Seit 11:05 Uhr Lesart

Samstag, 30.05.2020
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.12.2015

Mirko Bonné: "Feuerland"Im Universum wohnt niemand

Von Manuela Reichart

Podcast abonnieren
Der Leuchtturm "Faro les eclaireurs" am Ende der Welt (fin del mundo) im Beagle-Kanal vor Feuerland, aufgenommen am 01.12.2012. (picture alliance / zb / Klaus Grabowski)
Der Leuchtturm "Faro les eclaireurs" im Beagle-Kanal vor Feuerland. (picture alliance / zb / Klaus Grabowski)

Einmal nach Feuerland reisen, an die Südspitze Südamerikas: Mirko Bonné schickt seine Protagonisten in seinem ersten Erzählungsband "Feuerland" auf die Reise – in die Ferne oder auch nur in die eigene Phantasie.

Ein deutscher Austauschschüler steht am Rand eines südenglischen Rugbyfeldes und beobachtet das Spiel. Der Trainer der Mannschaft würdigt ihn keines Blickes, er ist für ihn nicht interessant, dieser unsportliche Junge, der bald wieder nach Hause fahren wird. Der Held dieser Geschichte kennt das schon, selten nimmt ihn jemand wahr, aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn andererseits glaubt er fest daran, dass er Menschen zwingen kann, seinem Willen zu gehorchen, "man konnte jemanden dazu bringen, dass er etwas tat, was ihm sonst nie in den Sinn gekommen wäre." Und das gelingt diesem unscheinbaren Jungen denn auch.

Mirko Bonné, der Lyriker ist und ein hervorragender Übersetzer, erzählt in seinem ersten Erzählungsband von Menschen, die an Scheidewegen stehen. In dieser Geschichte aus Südengland ist es der schmale Grat zwischen Kindheit und Erwachsenwerden: Der geniale Rugbyspieler kann die bewunderte Nachbarstochter bezirzen, wird aber vom Trainer wie ein kleiner Junge geprügelt, weil er zu spät zum Bus kommt. Und die engli­sche Prinzessin bekommt die Grippe, weil der deutsche Junge sie ihr an den Hals ge­wünscht hat.

Ein Wrack aus dem Nebel

In einem kleinen Ort hat ein Mann seine Familie gemordet, nur der Hund ist übrig ge­blieben, der die Nachbarn an den Schrecken erinnert, daran, dass einer von ihnen das Unfassbare getan hat. Es geht nicht um Vermutungen, nicht um Spekulationen, warum der Mann zum Mörder wurde. Der Autor spiegelt das Grauen vielmehr in den verwirrten ordentlichen Nachbarn, vor allem in zwei Mädchen, die vom Schrecken gepeinigt wer­den.

Feuerland: Das sind Geschichten aus der Grenzregion zwischen Wirklichkeit und Phan­tasie, zwischen Gefahr und sicherem Alltag. Eine Witwe reist auf eine Insel im tiefen Nor­den, um ihren Bruder zu suchen und landet auf einer Weihnachtsfeier. Die 200 Bewohner schenken sich da nur Teile aus einem Schiffswrack, das angespült wurde. Ob sie ihren Bruder am nächsten Tag finden wird, das bleibt offen, denn den Autor interes­sieren weder Plot noch Auflösung, es geht ihm allein um Stimmungen, um kurze Bilder, die auftauchen wie dieses Wrack aus dem Nebel.

Sinnlichkeit wie eine Fata Morgana

Und so ist auch die hübsche junge Freundin seines Untermieters dem älteren Mann ei­gentlich nur ein Versprechen, ihre Schönheit und Sinnlichkeit wirken wie eine Fata Mor­gana. Dass es am Ende doch zu einem ganz und gar unerwarteten Kuss kommt, das ge­hört ins Traumland wie Feuerland, in das ein anderer junger Mann um jeden Preis fah­ren will. Er hat so lange dafür gespart, dass er sich nicht von Schmerz und Krankheit auf­halten lassen will. Seine traurige Familiengeschichte liegt lange schon - nicht nur wegen der vielen Tabletten - hinter einem Nebelschleier. Er will ihr entfliehen und doch blei­ben.

Das Motto für seine stimmungsgenauen Geschichten hat der Autor bei Lars Gustafsson gefunden: "Im Universum ist niemand zu Hause".

 

Mirko Bonné: Feuerland. Erzählungen
Verlag Schöfling & Co, Frankfurt/M. 2015
230 Seiten, 19,95 Euro

Mehr zum Thema

Bücher zur Urangst des Menschen - Wie wir verschwinden
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 20.11.2015)

Kritikergespräch - Neue Geschichten von Mirco Bonné und Hartmut Lange
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 22.10.2015)

William Butler Yeats zum 150. - Immer wieder sich selbst neu erfunden
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 04.06.2015)

Erzählungen von Grace Paley - Manchmal böse, oft mitfühlend
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 09.02.2015)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur