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Zeitfragen | Beitrag vom 01.10.2018

Minimalismus als Lebensstil Wenn weniger mehr ist

Von Ina Hildebrandt

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Bügel in einem Kleiderschrank. (Unsplash/Caleb Lucas)
Beim Minimalismus gehe es nicht um Verzicht, sagt Olivera Svrzic. (Unsplash/Caleb Lucas)

Die Schränke quellen über, auf den Regalen stapeln sich Bücher, an den Wänden hängen überall Bilder. Brauchen wir das alles überhaupt? Natürlich nicht. Ausmisten macht Spaß. Und wer dabei Hilfe braucht, engagiert eine Aufräumerin.

"Bei den meisten beginnt es ja mit dem Ausmisten. Aber dann, wenn man dann Platz geschaffen hat, fängt man an, nicht nur seine Sachen zu hinterfragen, sondern auch andere Aspekte des Lebens wie zum Beispiel Arbeitszeit, wie verbringe ich meine Zeit, wie nutze ich meine Zeit, meine Energien. Kann ich da etwas anders machen?"

Als Olivera Svrzic an die Familienplanung ging, fragte sich die Grafikdesignerin: Gibt es überhaupt genug Platz für Kinder – nicht nur in der Wohnung, sondern auch in ihrem anstrengenden Alltag mit einer 40 Stunden Woche?

Mit Minimalismus ja. Gerade mal 75 Quadratmeter bewohnt die mittlerweile vierköpfige Familie. Und selbst die sind noch übersichtlich. Die paar Küchenschubladen sind halbleer. Ein kleines Regal im Badezimmer. Im Wohnzimmer kein Wandschrank, kein Fernseher, nur ein Sofa und ein Esstisch, vier Familienfotos an der Wand.

Dabei ist Minimalismus für Olivera keine orthodoxe Lehre, der sich die Familie unterwerfen muss. Im Kinderzimmer mangelt es nicht an Spielzeug. Im Schlaf- und Arbeitszimmer steht ein gut gefülltes Regal mit Büchern ihres Mannes. 

"Ich würde mich nicht als Minimalistin betiteln, sondern ich verfolge eine minimalistische Lebensweise. Also ich gehe nicht in dieses absolute Extrem und sag 100 Dinge und das war's jetzt. Ich brauch mehr als 100 Dinge."

Das Bad ähnelt einer Drogerie, das Wohnzimmer einem Lager

Beim Anblick der wenigen, aber tatsächlich genutzten Gegenstände denke ich an meine deutlich größere Wohnung, die ich mit zwei Freundinnen teile. Unser Bad ähnelt eher einer Drogerie und unser Wohnzimmer einem Lager.

Selbst mein kleines Zimmer habe ich in eine Bibliothek und eine Boutique zugleich verwandelt, voller ungelesener Bücher und selten getragener Kleidung. Und geliebte Staubfänger dazwischen. Der Gedanke, dass ich mich wohl zuallererst von diesen trennen müsste, beklemmt mich. Da freue ich mich schon fast, als ich einen Traumfänger am Schlafzimmerfenster sehe. Er gehört Olivera Svrzic.

"Es geht ja nicht um Verzicht. Es geht ja drum, sich von Überflüssigem zu trennen, Dingen, die man nicht mehr braucht oder Angewohnheiten. Aber die Dinge, die einem wichtig sind, die man nutzt, die kann man ja behalten."

Aber woher weiß ich, was überflüssig ist – schließlich habe ich mir die meisten Sachen angeschafft in der Überzeugung, dass sie es nicht sind. Und die hält sich hartnäckig. Man muss sich überlegen, wo man hin will, sagt Olivera.
 
"Die Sache wenn sie bei dir rumsteht ungenutzt, dann ist es eine verschwendete Ressource. Gebe ich es aber weiter, dann wird diese Ressource auch genutzt und vielleicht hilft das einem weiter, Dinge auch loszulassen, sie quasi in so einem Flow zu sehen." 

Nach dem Ausmisten kam die neue Lebensplanung

Flow und Austausch – das gefällt mir. Und wer Schwierigkeiten hat, sich trotz Information und Motivation von seinem Zeug zu trennen – dem hilft ein Aufräum-Coach.

Corinna Rose ist so jemand. Ihr eigenes Leben entkrempelte sie, als vor einigen Jahren ein naher Verwandter starb. Die große Menge an Sachen, die dieser hinterließ, machte sie nachdenklich. Auch bei der 34-Jährigen ging der Prozess über das reine Ausmisten hinaus bis hin zu der Idee, sich mit einer Ordnungsberatung selbständig zu machen.

"Mir liegt ganz besonders diese Ordnungsreise am Herzen. Ich hab's jetzt schon gesehen bei vielen Menschen, denen ich geholfen hab, Dinge auszumisten, aufzuräumen. Es kommt so unglaublich viel in Gang in einem selber, wenn man ausmistet und aufräumt." 

Reise – das klingt spirituell. Ich bin nach wie vor primär an zusätzlicher freier Fläche interessiert und befürchte eher, dass diese nicht lange bestehen bleibt.

"Also, meine Erfahrung ist tatsächlich, wenn man diesen Prozess erst einmal anstößt, dass man so schnell so ein gutes Gefühl dabei bekommt, dass man das gar nicht mehr möchte, weil dieser Freiraum so wertvoll wird, den man neu erschafft."

Minimalismus nach Plan

Eine Session dauert bei Corinna Rose drei Stunden. Im Vorfeld kommt sie bei einem zu Hause vorbei und man bespricht, in welchem Bereich minimalisiert werden soll und mit welcher Methode.

"Also, ich miste gerne nach Kategorien aus. Es gibt immer Kategorien: beispielsweise sehr persönliche Dinge oder jemand, der eine sehr große Schuhsammlung als Beispiel hat und sagt, nee, also ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, das wegzugeben. Ich zwinge selbstverständlich als Ordnungsberaterin niemanden was wegzugeben, das kann ich auch gar nicht, ich reiße niemandem was aus den Händen." 

Das ist ja schon mal beruhigend. Wir werden uns heute meinen Kleiderschrank vornehmen. Bisher habe ich genug vermeintliche Gründe gefunden, warum ich die Hälfte der aussortierten Sachen doch wieder in den Schrank legen sollte. Dem wird Corinna Rose mit der Methode "Magic Cleaning" von Mari Kondo entgegentreten. Die Japanerin Kondo ist so etwas wie ein Guru unter den Aufräumern. Ihre Bücher verkaufen sich prächtig und sie hält weltweit Vorträge.

"Mari sagt: 'Does it spark joy?' Das merkt man sehr schnell, was einen glücklich macht und was nicht."

Ok. Nicht fragen, ob man es noch tragen kann, soll oder muss  – allein ob es mich glücklich macht. So einfach? Erstmal alles aus dem Schrank und auf einen Haufen werfen. Die zwei Müllbeutel werden aber ganz sicher nicht voll.

"Ich würde mal sagen, wir gehen jetzt auf den Boden und du fängst ganz klassisch an, dir jedes einzelne Teil einmal vorzunehmen. Was spricht dich vielleicht spontan an einem Teil an? Und dann ist tatsächlich die Entscheidung: behalten oder nicht behalten."

Bei den meisten Sachen kann ich schnell und klar sagen, dass ich sie mag. Bis dann die erste Schrankleichen kommen: zum Beispiel eine kaum getragene, altrosa Bluse. 

"Du zögerst gerade sehr."
 "Vielleicht muss ich was Altes loswerden, um dem hier 'ne Chance zu geben."
"Wie lang hast du's schon?"
"Halbes Jahr, nee, ein Jahr."
"Wie oft hast du's getragen?"
"Einmal."
"Ich würd sagen, das ist weit weg von einem Teil, in dem du dich wirklich gut fühlst und was für dich Freude ausmacht. Ich glaub, das darf tatsächlich weg."

Volle Tüten mit Kleidungsstücken, die unsere Autorin nicht mehr braucht.  (Deutschlandradio / Ina Hildebrandt)Volle Tüten mit Kleidungsstücken, die unsere Autorin nicht mehr braucht. (Deutschlandradio / Ina Hildebrandt)
Corinnas Roses Rat: Nicht dem Geld nachtrauern, denn das ist eh schon weg.

Auch von Kleidung, die wir für den Mensch gekauft haben, der wir gerne wären, aber letztlich nicht sind, können wir uns getrost verabschieden. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Irgendwann werfe ich mit aller Selbstverständlichkeit Kleiderstücke in die Säcke, bei denen ich es noch nie in Erwägung gezogen hatte. 

"Na, wunderbar, guck mal, wir haben doch zwei relativ große Tüten ausgemistet. Sehr schön."

Etwas loswerden hat sich sogar besser angefühlt, als etwas behalten. Ich bin selbst von mir überrascht. Nachdem Corinna gegangen ist, hat es mich auch nicht in den nächsten Laden gezogen, sondern zum übervollen Schuhregal.

Der Kleiderschrank unserer Autorin vor dem "Ausmisten" und rechts nach dem "Ausmisten". (Deutschlandradio / Ina Hildebrandt)Der Kleiderschrank unserer Autorin vor dem "Ausmisten" und rechts nach dem "Ausmisten". (Deutschlandradio / Ina Hildebrandt)

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