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Religionen / Archiv | Beitrag vom 16.01.2010

Missgunst statt Bewunderung

Die sieben Todsünden, Teil 3: Der Neid

Von Susanne Mack

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Eine Frau geht in der Goethestraße in Frankfurt am Main shoppen, vorbei an Geschäften mit hochpreisigem Warenangebot. (AP)
Eine Frau geht in der Goethestraße in Frankfurt am Main shoppen, vorbei an Geschäften mit hochpreisigem Warenangebot. (AP)

Von Gregor dem Großen, einst Papst der römisch-katholischen Kirche, sagt man, er habe ihn zusammengestellt: jenen Katalog der sieben hauptsächlichen Laster, denen ein Mensch verfallen kann, als da sind: Hochmut, Habgier, Zorn, Wollust, Völlerei, Trägheit und Neid. Das Gefühl des Neides erwächst aus der Tatsache, dass Menschen soziale Wesen sind und ihr Leben mit dem Leben anderer Menschen vergleichen.

Frau Müller steht am Gartenzaun und schwatzt mit dem Briefträger.

"Oooh - eine Karte aus Acapulco ! Wer schreibt denn da ... .. waaas ? Die Schulzes von nebenan? Das gibt's doch nicht! Ja, wo ha'm die denn das Geld her?? Die war'n doch letztes Jahr erst in Ägypten, na, mit rechten Dingen geht das nicht zu!"

"Dorfmief". Keiner gönnt dem anderen die Butter auf dem Brot. – Neid: so was kennt der Großstädter von Abitur und Kultur natürlich nicht. Wir haben uns noch nie darüber mokiert, dass einer den Job hat, den wir nicht gekriegt haben, ein Chanel-Kostüm brauchen wir nicht und ein Daimler-Coupe ist ein ganz hässliches Auto!

"Man darf den Neid ja eigentlich nicht deutlich zeigen. Das ist ein bisschen verpönt, und man muss sich dafür schämen. Neidisch zu sein ist ja der Beweis dafür, dass man unzufrieden ist, dass man etwas nicht geschafft hat. Dass man anderen etwas neidet. Es ist etwas Ungewöhnliches, es wird auch sanktioniert","

sagt der Psychologe Heiko Ernst.

Neidisch sind immer die anderen. Wenn einer seinem Freund gesteht: "Ich beneide Dich um Deine Frau!", dann ist er ja nicht wirklich neidisch, nein, er ist großzügig: Er gönnt dem anderen sein Glück. - Den echten Neid, den gibt man nicht zu, nicht unter Daumenschrauben und am besten auch nicht vor sich selbst.

""Neid und Eifersucht sind die Schamteile der menschlichen Seele."

Friedrich Nietzsche.

Glaubt man den Mythen des Altertums, dann ist der Neid so alt wie die Welt. - Nehmen wir die Bibel, Buch Genesis. Kaum haben Adam und Eva die Urfamilie gegründet, gibt' s auch schon den ersten Mord: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. - Aus Neid. Weil Gott den Abel anscheinend bevorzugt.

Oder denken wir an die griechische Antike, an Hesiod und Homer. Da wird der Neid zwar nicht für gut befunden, aber doch für menschlich, und wenn man so will, sogar für göttlich. Die griechischen Götter sind ein missgünstiges Volk, untereinander sowieso, und auch den Menschen gegenüber.

Prometheus zum Beispiel ist einer, der unter der Missgunst des Zeus zu leiden hat. - In Goethes dichterischer Phantasie rafft dieser Prometheus all seinen Mut zusammen und sagt es dem Göttervater ins Gesicht:

"Bedecke Deine Himmel, Zeus, mit Wolkendunst! Und übe, dem Knaben gleich, der Disteln köpft, an Eichen dich und Bergeshöh'n.
Musst mir meine Erde doch lassen steh'n, und meine Hütte, die Du nicht gebaut, und meinen Herd, um dessen Glut Du mich beneidest!"

Das menschlich-allzumenschliche Gefühl des Neides erwächst aus der Tatsache, dass Menschen soziale Wesen sind und ihr Leben mit dem Leben anderer Menschen vergleichen. – Heiko Ernst:

"Andere Todsünden sind eher biologische Impulse. Denken Sie an die Völlerei oder an die Geilheit, von der wir ja ... 'Geiz ist geil' ... , das ist was anderes als der Neid, der sich immer auf die sozialen Unterschiede bezieht.

Wir sind neidisch auf den Nachbarn, der das größere Auto hat oder das schönere Haus, wohl geratenere Kinder oder was auch immer. Wir sind weniger neidisch auf die ganz Reichen, da ist der Abstand eigentlich zu groß, mit denen vergleichen wir uns selten. Wir vergleichen uns meistens mit Leuten aus unserer Gruppe, mit Kollegen, mit Nachbarn, mit Freunden. Und sogar in Partnerschaften gibt es so was wie Neid, haben Psychologen festgestellt. Also, man neidet sogar dem geliebten Menschen manchmal etwas, wenn der glücklich oder ausgeglichen oder sonst wie erfolgreicher in irgendeinem Bereich ist als wir selbst."

Ist die Menschheit generell eine neidische Spezies? Oder blüht der Neid nur in bestimmten Systemen des Wirtschaftslebens? Da ist sich die Wissenschaft nicht einig. Mache Forscher meinen, der Neid sei im Lauf der menschlichen Geschichte erst entstanden, in der Urgesellschaft gab es keinen Neid. Die Mehrheit der Wissenschaftler ist allerdings der Ansicht, es handelt sich hier um eine anthropologische Tatsache: alle Menschen sind neidisch, zumindest potentiell. Wahrscheinlich eine Erbschaft von unseren tierischen Vorfahren: Auch Affen streiten gern um die größte Banane.

"Gerade in Demokratien ist der Neidfaktor sehr groß. In der ständischen, alten Gesellschaft war der Bauer nicht neidisch auf den König oder auf den Adligen, das hat sich einfach verboten, das war gar nicht denkbar, dass er da hinkommen könnte. Aber in der Demokratie, wo wir alle gleiche Chancen angeblich haben, ist der Neid natürlich ein wichtiger Antrieb für viele Menschen. Eigentlich ist das das Wesen der Demokratie: jeder hat die gleiche Chance, es gibt einen offenen Wettbewerb um den Zugang zur Macht, aber auch auf Wohlstand und andere Dinge. Und deswegen sind wir so empfindlich, wenn da die Spielregeln zum Beispiel verletzt werden oder zu werden scheinen, dann reagieren wir sehr hart und sehr aggressiv manchmal."

"Neid fördert den Ehrgeiz, durch eigene Anstrengungen und eigenen Erfolg mit dem 'Beneideten' gleichzuziehen","

schreibt der französische Evolutionsbiologe Françoise Lelord.

Der allgegenwärtige Neid ist heute ein Wirtschaftsfaktor, der kaum unterschätzt werden kann. – Heiko Ernst:

""Der Neid wird systematisch bewirtschaftet. Das heißt, er wird auch künstlich erzeugt durch Werbung, durch Marketing: 'Das kannst Du auch haben!"

Es lohnt sich, da genauer hinzugucken, das auch zu hinterfragen. Auch mit sich selber ins Gericht zu gehen: Warum bin ich eigentlich, worauf vor allem bin ich neidisch? Auf materielle Dinge, auf ideelle Dinge ..."

Für Neidgefühle, die wir natürlich gern verschweigen, müssen wir uns im Grunde nicht schämen, meint der Philosoph Immanuel Kant: Neid ist eine natürliche Regung des Menschen. Er wird erst dann zum Laster (oder zur Todsünde), wenn man diesem Gefühl nachgibt: es auslebt, indem man anderen Menschen schadet. – Heiko Ernst, der Psychologe, sieht die Dinge ganz ähnlich.

"Schämen muss man sich für das, was man manchmal aus dem Neid heraus tut! - Denken Sie an die zerkratzten Luxusautos, also wenn jemand vor Neid oder vor Aggression auf den Reicheren oder Glücklicheren den Neid in solchen Handlungen auslebt,"

obwohl er nicht einmal weiß, ob dieser Andere tatsächlich reicher und glücklicher ist als er selbst.

"Wir haben einen eingeschränkten Blick. Wir wissen zum Beispiel erstens nicht, wie's dem Nachbarn wirklich geht, ob er wirklich so glücklich ist, wie es scheint, manchmal ist es auch nur die Fassade. Und wir sehen manchmal auch nicht die Leistung, die hinter einem Erfolg steht, oder hinter einer herausragenden Position. Vielleicht hat der Mensch dafür sehr, sehr viel geleistet, sehr lange gekämpft, sich angestrengt, sehr viel investiert. Nun ist er da, wo er ist, und wir neiden ihm das und blenden aus, dass das ein langer Weg vielleicht gewesen ist."

"Gegen große Vorzüge eines anderen gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe","

schreibt Goethe. – Auch für den Philosophen Sören Kierkegaard steht außer Zweifel: das beste Mittel gegen den Neid ist liebende Bewunderung.

""Neid ist nichts als unglückliche Selbstbehauptung. - Bewunderung dagegen ist glückliche Selbstverlorenheit."

Wer neidisch ist oder auch eifersüchtig, dem fehlt die Kraft zur Bewunderung, und die ist eine Frage des Selbstwertgefühls.

Ein Mensch mit solidem Selbstvertrauen kann damit leben, dass andere Dinge besitzen, die man nicht hat und mit Talenten ausgestattet sind, die einem selbst abgehen, sagt Pater Hermann-Joseph Zoche:

"Ich bin zum Beispiel kein guter Musiker, ja. Ich hätte nie das Zeug, ein guter Musiker zu werden, da könnte ich üben ohne Ende, ich wäre nur im Mittelmaß. Ich wäre, glaube ich, sehr gern ein guter Musiker geworden. Und mit ein bisschen Wehmut sehe ich das ja immer auch, wie toll das ist, ein guter Musiker zu sein, aber mir ist diese Welt verschlossen. Bin ja nicht mal ein großer Sänger, was die Besucher meines Sonntagsgottesdienstes ja nun auch zur Genüge erleben müssen. Ich hätte viel drum gegeben, aber es geht eben nicht. Ja, wenn jetzt jemand kommen würde und sagen würde: 'Mensch, Sie haben einfach nur zu wenig gewollt, und Sie hätten ... ', da muss ich sagen: 'Nein, das stimmt nicht. Ich hab's probiert, habe Jahre gehabt, da habe ich vier Stunden Klavier gespielt oder fünf am Tag, aber ich bin nie über's Mittelmaß hinausgekommen', fertig aus!"

Dafür ist Pater Zoche ein guter Redner geworden.

Ernst: "Es ist sinnvoll, sich ein Feld zu suchen, wo man selber auch etwas erreichen kann, die eigenen Talente auszuschöpfen kann. Jetzt gar nicht so sehr auf andere zu schielen und sich zu vergleichen, sondern erstmal seine eigenen Fähigkeiten ausreizt und auch etwas erreicht."

"Der Neid hat natürlich auch eine konstruktive Seite. Nämlich die, dass er ein Motor, ein Anstachler ist, die eigene Leistung etwas größer zu machen. Etwas mehr zu tun, um vielleicht nicht mehr neidisch sein zu müssen, also sich auch anzustrengen."

"Was der kann, das kann ich besser, und was die kann, das kann ich auch!"

Hin und wieder eine Prise Neidgefühl schützt uns vor einer anderen Todsünde: der Trägheit nämlich.

Ernst: "Es macht jedenfalls zufriedener, wenn wir unseren eigenen Weg suchen. Wenn wir nicht ständig über den Zaun, über den sprichwörtlichen, gucken, ob das Gras dort grüner ist, sondern dass wir, ja, am eigenen Weg arbeiten und versuchen, diese Vergleiche auch eher in die andere Richtung zu machen. Es gibt nämlich sehr viele Menschen, und für jeden von uns, denen es schlechter geht, und wo ein Vergleich immer zu unseren Gunsten ausfällt."

Zoche: (lacht) "Man muss eben auch das sehen, was man hat. Und nicht immer dem nachtrauen, was man eben nicht hat."

""Glücklichsein heißt Tätigsein, die eigenen Talente zur Geltung bringen","

schreibt Aristoteles.

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