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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.11.2018

„Ministerium für Mitgefühl“Literatur als Schule der Empathie

Von Klaus Brendel

Viele Hände formen eine Fläche, auf die mit roter Farbe ein Herz gemalt ist. (Unsplash/ Tim Marshall)
Nach "Unteilbar" engagieren sich nun Schriftstellerinnen und Schriftsteller gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus im „Ministerium für Mitgefühl“. (Unsplash/ Tim Marshall)

Mit der „Erklärung der Vielen“ meldeten sich Theatermacher und Kulturschaffende zu Wort. Nun ziehen Schriftsteller nach und beziehen mit dem „Ministerium für Mitgefühl“ Position gegen Verrohung der Sprache und soziale Kälte.

Da sitzen sie: acht Autorinnen, Autoren, Übersetzer. Auf den Namenschildern vor ihnen steht achtmal "Ministerin für Mitgefühl". "Frau" spricht als Kollektiv und jeder gibt seine ganz persönliche Regierungserklärung ab.

"Das Interesse an den Geschichten anderer ist bei mir ungebrochen und vielleicht bin ich ja deshalb Übersetzer geworden", bekennt der Übersetzer Johann Christoph Maass, und erinnert sich an seine Lektüre von Mark Twain bis James Baldwin.

"Und so wie ich die Bilder dieser und vieler anderer nie vergessen habe, habe ich auch nie den Glauben an die Literatur verloren, denn was ist denn mein tägliches Geschäft? Was tue ich da anderes, ganz allein, als reinzuhören in andere Stimmen, nachzuhören, nachzusprechen, mitzuschwingen?"

Dieser Glaube an das Gute in der Literatur verbindet Maass mit den anderen Ministern und Ministerinnen auf dem Podium. Ist das die Widerkehr der platonischen von Goethe aufgegriffen Maxime wonach das Gute, notwendig wahr und schön sei? Heißt das gar, dass "gutgemeinte" schon "gute Literatur" ist?

Durch Lektüre zu einem besseren Menschen?

"Nein natürlich nicht. Ich hab mir überlegt, was kann ich beisteuern und der einzige Weg für mich war zu sagen, es muss authentisch sein: Ich habe das Gefühl, ich bin wirklich durch Lektüre zu einem Menschen geworden, der ein Maß an Einfühlung hat."

Literatur als eine Schule der Empathie, daran glaubt auch Maass Ministerkollegin fest, die Übersetzerin und Autorin Özlem Özgül Dündar, wenn sie eine Zufallsbegegnung auf der Straße in ihrer Nachbarschaft beschreibt:

"Ich erkenne Dein Gesicht, Du wohnst auch hier in dieser Gegend. Das steckt in diesem Nicken, das sagt, ich kenne dich."

Eine Zufallsbegegnung als Chance, die wir ergreifen können oder nicht.

"Ich kenne nur die Worte meiner Sprache und die bleiben in meiner Kehle stecken, wenn unsere Gesichter aufeinander treffen, um mich herum schwirren die Wörter deiner Sprache. Sie sind in der Luft praktisch zum Greifen nah, wenn ich sie greifen, in mich aufgreifen könnte, wenn ich sie formen könnte. Ich will mit dir sprechen, ich will etwas sagen. Und dann nicken wir einander zu und der Moment streift an uns vorbei."

Gemeinsam gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus

Wem das Mitgefühl des literarischen Kabinetts gilt, und wem nicht, formuliert die Schriftstellerin Svealena Kutschke:

"Wir sind nicht verantwortlich mit denen zu streiten, die für Argumente gar nicht zugänglich sind, denn für Rassismus, Homophobie und Sexismus gibt es keine Argumente, sondern dafür solidarisch mit denen zu handeln, die davon betroffen sind."

"Uns geht es vor allem darum, gegen die Verrohung der Sprache in den Medien im Umgang miteinander was zu machen."

So steckt Özlem Özgül Dündar später den "Geschäftsbereich" ihres "Ministeriums" ab. Gegen die Umdeutung von Begriffen etwa, wenn Migration zu "Flüchtlingswelle" wird, der man wie einem Tsunami mit Dämmen und Mauern begegnen muss, oder wenn Begriffe von der politischen Rechten für eigene Zwecke neu interpretiert werden:  

"Die üblichen Begriffe die verwendet werden, Identität, Heimat."

Wie Identität kurzgeschlossen wird mit Herkunft, hat der Autor und Stückeschreiber Mehdi Moradpour selbst oft genug erlebt. Sein Text "Scheinschwuler Kommunistenaraber", der beste des Abends, beschreibt, was vermutlich jedem Schriftsteller mit Akzent schon mal passiert ist:

"Da ruft ihm einer zu: Ich wünsche mir, dass sie klar und deutlich sagen, inwieweit haben ihre Texte mit ihnen zu tun, mit ihrer Heimat und den Erlebnissen, die sie dort und und meinetwegen überall erlebt haben. Ausführungszeichen, Fragezeichen Punkt.

Endlich, sagt er, ich will gestehen, steht auf, macht Dehnübungen und gibt zu, dass sich hinter all den Dehnübungen in seinen Texten etwas anderes verbirgt, nämlich seine und nur seine Lebensgeschichte. Und die geht so: In Wahrheit ist sie eine frustrierte Kommunistin mit poetischen Anspruch, ein Schleuser aus schlechtem Gewissen, eine Tierpräparatorin mit möchtegern messerscharfem Verstand, aber am Ende nur mit einem nutzlosen Skalpell in der Hand."

Verantwortlich ist jeder von uns

Nutzlos? Die Ministerinnen und Minister für Mitgefühl haben zum ersten Mal getagt. Rechtsgültig werden ihre Erlasse wohl nie werden. Im Auftrag ihres Ministeriums kann allerdings jeder und jede überall das Wort ergreifen, denn für den Geschäftsbereich "Mitgefühl", das ist die Verlautbarung dieser konstituierenden Sitzung, sind wir alle qualifiziert - wenn wir nur wollen.

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