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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.12.2015

Miranda July: "Der erste fiese Typ"Die Verwandlung eines verliebten Mauerblümchens

Von Katharina Döbler

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Die US-amerikanische Künstlerin, Regisseurin, Drehbuchschreiberin, Schauspielerin, Schriftstellerin und Musikerin Miranda July, aufgenommen 2011 beim Berlinale-Filmfestival in Berlin (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
In den Werken der Künstlerin Miranda July geht es schon immer um sehr verbreitete Neurosen. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

In ihrem Roman "Der erste fiese Typ" erzählt Miranda July von Cheryl, einem verrückten Mauerblümchen. Hier zeigt sich wieder einmal Julys Herz für Nebenfiguren. So macht sie Cheryl zur Heldin in einer genauso skurrilen wie zauberhaften Liebesgeschichte.

Cheryl ist über 40, unscheinbar, schüchtern und zwanghaft – und obsessiv in einen 20 Jahre älteren Mann verliebt, der seinerseits in einen Teenager vernarrt ist.

Im Beruf wie im Privatleben spielt jemand wie sie normalerweise eine Nebenrolle; aber Miranda July rückt nun ausgerechnet sie ins Zentrum ihres ersten Romans. Verwunderlich ist das eigentlich nicht, denn in den Erzählungen, Filmen und Performances des einstigen Riot Grrrls July ging es immer um sehr verbreitete Neurosen, die bei näherem Hinsehen umwerfende Blüten entfalten.

Eins der Merkmale von Julys Geschichten ist eine extreme, indiskrete Nähe zu ihren Figuren, die aber nichts Voyeuristisches hat. Die Leserin teilt mit ihnen nicht nur Bett und Badewanne, sondern auch Sehnsüchte und Ängste, die zu hegen niemand gerne zugibt.

So ist auch Cheryl, das bedrückte und verrückte Mauerblümchen, nur ein kleines bisschen extremer als die meisten anderen – und das reicht, um sich im Lauf der Lektüre immer mehr für sie zu erwärmen. Von der geborenen Nebenfigur wird sie tatsächlich zur Protagonistin – zur Heldin eines richtigen, wenn auch ziemlich skurrilen Liebesromans mit verqueren Geschlechterrollen.

Kalter Krieg in der Wohngemeinschaft

Der beginnt damit, dass Cheryl eine neue Therapie beginnt und die Tochter ihrer Freunde aufnehmen muss. Diese Freunde sind eigentlich ihre Chefs, geschäftstüchtige und sehr kalifornische Althippies. Natürlich ist das 19-jährige Töchterlein missraten: faul, ungepflegt, fernsehsüchtig, aggressiv. Aber auch: groß, blond und vollbusig. Die Wohngemeinschaft der beiden ist ein kalter Krieg, der sich zunehmend erwärmt. Bald sind die beiden soweit, dass sie systematisch Selbstverteidigungsvideos für Frauen nachspielen, wobei die eine den Angreifer ("der erste fiese Typ"), die andere dessen weibliches Opfer gibt.

Für Cheryl bedeutet dieser Kriegszustand beglückende körperliche Nähe und einen enormen Zuwachs an Kraft. Ihre sexuellen Fantasien entfalten sich zu erstaunlicher Wildheit – auch da ist Miranda July alles andere als diskret. Und als ihre Sparringspartnerin von einem Unbekannten schwanger wird, steht dem großen Glück scheinbar nichts mehr im Wege. Ab da wird der Roman zur Apotheose der Elternschaft, das Kind zur Erlösung von allem Übel. Und der wilde, zarte Wahnsinn, der die Lektüre zuvor so zauberhaft gemacht hat, verschwindet im Glück. 

Miranda July: Der erste fiese Typ
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
Kiepenheuer und Witsch, Köln 2015
336 Seiten, 19,99 Euro

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