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Tonart | Beitrag vom 28.09.2018

"Mission Bell" von William FitzsimmonsBloß kein depressives Album

William Fitzsimmons im Gespräch mit Oliver Schwesig

William Fitzsimmons Auftritt beim A Summer's Tale-Festival in der Lüneburger Heide (picture alliance / Jazz Archiv / Isabel Schiffler)
Ich kann kein fröhliches Album machen, meint William Fitzsimmons. (picture alliance / Jazz Archiv / Isabel Schiffler)

„Meine anderen Platten tun manchmal weh“, sagt der Songwriter William Fitzsimmons. Sein neues Album sei zwar nicht fröhlich, aber zumindest nicht mehr so schwarz-weiß wie die früheren. "Mission Bell" erschlage die Zuhörer nicht.

Oliver Schwesig: Ich habe gelesen, dass bei diesem Album ganz dramatische persönliche Erlebnisse den Hintergrund für die Songs bildeten. Können Sie darüber mehr erzählen?

William Fitzsimmons: Klar. Das Letzte, was ich machen wollte, war ein weiteres depressives Singer/Songwriter-Album. Aber das Leben kommt einem leider manchmal dazwischen. Um es kurz zu fassen: Als ich das Album schrieb, war ich nicht gerade in guter Verfassung. Meine Ehe geriet aus den Fugen, ich aber habe so getan, als wäre alles okay. Aber wenn man Musik schreibt, dann kann man sich nichts vormachen. Das Unterbewusstsein nimmt Überhand, und herausgekommen sind diese ehrlichen Songs, die jetzt auf dem Album gelandet sind. Die Platte hat für mich als Weckruf fungiert, mit der Botschaft, dass ich der Realität entgegen treten muss.


Schwesig: Und wenn Sie jetzt sagen, Sie wollten eigentlichen nicht wieder so ein depressives Album machen: Was hatten Sie denn eigentlich vor? Ein Album mit optimistischen Liedern?

Fitzsimmons: Auf jeden Fall kein fröhliches Album. Das kann ich gar nicht. Ich meine, ironischerweise - und dank meines Produzenten Adam Landry – ist jetzt ein Album entstanden, das sehr komplex ist. Ich stehe zu meinen frühen Songs – da gibt es sicher eine Handvoll guter Lieder - , aber die Art und Weise, wie sie auf den Alben klingen – das ist schon sehr direkt. Schwarz und Weiß, nichts dazwischen. Ich wollte jetzt aber ein Album aufnehmen, das auch die Zwischentöne in sich trägt und damit die Phase, in der ich mich befand, möglichst konkret widerspiegelt. Und ich glaube, jetzt haben wir ein Album aufgenommen, das einen nicht erschlägt. Es gibt natürlich traurige Momente, aber auch die wird facecttenreich geschildert, nichts ist schwarz-weiß.

Die erste Version landete im Müll

Schwesig: Eine große Rolle – Sie haben ihn schon erwähnt – spielte der Produzent Adam Landry, der das Album gerettet hat, habe ich gelesen. Wie sind Sie da vorgegangen? Was hat er so toll verändert?

Fitzsimmons: Auch für ihn waren die Umstände damals nicht die besten – Untreue, andere Schlechtigkeiten – niemand war in guter Verfassung. Natürlich können leidende Künstler großartige Songs schreiben, aber man muss ehrlich mit sich selbst sein. Und ich musste die erste Version des Albums wegwerfen, weil ich nicht ehrlich zu mir selbst war. Eines Tages habe ich meinen Jeep mit einem Teil meines Equipments beladen und bin nach Nashville gefahren. Dort habe ich Adam Landry getroffen. Vielleicht hört es sich kitschig an, aber die Aufnahmen waren Therapie und Freundschaftstrip gleichermaßen. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, und immer dann, wenn es sich richtig anfühlte, ließ er das Aufnahmeband laufen.

Der Weckruf

Schwesig: Das ist interessant. Ich habe nämlich den positiven Eindruck beim Hören, dass die neuen Songs weniger spartanisch sind, eher klanglich aufgefüllt. Die wirken auch breiter. Was hat sich denn da beim Schreiben auch bei Ihnen über die Jahre verändert?

Fitzsimmons: Beim Songwriting habe ich zwei Bedingungen, die zunächst mal paradox scheinen: Die Songs sollen einerseits so simpel wie möglich sein, andererseits aber auch maximal tiefgründig. Ich bin kein großer Theoretiker. Ich kann wie ein Weltmeister auf der Gitarre Saiten zupfen, aber niemals könnte ich ein Lied von der Komplexität eines Radiohead-Songs schreiben. Adam Landry – im Gegensatz zu mir – hat aber diese Fähigkeit. Er hat also die musikalische Komplexität reingebracht. Ich habe ja am Anfang gedacht, dass dabei die Texte untergehen würden. Aber jetzt erlebe ich es ganz anders: Wenn du richtig dick auftischst, dann haben die Leute auch richtig viel davon. Das macht die neue Platte zu meinem Lieblingsalbum, zu der Platte, die beim Hören nicht wehtut. Denn, tut mir leid, das sagen zu müssen, aber meine anderen Platten tun echt manchmal weh.

Schwesig: Was bedeutet der Titel "Mission Bell"?

Fitzsimmons: Als die Spanier vor ein paar Hundert Jahren die Westküste der USA erreichten, haben deren katholische Priester an der gesamten Küste Kaliforniens entlang Missionshäuser errichtet. Die Glocken dieser Gebäude waren zentraler Bestandteil des Alltagslebens. Sie läuteten morgens, um die Leute aufzuwecken, mittags, wenn es Zeit war zu essen, wenn sich Eindringlinge näherten und so weiter. Und ich finde, die Metapher des Weckrufs passt ganz gut zu der Zeit, in der es mir schlecht ging. Dass es also im übertragenen Sinne eine Glocke gab, die mich wachgerüttelt hat. Das war nicht unbedingt schön, aber es musste sein.

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