sind, die rhetorisch etwas besagen, als ob das in jedem Land passieren könnte, in jeder Jahreszeit. Es ist vielleicht ein bestimmtes Merkmal der Lyrik heute. Die Lyrik heute will konkret sein, die will nicht, so wie manchmal die Alten diese Maximen über Leben gegeben haben, ohne Verankerung in dem Konkreten. Für mich ist das Konkrete sehr wertvoll. Vielleicht wie sowieso, ein Gedicht muss abstrakt sein. Also, um ein Äquilibrium zu haben zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten. Und deswegen auch Monate, deswegen manchmal der Straßenname, der Platz, die Stelle, wo das sich ereignet. Obwohl: Nicht immer kommt das aus einem Ereignis. Manchmal kommt es schon aus einem konkreten Ereignis. Und dieses Konkrete? Ich glaube, das gibt dem Gedicht eine gewisse Energie."

Spannung zwischen dem Konkreten und Abstrakten zeichnet auch die zahlreichen Essays des Autors aus. "Ich schwebe über Krakau" ist der Titel der Erinnerungsbilder in Prosa, die im Jahr 2000 erschienen. Darin heißt es:

Ich kann nicht Krakaus Geschichtsschreiber sein, obwohl mich Menschen und Ideen, Bäume und Mauern, Feigheit und Mut, Freiheit und Regen interessieren. Mich interessieren auch Hauswände und Mauern; der Ort, an dem wir leben, ist nicht gleichgültig für die Formung unserer Existenz. Die Landschaften dringen in unser Inneres ein und hinterlassen Spuren nicht nur auf der Netzhaut des Auges, sondern auch in den Tiefenschichten der Persönlichkeit.

Krakau, einst Sitz der polnischen Könige, Stadt der Kleriker und Dichter, im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört, bezaubert mit jahrhundertealter Architektur bis heute. Florentinische Baumeister, fränkische Buchdrucker, polnische Patrioten, jüdisches Bürgertum machten die Stadt zu einem kulturellem Zentrum.

Auf dem Rynek, mit 40.000 Quadratmetern einer der größten Marktplätze Europas, steht ein Denkmal des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz. Die Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska lebte in Krakau und am Ende seines Lebens auch der aus Wilna stammende Czesław Miłosz. Zagajewski war mit beiden befreundet.

Zagajewski liebt es, durch seine Stadt zu flanieren. Besonders über den von hohen Bäumen beschatteten Grünstreifen, der die prächtige innere Stadt umschließt wie die Fassung das Juwel.

Adam Zagajewski: "Dieser Park, der heißt Planty, wissen Sie? Das ist ein Gürtel, wo früher die Stadtmauer war. Für mich ist besonders diese Sektion wie ein Naturreservat. Wenn die Amseln zu singen beginnen, dann gibt es hier die größte Zahl der Amseln in der Stadt. Leider schon so Mitte Juni, die fangen an, still zu werden, dass sie dann Ende Juni schon andere Sachen machen. Die singen nicht mehr, leider. Es gibt noch einige. Die streiten jetzt. Ruhe bitte! Um diese Zeit sieht man viele Drosseljungen, die Jungen, die noch ganz… Sehen Sie? Das ist eine junge Drossel, die noch nicht ganz gut weiß, wie man leben soll, weil, es gibt die Eltern, die den Jungen zeigen, wie die Welt ist. Die geht zur Mutter, die will noch wissen. Ich weiß nicht, warum, aber dieser Teil von Planty ist so ornithologisch unglaublich reich."

Unweit von Kazimierz, dem ehemals jüdischen Viertel Krakaus, einst Kulisse für Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste", das szenig renoviert, mit Cafés und Restaurants versehen, seit einigen Jahren vor allem amerikanische Touristen auf der Suche nach ihren Wurzeln anzieht, bleibt Adam Zagajewski in einer kleinen, ruhigen Straße vor einem unauffälligen, gelben Haus stehen. Auf seinen Spaziergängen kommt er regelmäßig her.

Adam Zagajewski: "Also: Hier lebte Miłosz. Jetzt hat die Stadt die Wohnung gekauft, und es wird hier ein kleines Museum, ein Miłosz-Museum. Er war hier ganz glücklich. Die Tragödie seiner späten Jahre war, dass seine Frau, die viel jünger war, gestorben ist, zwei Jahre vor ihm. Und das war wirklich eine Katastrophe für ihn. Er hatte noch einige Freunde, die er vor dem Krieg kannte, wenige natürlich, des Alters wegen, aber doch einige noch. Und viele junge Freunde! Er war sehr gesellschaftsfähig. Er liebte das, mit Freunden viele Gläser zu trinken. Viele Leute pilgerten nach Krakau, pilgerten, um eine halbe Stunde mit ihm zu verbringen und eine Signatur zu kriegen. Und er war auch ganz offen. Kein Beckett."

Czesław Miłosz, polnischer Literaturnobelpreisträger von 1980, war, nachdem er sich mit den kommunistischen Machthabern seines Landes überworfen hatte, in den 1950er-Jahren nach Frankreich emigriert und später in die USA gegangen.

"Das war energisch, politisch. Das war eine Revolte"

In Berkeley wurde er Professor für slawische Sprachen und Literatur. Gedichte schrieb er weiterhin auf Polnisch. Auch Adam Zagajewski hat während der Jahre in Paris und den USA Gedichte weiterhin in seiner Muttersprache geschrieben.

1975 wollte die Kommunistische Partei Polens die Freundschaft mit der Sowjetunion in der Verfassung verankern und Bürgerrechte einschränken. Künstler und Intellektuelle, unter ihnen Zagajewski, protestierten in einem "Brief der 59".

Adam Zagajewski: "Ich wusste, dass damit meine Karriere fast zu Ende sei, denn ich hatte dann ein Publikationsverbot bekommen nach dieser Signatur."

Zu diesem Zeitpunkt war Zagajewski bereits als Autor und Lyriker bekannt. Er war Gründer der Dichtergruppe "Jetzt" und gehörte der Künstlergruppe "Neue Welle" an, in der er sich einen Namen als Kritiker und Theoretiker gemacht hatte.

Zagajewski forderte eine Erneuerung der polnischen Literatur durch den Realismus und propagierte die "Wahrheit" der Alltagssprache, eine "direkte" Sprache im Gegensatz zur symbolisch oder propagandistisch aufgeladenen. Gesellschaftliche Konventionen und ideologische Vorgaben kommentierte er mit feiner Ironie.

Adam Zagajewski: "Plötzlich schrieb man nicht über die ewigen Sachen der Poesie, die schon seit 5000 Jahren bekannt sind. Das war energisch, politisch. Das war eine Revolte. Das war erfrischend. Es gab eine neue Geste. Ich glaube, jede Generation schwärmt davon, eine neue Geste zu erfinden oder eine neue Geste gegeben zu haben. Und es war etwas Neues da, eben diese Rebellion, die Ironie. Und das hat mir sehr gefallen."

Das Publikationsverbot für Zagajewski galt für alle staatlichen Verlage. Erst nach Abschaffung der Zensur 1990 erschienen seine Bücher wieder in ihnen. In den Jahren davor veröffentlichte er im Untergrund und – auch das ist Polen – in einem kirchlichen Verlag.

Adam Zagajewski: "Das Verbot war ein bisschen flexibel. Es galt nicht für den katholischen Verlag. Und schon zwei Jahre später oder drei Jahre später habe ich ein Buch in einem katholischen Verlag veröffentlichen können. Das waren Essays, ja, nicht Gedichte. Gedichte habe ich in diesen Jahren im Samisdat verlegt. Aber das waren nicht die besten Jahre für meine Gedichte. Es war so paradox, denn ich war mit ganzem Herzen für die Opposition gegen die Regierung. Aber meine Gedichte wollten das nicht. Also, ich war nicht ganz glücklich mit meinen Gedichten. Ich habe einiges Politisches geschrieben, aber ich hatte einige Freunde, die viel besser darin waren, die alles darauf gesetzt haben, die Dichter der Opposition zu sein. Ich war immer 50 Prozent, also in meinem Schreiben! In meiner Seele war ich ganz dafür. Deswegen ging ich nach Berlin. Und das hat mir auch geholfen, diese Ruhezeiten."

Erst nach Berlin, dann Anfang der 1980er-Jahre nach Paris. Zagajewski war kein verfolgter Dichter, doch ein Emigrant. Nach Paris ging er der Liebe wegen. Zu einer Frau und zur Dichtung. Während in Polen sich der Konflikt zwischen der kommunistischen Regierung und der Solidarność zuspitzte und die Literatur zunehmend als Instrument im Kampf der Opposition verstanden wurde, entwickelte Zagajewski seine Poetik weiter. Er ging auf Abstand zur Geste dichterischer Rebellion.

Adam Zagajewski: "Denn diese Geste hat sich dann erschöpft. Eine Geste kann man nicht tausend Mal wiederholen. Das fand ich ein bisschen langweilig, denn für mich: Die Kunst ist ins Offene, ins Endlose. Das Vaterland ist nicht die letzte Adresse der Kunst."

Zagajewski ließ den Anspruch fallen, programmatisch zu dichten, oder die Wirklichkeit maßstabsgetreu abzubilden. Sein Realismus gewann eine weitere Dimension hinzu. Fortan setzt er auf geistige Individualität, auf die Kreativität der eigenen Erfahrung und deren Umformung in Poesie.

"Ein Dichter soll gute Gedichte schreiben"

Seine Dichtung ist privat und existenziell. Überzeugend macht er die Welt durch eigenes emotionales und intellektuelles Erleben, durch den persönlichen Blick erfassbar. Zagajewski ist vertraut mit der Metaphysik, Grenzen der Realität, so wie sie gemeinhin verstanden werden, überschreitet er.

Rationalität und Empfindung, Demut und Wildheit, Erinnerung an Gewesenes und Aufmerksamkeit für den Moment verbindet er leidenschaftlich und ironisch. Seine Verse können Schmerz und Angst nicht auslöschen, wollen das auch nicht, aber sie trösten ohne Pathos.
 
Dichter gehen auf Feldwegen spazieren. Der Weg hat kein Ende.
Manchmal regieren sie, und dann erstarrt alles
- ­doch ihre Herrschaft dauert nicht lange.
Wenn der Regenbogen erscheint, verschwindet die Unruhe.
Sie wissen nichts, aber sie notieren einzelne Metaphern.
Sie verabschieden ihre Toten, ihre Lippen bewegen sich.
Sie schauen, wie alte Bäume sich mit grünen Blättern bedecken.
Lange schweigen sie, dann singen und singen sie, bis die Kehle birst.

Adam Zagajewski: "Ein Dichter soll gute Gedichte schreiben. Die müssen nicht unbedingt über das Politische sprechen. Aber Gedichte zu schreiben, ist eine Art Loyalität gegen die Tradition, gegen dieses langweilige, eigentlich nicht langweilige, aber wie manche sagen, langweilige Humanistische. Das ist eine sehr schöne Tradition, wo man schöne Sachen verteidigt: höhere Kultur. Dann hört man: Man ist Elitist und so weiter. Das stört mich. Also, ein Dichter zu sein, ist eine Sache der Loyalität, einer gewissen Konsequenz auch. Und Geduld. Und Langsamkeit. Es gibt jetzt Fastfood und Slowfood. Genauso in der Kultur. Es gibt Fastfood des Populismus und Slowfood nicht des Konservatismus, aber eben diese Loyalität, diese Verteidigung der Werte. Obwohl, wenn man das ausspricht, klingt das so altmodisch."
 
Der Dichter, auch wenn er die 70 überschritten hat, auch wenn er für manch einen Jüngeren als mythischer Langweiler gilt, lebt ganz in seiner Zeit und nimmt Anteil an allem, was ihn umgibt. Leidet, wenn seine Katze im Garten einen Vogel tötet, und engagiert sich, wenn die nationalkonservative Regierung der PIS den Rechtsstaat demontiert. Seine Werke, vielfach mit prestigeträchtigen Preisen ausgezeichnet, sind weltweit übersetzt, seit Jahren gilt der zarte und melancholische Mann aus Krakau als Anwärter auf den Literaturnobelpreis.

Er wäre ein würdiger Preisträger: humanistisch gebildeter Weltbürger, poetischer Traditionalist, überzeugter Europäer und visionärer Verteidiger einer brüchig gewordenen Zivilisation.

Adam Zagajewski: "Ich fühle mich irgendwie verantwortlich, natürlich ohne das so ganz buchstäblich zu nehmen. Aber ich glaube, Poesie und die Kunst hat einen Anteil an der Zivilisation. Für mich ist mein Ziel, mein Traum ist, in jedem Gedicht ein bisschen Poesie zu haben. Die Poesie stammt aus der Vergangenheit oder aus einer Beobachtung, die ich gestern getan habe. Ich habe keine Ideologie, keine poetische Ideologie. Für mich soll jedes Gedicht eine kleine Offenbarung sein, eine Offenbarung nicht unbedingt Gottes, aber eine Offenbarung."
 
Wach auf
 
Wach auf meine Seele.
Ich weiß nicht wo du bist,
wo du dich versteckt hast,
aber ich bitte dich, wach auf,
noch sind wir zusammen,
noch liegt ein Weg vor uns,
unser Stern wird der helle
Saum des Morgens sein.

Adam Zagajewski: "Ich glaube, es gibt eine Welt der Poesie. Ich weiß nicht, wo sie ist. Aber jedes Gedicht soll daran anspielen. Ich weiß, es klingt ein bisschen mystisch, oder? Ich glaube, die Poesie existiert ontologisch. Es gibt irgendwo Poesie. Die ganze Kunst ist ein Versuch, eben die Tür zu dieser anderen Welt ein bisschen aufzumachen, also eine kleine Offenbarung."
 
Jedes Gedicht, selbst das kürzeste,
kann sich in ein erblühendes Poem verwandeln,
wahrscheinlich könnte es sogar explodieren,
denn überall verbergen sich unermessliche
Vorräte an Herrlichkeit und Grausamkeit und warten
geduldig auf unseren Blick, der sie befreien kann
und entfalten, wie sich die Schleife der Straße im Sommer entfaltet –
wir wissen nur nicht, was überwiegen wird, und ob unsere

Erfindungsgabe
mit der reichen Wirklichkeit Schritt halten kann;
eben deshalb muss jedes Gedicht
von der ganzen Welt sprechen.
 



Zitierte Gedichte

Versuch's, die verstümmelte Welt zu besingen 
Aus : "Die Wiesen von Burgund". Ausgewählte Gedichte,
Hrsg. und übersetzt v. Karl Dedecius,
Carl Hanser Verlag. München/Wien, 2003

Reise von Lemberg nach Schlesien ( S.4)
Aus: "Asymmetrie". Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag. München 2017

Grazyna ( S. 5)
Aus: "Asymetrie". Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag. München 2017

Rachmaninow ( S.6)
Aus: "Asymetrie". Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag. München 2017
 
Juli ( S. 7)                                                           
Aus: "Asymetrie" Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag. München 2017

Herr Wladziu (S. 10)
Aus: "Asymetrie". Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag. München 2017
  
Feuer (S. 16)
Aus : "Die Wiesen von Burgund". Ausgewählte Gedichte,
Hrsg. und übersetzt v. Karl Dedecius,
Carl Hanser Verlag, München/Wien 2003
 
Dichter sind Vorsokratiker ( S.17)
Aus: "Asymmetrie". Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag, München 2017

Wach auf (S. 18/ 19 )
Aus: "Asymmetrie". Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag, München 2017

Erblühendes Poem ( S. 19)
Aus: "Asymmetrie". Gedichte,
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall,
Carl Hanser Verlag, München 2017
 
Zitate S. 8 / 9 / 11
Aus : "Ich schwebe über Krakau". Erinnerungsbilder
Aus dem Polnischen von Henryk Bereska
Carl Hanser Verlag, München/Wien 2000

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