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Interview | Beitrag vom 22.09.2021

Milo Raus "Grief & Beauty" in GentDen Tod zurück ins Licht holen

Milo Rau im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Szene aus dem Stück "Grief & Beauty" von Milo Rau: Ein alter Mann liegt in einem Krankenbett, neben ihm ist eine Pflegerin (Michiel Devijver / NTGent)
Szene aus dem Stück "Grief & Beauty" von Milo Rau. (Michiel Devijver / NTGent)

Wenn wir uns unsere eigene Sterblichkeit bewusst machen, entsteht "ein Feingefühl für das Jetzt", sagt Regisseur Milo Rau. Sein neues Stück "Grief & Beauty" thematisiert die Vergänglichkeit: Es begleitet den Freitod eines Menschen.

Premiere für "Grief & Beauty" von und unter der Regie von Milo Rau am NTGent: Das Theaterstück ist der zweite Teil von Raus "Trilogie des Privatlebens". Im Stück begleiten vier Schauspielerinnen und Schauspieler jemanden, der Sterbehilfe in Anspruch nimmt. Ihre persönlichen Geschichten über Abschied und Wiedergeburt, Kunst und Liebe, Erinnerung und Vergessen umrahmen die Inszenierung.

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Der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Autor hat sich vorbereitend lange mit dem Thema Sterben beschäftigt. Auf Videos zieht sich der Tod von Johanna durch den ganzen Abend: Rau hat sie bei ihrem assistierten Suizid begleitet.

"Ich hatte erwartet, dass mich das runterzieht, dass mich das traurig und verzweifelt macht und deprimiert", berichtet er. Stattdessen habe ihn die "unglaubliche Kraft" von Johanna mit Respekt erfüllt. "Ich bin nicht sicher, ob ich das tun könnte, was sie tut, nämlich frei zu entscheiden, wann man stirbt."

Jeder müsse sterben, sagt Rau: "Das macht uns eigentlich alle gleich." Zugleich meine seltsamerweise jeder, dass er davon ausgenommen sei. Dass man den eigenen Tod nicht denken könne, mache diesen zu einer privaten Tragödie.

Die Leugnung der eigenen Sterblichkeit ist dem Regisseur zufolge eine Folge unserer Zivilisation. Auch in der Ausbeutung der Natur werde die Endlichkeit geleugnet.

"Schockierend unsichtbar"

"Sobald jemand tot ist, rücken alle ab", sagt Rau. Der Tod sei "schockierend unsichtbar". Rau hat sich deswegen vorgenommen, ihn "zurück ins Licht der Öffentlichkeit" zu holen.

"Indem wir wissen, dass alles vorbeigeht und alles einmalig ist, gewinnen wir auch dieses Feingefühl für das Jetzt, aber auch für den anderen, der auch einzigartig ist und auch irgendwann verschwinden wird", sagt er.

Als Künstler wünsche er sich natürlich einen "rituellen Tod", betont Rau, "einen solidarischen Tod, etwas, das man gemeinsam bespricht, gemeinsam plant." Auch im Tod müsse es Nähe geben.

Johanna ist für den Regisseur hier Vorbild. Sie habe sich zehn Jahre lang auf ihren Tod vorbereitet, berichtet er, viele Jahre vor dem Tod schon einen Abschiedsbrief geschrieben, den Zeitpunkt festgelegt. Rau spricht von einer "Balance aus Rationalisierung und Hingabe".

"Das ist etwas  – man sagt ja, Sterben lernen sei das Ziel jeder Philosophie und jeder Kunst – was ich gern auch können würde."

Familie, Tod, Sexualität

Die "Trilogie des Privatlebens" von Milo Rau wird sich im dritten Teil mit dem Thema Sexualität beschäftigen. Der erste drehte sich um das Thema Familie, der zweite nun um Alter, Verlust und Tod. Rau hat über 50 Theaterstücke geschrieben, außerdem Essays und Bücher. Zudem dreht er Filme. Seine Werke befassen sich meist mit gesellschaftlich umstrittenen Themen.

(ahe)

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