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Zeitfragen | Beitrag vom 06.09.2018

Misophonie - nervende Geräusche Klick, klick, klick

Von Dörte Fiedler

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Kugelschreiber (picture alliance/dpa/Foto: Karl-Josef Hildenbrand)
Das ständige Klicken eines Kugelschreibers kann geräuschempfindliche Menschen wütend machen oder andere Emotionen hervorrufen. (picture alliance/dpa/Foto: Karl-Josef Hildenbrand)

Das ständige Klicken eines Kugelschreibers oder Fingerknacken. Es gibt Geräusche, auf die manche Menschen besonders emotional reagieren, sie wütend und aggressiv machen. Misophonie nennt sich diese Störung. Warum das so ist, versuchen Forscher herauszufinden.

"Klick klack: rhythmisch. Die stumme warme Runde der Weiber, abendliches Klick-Klack-Klick. Oma, Tante, Mutter – weibliche Übermacht, warme Gemütlichkeit, knister knaster, Schürzengerischel. Potenzial: nostalgisch. So könnte das doch auch sein! Verkörperte Gemütlichkeit, verstricktes Geklapper, zu Hause, Heimat, Heimeligkeit. Kekse auf Klöppelware auf Sammeltassenrand. Aggressives Nadelklappern? Keine Rede! Klick, klick, klack, klick."

Misophonie – der Hass auf Geräusche, auf bestimmte Geräusche, meist kleine, kleinste Geräusche, die erstaunliche emotionale Auswirkungen haben.

Kennen Sie den Begriff Cocktail-Party-Effekt? Er umschreibt die Fähigkeit unsere Ohren so zu fokussieren, dass wir einem Gesprächspartner mühelos folgen können, obwohl ringsherum große Lautstärke herrscht. Unsere Ohren oder besser unser Gehirn kann auswählen aus dem Angebot der Schallquellen. Misophoniker machen das zwanghaft, oder reflexhaft auf jeden Fall unfreiwillig, mit Geräuschen, die die meisten nicht als besonders störend empfinden: Kauen, Schlucken, Fingerknacken, Schnüffeln, Schmatzen. Aber nicht nur Körpergeräusche auch Bonbonpapiergeknister, Klacken von Kugelschreibern, leises Messerklappern oder eben das metallische Klimpern von Stricknadeln.

"Und jetzt noch das, auch das noch! In Erwartung der nächsten roten Wutwelle: Und bitte sehr, unvermeidlich und los geht's. Vorhang auf: Platsch – landet der Zucker in der kleinen Tasse mit Goldrand, Sammeltässchenglück. Klick, klack, klick, klick. Und das auch noch: vergrößert, schwillt vor meinen Ohren das Instrument der Pein: das Löffelchen: Gibst du mir bitte – das Löffelchen, Irene! – Und dann und dann, absehbar: Es wird eintauchen, Melissentee, Zuckerwürfelchen löst sich nicht auf, das freche Ding, das Widerstandswürfelchen, da muss wohl nachgeholfen werden. Klick, klick, klack, klick, ping, pang, Täschenrand. Energisches Rühren, alle Energie fließt in diese Bewegung. Warum, warum nur? Kann das Zynismus sein? Oder sture Präzision?"

Eine nicht stoppbare Lawine von Wut

Bei Misophonikern lösen bestimmte Geräusche eine Welle, eine nicht stoppbare Lawine von Wut aus oder Ekel oder Frust oder Beklemmung oder alles zusammen. Und das führt zu Stress, Schuldgefühlen, Verspannungen, Nervosität, aber auch zu Panikattacken, Schweißausbrüchen, Fluchtreaktionen.

"Pure Präzision. Präzise. Die Tante macht es mit aller in ihr wohnenden Präzision, als gäbe es die Welt zu drehen durch dieses Rühren. Klack, klick, ping, pang, Tässchenrand. Grausiges Rauschen in den Ohren. Ein vollkommenes unschuldiges Rühren, ein Rührchen mit dem Löffelchen. Nichts ist daran von Boshaftigkeit. Nichts, nichts, nichts! Ich gehe jetzt."

Betroffene organisieren ihren kompletten Alltag dann oft ausweichend um ihre Geräuschintoleranz herum. Dann geht man eben nicht mehr ins Kino wegen der potenziellen Popcornesser oder man vermeidet, mit Freunden Kaffee trinken zu gehen, denn ihr Schlürfen löst unerträgliche Aggressionen aus.

Den Namen Misophonie kreierten die beiden amerikanischen Mediziner und Audiologen Margaret und Pawel Jastreboff im Jahr 2000. Sie wollten damit auch eine Abgrenzung gegenüber Störungen wie Hyperakusis, der krankhaften Überempfindlichkeit gegen jede Art von Schall, oder Phonophobie, der Angst vor lauten Geräuschen, vornehmen.

"Gleich wird er es tun. Er wird es wieder tun, Konferenz um zehn ist seine Zeit, seine Apfelzeit, rosig und gesund. Ja sicher, ein Ausbund der Gesundheit ist dieser Mann. An apple a day keeps the doctor away. Jetzt beißt er, er ist wahrhaftig ein herzhafter Beißer, ein raumgreifender Kauer. Beneidenswerte Beißwerkzeuge. Ich bin ja schon überzeugt davon. Morgen setze ich mich weiter weg."

Misophonie ist bisher wenig erforscht

Wie viele Menschen darunter leiden ist unklar. Man weiß, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene betroffen sind. Aber obwohl es mittlerweile so einige Foren und Selbsthilfeplattformen gibt, die Informationen und Erfahrungen sammeln und zur Verfügung stellen, wissenschaftlich beforscht wurde es bisher nicht besonders intensiv.

2013 machte der Kognitionswissenschaftler Arjan Schröder vom Academic Medical Center Amsterdam eine Studie und stellte einen diagnostischen Fragebogen zusammen, der helfen soll Misophonie zu erkennen und abzugrenzen. Damit legte er eine Grundlage für weitere Forschung. Es gibt aber auch Forscherstimmen, die bezweifeln, dass Misophonie eine eigenständige Störung ist und sie eher als Begleitsymptom zu anderen Störungen definieren. Auch über Ursachen gibt es bisher kaum Erkenntnisse. Schröder ordnet das Select Sound Sensitivity Syndrome in die Nähe der Zwangsstörungen.

Es handle sich dabei um einen Lernprozess, also eine Fehlverknüpfung zwischen einem neutralen Geräusch und einer aversiven Emotion. Ein Kindheitstrauma könnte ursächlich sein, bewiesen ist das nicht. Interessanterweise kommt es zu keiner Reaktion, wenn die Betroffenen die Geräusche selber verursachen. Die Welle negativer Gefühle überrollt sie immer nur dann, wenn sie in Interaktion mit anderen sind. Und das führt zu großen Konflikten, denn bestimmte Situationen oder Menschen will man ja auf gar keinen Fall meiden müssen. Ein weiteres Szenario:

"Das Glück, was in diesem Bild lag für mich! Große Wärme, Harmonie, Freude, lauter erwartete, versprochene Gefühle. Archaische Statue: stillende Mutter mit Kind. Natürlich wollte ich das. Mein Töchterchen! Stillen, die Natürlichkeit dieser Jahrtausenden alten Bewegung fühlen, diese Gesten, die irgendwo schon immer in mir wohnten. Aber nein, der totale Zusammenbruch. Ekel, Aggression, Fluchtgefühle. Ihr kleiner Mund – schmatzt. Genüsslich wäre wohl das richtige Wort, das passende, das einzig wahre. Das schützenswerteste, liebste Wesen, nicht auszuhalten, nicht zu ertragen. Herzrasen, Schweißausbruch, Verkrampfung."

Methoden der Linderung

In Betroffenenforen findet man einige Methoden der Linderung, Hypnose, Noise-Cancelling Kopfhörer, oder eingespielte Geräuschfilter wie Weißes Rauschen scheinen zu funktionieren. In vielen Situationen sind diese Techniken allerdings nicht allzu praktisch.

Wie bei so vielen psychischen Phänomenen gibt es auch zu Misophonie eine neurowissenschaftliche Studie die per MRT versucht, die Ursache für die Geräuschintoleranz einer Fehlfunktion im Gehirn zuzuschreiben. The Brain Basis for Misophonia betitelten sie die Forscher aus Newcastle, England. Laut dieser Studie sieht man also veränderte Hirnfunktionen bei Misophonikern. Aber die Frage, ob diese veränderten Funktionen die Ursache für die Störung sind und den Defekt anzeigen oder ob erst durch die Störung die Veränderung im Hirn aufgetreten ist, bleibt dabei ungeklärt. Letztlich hat die Pathologiesierung, die Benennung als Störung für Betroffene, vielleicht eine erleichternde Wirkung. Denn immerhin hat ihr Problem einen Namen.

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