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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.01.2014

Missbrauch am Canisius-Kolleg"Für den Täter ist das keine wirkliche Strafe"

Sprecher der Opfergruppe bewertet Kirchengerichtsurteil als zu milde

Matthias Katsch im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Blick auf das von Jesuiten betriebene Canisius-Kolleg in Berlin (AP)
Blick auf das von Jesuiten betriebene Canisius-Kolleg in Berlin (AP)

Ein ehemaliger Pfarrer des Canisius-Kollegs in Berlin ist von einem Kirchengericht des Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen werden. Der Vorsitzende der Opfergruppe "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, begrüßt das Urteil, auch wenn er es für schwach hält. Die Aufarbeitung innerhalb der katholischen Kirche bemängelt er als "intransparent".

Stephan Karkowsky: Jedes Jahr werden in Deutschland nach Schätzungen von Opferverbänden bis zu 200.000 Kinder missbraucht. Meist im familiär-privaten oder nachbarschaftlichen Umfeld. In den Fokus gerückt ist die sexualisierte Gewalt an Kindern aber erst Anfang 2010, auf dem Höhepunkt der Aufdeckungswelle über Missbrauch in der katholischen Kirche. Einer der mutmaßlichen Täter vom Berliner Canisius-Kolleg wurde jetzt von einem Kirchengericht verurteilt. Für uns ein Anlass, zurückzublicken auf die Aufarbeitung des Skandals vier Jahre danach. Helfen soll uns dabei Matthias Katsch. Er ist ehemaliger Schüler des katholischen Gymnasiums, er ist selbst Betroffener und Vorsitzender der Opfergruppe "Eckiger Tisch". Herr Katsch, guten Tag!

Matthias Katsch: Schönen guten Tag!

Karkowsky: Für Sie wahrscheinlich nicht überraschend, doch der Laie wundert sich – warum werden Pfarrer, die Kinder missbraucht haben, von Kirchengerichten verurteilt und nicht von weltlichen, wie andere Normalsterbliche auch?

Katsch: Ich darf Ihnen sagen, dass wir auch überrascht worden sind von diesem Urteil und von diesem Verfahren. Das läuft sehr intransparent ab. Die Kirche ist eben eine Institution, das haben wir auch gelernt in den letzten Jahren, die anders ist als andere Institutionen, die unter anderem eben ein eigenes Rechtssystem hat und eigene Gerichte hat. Und vermutlich auch deshalb lange Zeit der Meinung war, dass sie neben dem Staat existieren kann und dass sie nicht gezwungen ist, sich der staatlichen Rechtsprechung zu beugen.

Karkowsky: In diesem Fall war es nun so, dass wohl auch die weltliche Verjährungsfrist tatsächlich dagegen gestanden hat, den Mann weiter zu verfolgen vor einem normalen Gericht. Deswegen ist die Kirche da eingesprungen und hat gesagt, wir machen es trotzdem. Nun sind diese Verjährungsfristen 2013 erst verlängert worden. Ist das aus Opfersicht ausreichend gewesen?

Katsch: Die Verlängerung bestand darin, dass man die sogenannte Ruhensfrist um drei Jahre verlängert hat. Das heißt, bisher war es so, dass ab dem 18. Lebensjahr eines minderjährigen Opfers die Verjährungsfrist zu laufen begann. Das hat man jetzt um drei Jahre angehoben. Das ist gut, aber es ist sicherlich nicht ausreichend, weil wir eben, und ich kann ja auch aus eigener Erfahrung das bestätigen, sehr oft den Fall haben, dass Betroffene erst nach vielen Jahren oder Jahrzehnten in der Lage sind, über das, was ihnen als Kindern widerfahren ist, zu sprechen und damit auch den Täter sozusagen zu konfrontieren. Und dann ist auch nach dieser neuen Regelung in sehr vielen Fällen bereits die Verjährung eingetreten.

Aber wenn ich noch etwas zur kirchlichen Verjährung sagen darf: Die Kirche hat natürlich auch ihren gehörigen Anteil daran, dass die staatliche Rechtsprechung machtlos war, weil sie über Jahre und Jahrzehnte mitgewirkt hat an einer Verheimlichung und Vertuschung von Fällen. Der Fall, für den der Täter jetzt verurteilt wurde, ist relativ spät aus seiner Zeit als Pfarrer im Bistum Hildesheim. Die Fälle, über die ich Auskunft geben kann, also die 70er-, 80er-Jahre, die lagen lange davor. Und das Wissen darüber, was er tat, war in den kirchlichen Instanzen und bei seinen Vorgesetzten vorhanden, und insofern ist das Bittere an diesem Urteil auch für das Opfer, dass die Tat dann verhindert worden wäre, wenn man zum Beispiel in den späten 70ern, Anfang der 80er-Jahre in Berlin reagiert hätte und dem Mann gar nicht erst ermöglicht hätte, mit Kindern zu arbeiten.

Karkowsky: Sie kennen den Mann, also auch persönlich – wie erklären Sie sich das, warum nicht gleich die ganzen Vorwürfe in einem solchen Kirchenprozess aufgeklärt werden, sondern nur ein Fall aus Hildesheim?

Katsch: Ich weiß ein bisschen – ich bin zwar kein Jurist, aber als Staatsbürger –, wie das Rechtssystem unseres Landes funktioniert, ich habe aber keine Ahnung, wie das Rechtssystem der Kirche funktioniert. Ich weiß weder, wer der ermittelnde, wenn es so was überhaupt gibt, Anwalt, Staatsanwalt ist. Ich kenne die Richter nicht, ich kenne das Verfahren nicht. Und in dem Zusammenhang dann zu erwarten, dass Opfer sozusagen sich auf den Weg machen und schauen, wie es überhaupt zu so einer Verurteilung kommen kann, ist ein bisschen viel verlangt.

Also, da hätte die Kirche auch transparent auf Betroffene zugehen müssen und erklären müssen, wir wollen hier ein innerkirchliches Verfahren durchführen – wollt ihr dabei mitwirken, wollt ihr dabei helfen? Nichts von dem ist passiert in den letzten vier Jahren. Und insofern bestärkt mich dieses ganze Verfahren in dem Vorwurf, den wir der Kirche auch ansonsten machen, dass sie intransparent ist und dass sie kein Interesse daran hat, dass die Dinge transparent und ans Licht der Öffentlichkeit gelangen.

Karkowsky: Zur Verurteilung eines ehemaligen Canisius-Pfarrers vor einem Kirchengericht hören Sie Matthias Katsch, er ist Vorsitzender der Opfergruppe "Eckiger Tisch". Herr Katsch, wie viele Straftaten sind denn diesem Mann in Berlin vorgeworfen worden? Wie viel ist da aktenkundig?

Katsch: Also, ich kenne den letzten Stand nicht. Auf der Liste, die die Jesuiten geführt haben durch ihre Missbrauchsbeauftragte – das müssten zwischen 50 und 60 Fälle gewesen sein in den zehn, zwölf Jahren, die er für die Jugendarbeit am Canisius-Kolleg zuständig war. Unsere eigenen internen Schätzungen gehen von einer dreistelligen Zahl aus von Betroffenen, weil wir einfach wissen, dass sehr viele erwachsene Männer nach so vielen Jahrzehnten auch über das Thema nicht mehr sprechen wollten und sich deswegen gar nicht gemeldet haben.

Karkowsky: Nun steht man als Laie vor diesem Urteil eines Kirchengerichtes und denkt sich, okay, der kriegt eine Geldstrafe, 4000 Euro muss er zahlen, und – er ist 72 heute – er darf nicht länger das Priesteramt ausüben. Das war's. Glauben Sie, das ist eine gerechte Strafe?

"Der Mann war Gemeindepfarrer, er hat eine gute Rente"

Katsch: Das ist ein In-Group-Urteil. Also das ist interessant für jemanden, der in der Kirche ist und für den diese Art von Strafen möglicherweise eine Bedeutung haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für den Täter eine wirkliche Strafe ist. Also finanziell ist das ohnehin ein Witz. Der Mann ist Gemeindepfarrer gewesen, der hat eine gute Rente. Aber es ist auch dieses Verbot, den priesterlichen Beruf auszuüben, aus meiner Sicht nichts, was ihn wirklich erschreckt. Denn, wäre ihm sein priesterlicher Dienst so wichtig gewesen, dann hätte er eben nicht über Jahre hinaus sich an Minderjähriger in der Weise vergangen, wie er das getan hat. Also insofern glaube ich nicht, dass das wirklich Eindruck auf den Täter macht. Für die Öffentlichkeit, auch für die kirchliche Öffentlichkeit, ist es natürlich wichtig, dass man sozusagen durch dieses Urteil jetzt eine amtliche Feststellung hat kirchlicherseits, jawoll, das ist ein Täter.

Karkowsky: Also es gibt auch von der Opferseite so etwas wie Genugtuung?

Katsch: Also so weit würde ich nicht gehen. Dafür ist es dann doch etwas zu knapp und undurchsichtig ausgefallen. Also ein Prozess findet deswegen in Deutschland ja aus gutem Grund in der Regel nicht hinter verschlossenen Türen statt, sondern in der Öffentlichkeit, auch für die Opfer öffentlich. Aber es ist gut, dass es zu diesem Urteil gekommen ist.

Karkowsky: Nun hört die Kirche ja auch nach solchen Urteilen häufig nicht auf, ihre Fürsorgepflicht weiter auszuüben, für ihre ehemaligen Pfarrer oder Bischöfe oder Domkapitulare et cetera pp. Haben Sie den Eindruck, dass die katholische Kirche unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals sich heute im selben Maße um die Missbrauchsopfer kümmert wie um die Pädophilen in Amt und Talar?

Katsch: Das würde ich nicht so sehen. Insgesamt ist es einfach sehr langsam. Es hat vier Jahre gedauert, bis man hier zu einem Urteil gekommen ist. Und in den vier Jahren ist vieles versprochen worden und vieles angesprochen worden und sehr wenig bisher umgesetzt worden. Wir haben gerade erst über die Weihnachtsfeiertage gehört, dass jetzt endlich die Kirche sich mit dem Staat geeinigt hat, wie unbürokratisch und schnell, wie es immer so schön heißt, Opfern geholfen werden kann, die Therapiebedarf und Ähnliches angemeldet haben. Also, sehr eilig hat man es da wohl nicht.

Karkowsky: In dieser Woche nun jährt sich zum vierten Mal, oder in diesem Monat, der offene Brief von Klaus Mertes, dem ehemaligen Leiter des katholischen Canisius-Gymnasiums Berlin. Das Neue an diesem Brief war ja, dass Mertes offenbar an einer vollständigen Aufdeckung gelegen war. Und das hat man ihm auch abgenommen. Und vorher hatte man den Eindruck, die Kirche vertuscht lieber, sie möchte Missbrauchsfälle am liebsten komplett intern behandeln. Hat sich durch Mertes Brief in diesen vier Jahren etwas geändert?

Katsch: Na ja, es ist deutlich geworden, dass es nicht "die Kirche" gibt an der Stelle, sondern dass es in der Kirche Leute gibt wie Mertes, die ehrlich sich bemühen, an einer Aufklärung und Aufarbeitung mitzuwirken, und dass es aber auch sehr viele Kräfte in dieser Kirche gibt, die am genauen Gegenteil interessiert sind. Das hat man unter anderem an der Art und Weise gesehen, wie mit Mertes danach umgegangen wurde in seinem eigenen Verein. Das merkt man heute nach wie vor in Erklärungen – der neu ernannte Kardinal Müller, Glaubenskongregation in Rom, der nach wie vor immer wieder erzählt, das sind Einzelfälle, die Presse bauscht das auf, die Presse versucht, die Kirche schlecht zu machen. Da merkt man, dass ist immer noch dieses gleiche alte Denken, das dafür gesorgt hat, dass über Jahrzehnte so wenig nach draußen gedrungen ist und die Fälle versucht wurden, auf eigene Art zu klären und unterm Tisch zu halten.

Karkowsky: Und dass das Thema Kindesmissbrauch über Jahre jetzt hier öffentlich diskutiert wird – wir können da nur spekulieren –, glauben Sie, das hält potenzielle Täter auch davon ab, oder läuft das einfach so weiter wie bisher?

Katsch: Also ich fürchte, das ist ganz schwierig sich vorzustellen, was Täter abhält. Es trägt sicherlich dazu bei, weil wir Erwachsene heute einfach sensibler sind und eher hinschauen – hoffe ich jedenfalls. Es beschäftigen sich ganz viele Institutionen, Schulen, Bildungseinrichtungen mit dem Thema. Das ist gut, das ist neu. Und ich merke auch immer wieder, dass dadurch, dass Menschen sprachfähig geworden sind, auch nach wie vor Opfer bestärkt werden, sich dem zu stellen und sich mit dem auseinanderzusetzen, was ihnen widerfahren ist. Das ist eine gute Folge aus dem öffentlichen Gespräch, das wir seit 2010 zu dem Thema in Deutschland entwickelt haben.

Karkowsky: Ein ehemaliger Pfarrer des Canisius-Kollegs, des katholischen Gymnasiums in Berlin, wird von einem Kirchengericht des Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen. Sie hörten dazu Matthias Katsch. Er ist selbst ehemaliger Schüler des Gymnasiums, Betroffener und Vorsitzender der Opfergruppe "Eckiger Tisch". Herr Katsch, besten Dank!

Katsch: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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