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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 29.03.2016

Missbrauch und MisshandlungAufarbeitung im Kloster Ettal

Von Burkhard Schäfers

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Das Kloster Ettal ist eine Benediktinerabtei im Dorf Ettal in Oberbayern. (picture-alliance / dpa)
Das Kloster Ettal ist eine Benediktinerabtei im Dorf Ettal in Oberbayern. (picture-alliance / dpa)

Im Internat der Benediktinerabtei Ettal wurden über Jahrzehnte Schüler körperlich misshandelt und sexuell missbraucht. Die Vorfälle kamen Anfang 2010 ans Licht und wurden vom Kloster aufgearbeitet - in einer Weise, die auch für andere beispielhaft sein könnte.

"Wir befinden uns jetzt an der Schnittstelle von Gymnasium und Internat. Hinter der Tür, die neu gestaltet wurde, befindet sich die Hauskapelle. Die Tür greift ein zentrales Wort aus dem Evangelium auf, wo Jesus sagt: ‚Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘"
  
Abt Barnabas Bögle geht auf die Kapellentür zu: Quadratische Kacheln aus hellem Holz zieren sie, darauf verschiedene biblische Motive, die die Leidensgeschichte Jesu zeigen: Wie er verraten wird, wie Pilatus ihn verurteilt, schließlich Jesus am Kreuz. Die Tür ist ein Erinnerungsort - der Versuch der Benediktiner, Missbrauch und Gewalt im Klosterinternat ins Bild zu setzen. Etliche ehemalige Schüler schilderten dem Abt, was sie hier in Ettal durchmachen mussten.
 
"Diese Gespräche sind teilweise sehr schmerzhaft. Weil die Menschen, die verletzt wurden, sich öffnen. Und einen in eine Geschichte ihres Lebens hineinschauen lassen, die denen wehtut."
 
Abt Barnabas wägt seine Worte sorgfältig. Zweimal unterbricht er das Interview, weil er Hintergründe erklären möchte. Nicht alles will er ins Mikrofon sagen. Auch mehr als sechs Jahre, nachdem die Vorfälle ans Licht kamen, ist die Vergangenheit nicht abgeschlossen.

Missbrauchstäter gehen planvoll vor

"Die Schwierigkeiten lagen wohl vor allem darin, dass ein pädagogisches Konzept über Jahrzehnte gegeben war, in dem der einzelne Erzieher grundsätzlich überfordert war. Zweitens, dass die Bereiche eines einzelnen Erziehers dem Schülerverband, für den er zuständig war, er nahezu alleine gemanagt hat, ohne dass ein anderer reinsehen konnte."
  
Ausgerechnet Ettal, das Eliteinternat ganz im Süden von Oberbayern: Mit prominenten Abgängern wie dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl oder dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Die Abtei liegt in einem engen Tal mitten in den Bergen, ziemlich einsam, eine Autostunde entfernt von München. Eltern schicken ihre Kinder hierher, weil sie eine exzellente Erziehung und Schulbildung erwarten. Und weil sie den Benediktinern vertrauen. Dass einige Mönche dieses Vertrauen über Jahrzehnte auf die schlimmste Art missbrauchten, blieb sehr lange im Dunkeln. Bis einige der Opfer sich zusammen taten und öffentlich machten, was sie in Ettal erlebten – wie Robert Köhler.

"Man muss sich überlegen, dass Missbrauchstäter planvoll vorgehen. Da passiert nicht mal was, wie es Ihnen vielleicht als Erwachsener mit einer langjährigen Freundin mal passiert. Sondern der schafft Gelegenheiten, wo er mit den Kindern alleine ist. Er verleitet die Kinder dazu, verbotene Sachen  zu tun und sie damit in Schuldgefühle zu verwickeln. Und dieses planvolle Vorgehen ist umso leichter, je weniger Kontrollmechanismen es gibt."
 
Der Ingenieur war von 1974 bis 1983 im Kloster-Internat. 2010 gründete Robert Köhler zusammen mit anderen ehemaligen Schülern den Verein Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer. Ihr Ziel: Die Fälle von körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt aufzuarbeiten und Betroffene zu unterstützen. Auf diesem Weg sind sie heute, sechs Jahre nach Vereinsgründung, weit gekommen.
 
"Das wichtigste war, dass die Opfer das Gefühl hatten, die meinen das ernst. Sie wollen wirklich ernsthaft aufarbeiten und stellen sich der Vergangenheit."

Nicht nur warme Worte

Ein zentraler Punkt: Das Kloster erklärte sich bereit, den Betroffenen Schmerzensgeld zu bezahlen. Ein Richter, eine Vertreterin der Opferschutzvereinigung Weißer Ring und ein Sozialpädagoge bildeten ein unabhängiges Kuratorium, das entschied, wer welche Entschädigung bekommt. 70 Gewaltopfer erhielten jeweils zwischen 5000 und 20.000 Euro. Die Summe orientierte sich an dem, was Gerichte den Geschädigten vergleichbarer Fälle in Zivilprozessen zusprechen, erklärt Robert Köhler.

"Es ist in der Höhe so, dass es nicht beschämend wenig ist, aber gleichzeitig dem deutschen Rechtskontext entspricht. Diese Zahlungen waren sehr wichtig für die meisten, weil nun klar war: Es gibt nicht nur warme Worte, es wird tatsächlich gehandelt. Das hatten die meisten nicht geglaubt, sondern die Angst war sehr lange da, dass nur um den heißen Brei geredet wird."  
 
Durch den Gang an die Öffentlichkeit kamen bei zahlreichen Opfern die Erinnerungen wieder hoch. Der 52-Jährige berichtet von Retraumatisierungen. Auch darauf reagierte das Kloster, indem es zusagte, sich an den Kosten für Rechtsberatung und Therapien zu beteiligen.
 
"Die Hilfsangebote waren sehr gut, vor allem weil die Hürde gering war. Bedingung war, dass bis zum einem Zeitraum X Ende 2011 angefangen wird mit der Therapie. Und dann wurden die 5000 Euro an den Therapeuten gezahlt."

Mediatoren helfen beim Dialog

Damit die Geschädigten überhaupt mit den Mönchen reden konnten, ohne dass die Wut alles überlagert, einigten sich beide Seiten darauf, mit unabhängigen Vermittlern zu arbeiten. Offenbar mit Erfolg:

"Wesentlich war, dass sehr frühzeitig Mediatoren eingeschaltet wurden, die Erfahrungen im Täter-Opfer-Ausgleich hatten. Hier wurden häufig auch Themen geshuttlet. Das heißt, man erzählt sie dem Mediator, der Mediator hat Termine im Kloster und bringt die Anliegen rüber. Hier ist jemand dazwischen, der übersetzt und die Emotionen außen vor lässt, die auf beiden Seiten logischerweise da waren."
 
Den Opfern habe auch es auch geholfen, dass Ettal seine Vergangenheit durchleuchten ließ. Eine sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtung, das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung, untersuchte die Hintergründe sowie die Folgen von Missbrauch und Gewalt in dem Internat. Heraus kam eine 150-seitige, öffentliche Studie, an der unter anderem der Sozialpsychologe Heiner Keupp beteiligt war.
 
"Es waren unheimlich viele unkontrollierte Räume, in denen pädosexuell, pädokriminell veranlagte Mönche ihre Missbrauchsgeschichten ausleben konnten. Ohne dass das System, nämlich die Institution, das bearbeitet hätte oder die Vorfälle, soweit sie bekannt wurden, aufgearbeitet hätte."
 
Dabei stellten die Wissenschaftler unterschiedliche Formen von Übergriffen fest: erstens Schläge und körperliche Misshandlung. Außerdem psychische Gewalt wie Lächerlich-Machen und Ausgrenzen - gerade Schwache und Außenseiter wurden hier zu Opfern sogenannter Schwarzer Pädagogik. Zum dritten der sexualisierte Missbrauch.

"Ringe des Schweigens"

"Da gab’s ne Reihe von klar belegbaren Vorfällen. Die wichtigste Figur: Ein Pater, der ein ungeheuer gutes Image bei den Schülern hatte. Ein unkonventioneller Typ, sportlich, der aber eben seinen charismatischen Status in extremer Form bei sexuellem Missbrauch missbraucht hat."
 
Besagter Pater sei, nachdem Vorwürfe aufkamen, zwar für ein halbes Jahr in ein anderes Kloster geschickt worden. Nach seiner Rückkehr jedoch durfte er weiter mit Schülern arbeiten. Dieser Pater, der 2009 starb, sei allerdings nicht der einzige Täter gewesen, sagt Sozialpsychologe Keupp.

"Das wurde immer im guten Sinne katholisch wegdefiniert. Damit meine ich: Es darf nicht in die Öffentlichkeit, das müssen wir intern regeln. Und auch Straftatbestände sind dann erstmal nach dem Kirchenrecht behandelt worden und sind nicht der Staatsanwaltschaft mitgeteilt worden."
 
Die Wissenschaftler beschreiben in ihrer Studie sogenannte "Ringe des Schweigens", die verhinderten, dass Missbrauch und Gewalt gestoppt werden. Zum einen sei für die Schüler vieles was sie erlebten unverständlich gewesen. Also hätten sie sich nicht getraut, davon zu erzählen. Und falls doch einmal etwas nach außen drang, hätten Mönche und auch die Eltern versucht, den Schein des Elite-Internats aufrecht zu erhalten.

"Viele Eltern hatten das Gefühl, wenn ich in einem renommierten Benediktinerinternat meinen Jungen hineinbringe, dann ist es die ideale Möglichkeit, eine gute Schullaufbahn zu ergreifen. Und ich gebe meine Kinder in Gottes Hand, das sind ja Priester. Und natürlich auch die Mönche sind schweigsame Menschen. Die monastische Lebensform heißt eben nicht, über alles immerzu zu reden, sondern es mit sich und Gott auszumachen."

Aufarbeitung in Ettal als Modell für andere

Durch dieses umfassende Schweigen dauerten die Misshandlungen über Jahrzehnte an – mit lebenslangen Folgen für die Betroffenen, sagt Robert Köhler vom Opferverein.

"Die allermeisten können sich nicht mehr in Organisationen einordnen. Bei Missbrauchsopfern gibt es auch häufig das Thema mit Schulversagen und ähnlichem, abgebrochenen Ausbildungen. Ebenfalls ist es für etliche schwierig gewesen Beziehungen aufzubauen. Die allermeisten haben erlebt, dass zu Beginn der ersten stabilen Beziehung alles wieder hochkommt."
  
Das Ettaler Kloster will alles tun um zu verhindern, dass hier künftig noch einmal junge Menschen gebrochen werden, sagt Abt Barnabas. Es gibt ein Präventionskonzept. Dieses sieht unter anderem vor, dass immer zwei Pädagogen für eine Internatsgruppe zuständig sind, die sich austauschen und gegenseitig kontrollieren.
 
"Die grundlegende Veränderung ist, dass wir alle sehr bemüht sind um einen sensiblen Umgang miteinander, dass wir alle sehr bemüht sind, dass Prävention fortgeschrieben wird. Man kann nie ein fertiges Modell haben. Und das dritte: Dass wir immer wieder von Zeit zu Zeit Externe hineinschauen lassen in unsere Schule, in unser Internat."

Auch die Missbrauchsopfer sind weitgehend einverstanden damit, wie Ettal sich seiner Vergangenheit gestellt hat. Robert Köhler empfiehlt das Modell anderen Institutionen wie den Regensburger Domspatzen.

"Das heißt eine transparente Form der Entschädigung, Hilfen, aber auch eine Studie die zeigt: Warum hat das stattgefunden. Gerade diese letzte Frage war für die meisten von uns emotional sehr wichtig. Ich empfehle das, weil es auch eine Basis ist, wie die Gruppe der Geschädigten mit dem Haus dort in einen konstruktiven Dialog eintreten kann."
 

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