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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.08.2016

Milliardengeschäft mit HaustierenKleinvieh macht auch reich

Von Stephanie Kowalewski

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Mehr als neun Milliarden Euro pro Jahr geben Haustierhalter für ihre Vierbeiner aus.  (picture alliance/dpa/Patrick Pleul)
Mehr als neun Milliarden Euro pro Jahr geben Haustierhalter für ihre Vierbeiner aus. (picture alliance/dpa/Patrick Pleul)

Leberwurstkekse, Akupunktur und Luxushotels - für das geliebte Haustier ist das Beste gerade gut genug. Alleine 20 Millionen Hunde und Katzen gibt es in Deutschland. Die machen nicht nur ihre Besitzer glücklich, sondern auch die Wirtschaft. Wer verdient an Hund und Katze, und warum verwöhnen wir unsere Haustiere mit Glitzerhalsband und Himmelbett?

Renate Ohr ist rein beruflich schon vor acht Jahren auf den Hund gekommen. Damals legte die Wirtschaftswissenschaftlerin der Universität Göttingen ihre erste Hundestudie vor. Die Professorin ist seit 35 Jahren stolze Besitzerin von Boxern:

"Weil ich mich so geärgert habe, dass die Debatte immer nur über die Hundehäufchen geht und nie darüber, welche Erträge, welche sozialen Leistungen die Hunde bringen, wie gut sie für die psychologische und psychische Gesundheit sind."

Die Reaktionen auf diese Untersuchung waren so vielfältig und sorgten für so viel Informationen und Fakten, dass sie eine neue, breit angelegte Studie zum "Wirtschaftsfaktor Haustier" in Angriff genommen hat. Soetwas gab es erstaunlicherweise europaweit noch nicht. Dabei leben laut jüngsten Schätzungen etwa 6,9 Millionen Hunde in Deutschland, 11,5 Millionen Katzen und mehr als sechs Millionen Ziervögel und Zierfische. Im internationalen Vergleich ist das eher wenig und doch macht viel Kleinvieh eben auch reich.

Ohr: "Der Staat nimmt Hundesteuer ein in Höhe von 300 Millionen Euro pro Jahr und er gibt für die Hunde und anderen Heimtiere deutlich, deutlich weniger aus. Er beteiligt sich in ganz geringem Maße an der Finanzierung von Tierheimen zum Beispiel und die Beseitigung von Hundedreck hat auch nur einen ganz geringen Kostenfaktor im Vergleich zu den Hundesteuereinnahmen."

Und für die Industrie und Dienstleister ist es ein Milliardenmarkt! Immerhin kostet so ein durchschnittliches Hundeleben hierzulande zwischen 12.000 und 20.000 Euro.

Tierhalter wollen weg von der Dose

Alles beginnt mit der Anschaffung der Tiere: Soll es ein Rassewelpe mit Ahnentafel sein, sind Preise ab 500 Euro normal. Nach oben gibt es so gut wie keine Grenze. Für den Nachwuchs eines preisgekrönten Elternpaares kann man locker 10.000 Euro bezahlen.

Und ab dem Tag, wo das Tier im Haus ist, wird für sein Wohlergehen Geld ausgegeben.

Ohr: "Der Gesamtumsatz für Heimtierhaltung macht etwas über neun Milliarden aus."

Der größten Batzen ist natürlich das tägliche Futter, sagt Renate Ohr.

Ohr: "Industriell gefertigt und selbst erstellt, dann sind das etwa 3,75 Milliarden Euro und davon gehen etwa 90 Prozent auf die Ernährung von Hunden und Katzen."

Noch landet in den meisten Fressnäpfen zwar Dosenfutter aus einem der gut 1000 Fressnapf-Märkte, die es inzwischen in fast jedem Gewerbegebiet gibt. Allein der Branchenprimus freut sich über einen Umsatz von mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr. Doch zunehmend mehr Tierhalter wollen weg von der Dose und dem Trockenfutter, wollen ihre Vierbeiner möglichst ursprünglich ernähren. Sie sind in Läden wie dem von Sylvia Werner Stammkunde.

Ihr Geschäft im niederrheinischen Mönchengladbach liegt in einer typischen Fußgängerzone samt Bäcker, Friseur, Reisebüro und einer Metzgerei. Da will Samy hin.

Ein paar Stufen noch, dann ist Samy in seinem Lieblingsgeschäft.

Der siebenjährige Langhaar Jack-Russel steht auf rohes Fleisch und das gibt es hier, in der Metzgerei "Fress-Kultur" zu Hauf. Inhaberin Sylvia Werner kennt die Vorlieben ihrer Stammkunden.

Schon fliegt ein Stückchen frisches Rinderherz über die Theke und wird von Samy sofort verputzt. Am anderen Ende der Leine lächelt ihn Frauchen Gaby Jakob liebevoll an. Früher wurden hier Wurstscheiben für Kinder über die Theke gereicht, denn die Metzgerei war bis vor ein paar Jahren ein ganz normales Geschäft für Menschen. Hunde mussten draußen bleiben. Dann starb der Metzger und Sylvia Werner kaufte den Laden samt aller Gerätschaften. Ein Wagnis, sagt sie.

Sylvia Werner: "Ja, habe ich mich erst schwer getan und hatte auch Bauchschmerzen. Naja, ich habe diesen Schritt gewagt und hab es gekauft. Ist jetzt fünf Jahre her und - Gott sei dank - erfolgreich."

Heute beschäftigt die 52-Jährige einen Metzger und einen Mitarbeiter für Verkauf und Organisation in Vollzeit. Zusätzlich hilft eine Teilzeitkraft im Laden, packt zum Beispiel getrocknetes Pferdefleisch in Zellophantütchen und bindet liebevoll eine grüne Schleife drum. 100 Gramm für 3,96 Euro. Solche Leckerchen für zwischendurch laufen wie geschmiert, hat die Wirtschaftswissenschaftlerin Renate Ohr in ihrer Studie herausgefunden.

Ohr: "Der Snackmarkt hat höhere Wachstumsraten als das normale Dosen- oder Trockenfutter. Aber ob der weiter in dem Maße wächst, ist die Frage."

Beute praktisch und sauber verpackt

Noch klingeln die Kassen aber ordentlich in den Tier-Edelboutiquen, die in den Toplagen der Großstädte handgemachte Leberwurstkekse für Hunde verkaufen - 100 Gramm für 5,95 Euro – oder Apfelkuchen im Glas für knapp sieben Euro. Sowas lehnt Gaby Jakob, die Besitzerin von Samy, dem Jack-Russel-Terrier, ab.

Kundin: "Der wird nicht verhätschelt...."

Aber gesund ernährt, sagt sie. Das ist ihr wichtig.

Kundin: "Ich ernähre mich auch gerne gesund und das will ich meinem Hund auch zugestehen. Und ich sehe ja: er ist begeistert!"

Und so kommt Frauchen regelmäßig in die Metzgerei für Vierbeiner – die es noch recht selten in Deutschland gibt - und kauft die so genannten Barf-Menüs. Eine Art Fertiggericht für den Hund, erklärt die Fress-Kultur-Chefin.

Werner: "Barf ist die Biologisch artgerechte Rohfütterung."

Tierhalter, die ihre Hunde und Katzen barfen, wollen sie nur mit dem füttern, was ihre Vorfahren – also Wolf und Wildkatze - in freier Natur auch so gefressen haben.

Werner: "Zum Beispiel ein Komplettmenü in Rind kostet für 250 Gramm 1,65 Euro. Da ist Muskelfleisch drin, da ist ein Innereienanteil drin, da ist Knochenanteil drinne, Obst und Gemüse, Kräuter und Algen und ein adäquartes Öl. Und dadurch wird so ein Mix erstellt, wo im Prinzip das Beutetier nachempfunden wird."

Aber hier in der Tiermetzgerei geht die Beute praktisch und sauber verpackt in sterilen Därmen und tiefgefroren über die Landentheke.

Kundin: "Super finde ich das. Der hat ein viel weicheres Fell bekommen, und der Zahnstein ist nicht mehr so schlimm. Also ich bin begeistert. Und das sind sämtliche Geschmacksrichtungen: Hirsch, Kaninchen, Gans und Ente und Lamm und Pferd, Fisch, also toll."

Heute nimmt Gaby Jakob fünf verschiedene Komplettmenüs für Samy mit und ein bisschen was aus der Frischetheke.

"So, dann sind es 17,04 Euro... und der Glückscent."

Kundin: "Aber das ist jetzt für zehn Tage. So ein Menü reicht für den Kleinen für zwei Tage. Ist nicht teuer."

"Aber ist es nicht ein bisschen teurer, als das, was sie sonst im Supermarkt kaufen könnten?"

"Ja, etwas teurer ist es, aber wer sein Tier liebt, ne."

Der gibt zunehmend gern und vor allem mehr Geld für sein Tier aus. Doch bei uns in Deutschland ist das alles - trotz einem Gesamtumsatz von mehr als neun Milliarden Euro - noch im Rahmen, ordnet die Wirtschaftswissenschaftlerin Renate Ohr die Summen ein.

Ohr: "Da gibt es Länder wie Großbritannien, die deutlich mehr ausgeben als wir. Wir sind da eher im Mittelfeld."

Im guten Mittelfeld mit steigender Tendenz, freut sich die Inhaberin der Metzgerei für Vierbeiner, Sylvia Werner.

Werner: "Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden. Wir haben nach wie vor Kundenzuwachs und es werden auch immer mehr Menschen, die barfen wollen. Weil das Bewusstsein für Ernährung einfach viel größer geworden ist in den letzten Jahren, nicht nur beim Menschen, sondern eben auch für die Vierbeiner."

Kostümierter Hund bei internationaler Hunde-Show "Eurasia - 2015" (picture alliance / dpa / Evgenya Novozhenina/)Kostümierter Hund bei internationaler Hunde-Show "Eurasia - 2015" (picture alliance / dpa / Evgenya Novozhenina/)

Und manche hegen eben ein gesteigertes Bewusstsein für modische Kleidung und greifen auch für den Hund tief in die Tasche, um ihn möglichst hip anzuziehen.

Ohr: "Was man schon auch sieht, dass Hunde Mäntel tragen. Das ist boomend. Das sind aber vielleicht auch solche Modeerscheinungen."

Also wird so mancher Mops und zitternde Windhund in warme Klamotten gesteckt, samt Rüschchen und Glitzersteinchen. So ein Outfit kostet schnell mal hundert Euro.

Ohr: "Der nächste große Posten ist das Haustierzubehör. Körbchen, Kratzbaum, Halsband, Käfig - solche Dinge. Das macht etwas über eine Milliarde Euro aus. Früher hatte der Hund ein Halsband und eine Leine. Heute hat er verschiedene Halsbänder, farblich abgestimmt. Also es wird mehr Geld für Zubehör ausgegeben als früher."

Läden wie "MopsFidel", "Dog´s Deli", "Koko von Knebel" oder "Hundestolz" haben treue und vor allem kaufkräftige Kunden. Die geben gerne mal 250 Euro für ein Hunde-Körbchen oder unglaubliche 700 Euro für einen Porzellan-Fressnapf aus! Gerne darf es auch mal was Besonderes zum Geburtstag, zu Ostern oder Weihnachten sein. Es gibt sogar Adventskalender für Hunde.

Ohr: "Ich würde sagen, das sind Exoten und ich glaube nicht, dass das ein Markt ist, in den man investieren sollte. Es gibt ein paar Tierhalter, die für sowas Geld ausgeben, aber ich glaube nicht, dass das ein immenser Wachstumsmarkt ist."

Und sie glaubt auch nicht, dass sündhaft teure Tragetaschen für Marlene oder Carlos – so heißen Hunde heute - und spezielle "Hundekinderwägen" für einen eigentlich lauffreudigen Vierbeiner gesund sind.

Der Hund menschelt und bekommt Adipositas

Tatsächlich sind immer mehr Hunde und Katzen übergewichtig und unterbewegt. Der Hund menschelt und leidet - wie sein Halter - an Diabetes und Adipositas, an Gelenkschmerzen und Arthrose, an Allergien und Getreideunverträglichkeit. Auch das sorgt für Wirtschaftswachstum.

Hundehalterin: "Ein Kreuzbandriss gehabt, da wurde er operiert, und dann war auch die Kniescheibe verschoben, starke Arthrose und es war schon schlimm. Jetzt ist die Arthrose aber so fortgeschritten, in allen Gelenken, jetzt müssen wir alle vier Monate her zum Spritzen. Wir versuchen, ihm das Leben halt so angenehm wie es geht zu machen."

Der Entlebucher Sennenhund Donni ist neun Jahre alt und schon ein wenig ergraut. Man sieht, dass ihm jede Bewegung Mühe bereitet. Um die Schmerzen zu lindern, fährt das Ehepaar, beide um die 70 Jahre alt, jetzt alle vier Monate für die Spritzen von Koblenz zur Tierklinik nach Duisburg. Rund 200 Kilometer eine Strecke.

Hundehalterin: "Weil die Klinik so einen guten Ruf hat. Da nehmen wir den Weg gern in Kauf."

Ein Beagle-Hund (picture alliance / Hans-Joachim Rech)Ein Beagle-Hund (picture alliance / Hans-Joachim Rech)

Und auch die Kosten für die Behandlung, die inzwischen weit im vierstelligen Bereich liegen.

Hundehalterin: "Er ist wie ein Kind. Wir haben zwei Kinder, die aus dem Haus sind. Das ist jetzt unser drittes Kind und da macht man alles dafür, versucht alles, ja, dass es ihm gut geht."

Das große helle Wartezimmer der Tierklinik Duisburg Kaiserberg ist gut gefüllt – mit erstaunlich ruhigen vierbeinigen Patienten und meist sehr besorgt guckenden Menschen. Dieser Herr macht sich große Sorgen um seine sehr zarte Kaninchen-Teckel-Hündin Urmel.

Mann: "Die ist gestern morgen aufgestanden und konnte nicht mehr richtig laufen und zieht die Hinterbeine hinterher. Und dann sind wir sofort zum Arzt in Remscheid und der hat uns an diese Klinik überwiesen."

Verdacht Bandscheibenvorfall. Ein paar grüne, leicht abgewetzte Stühle daneben sitzt ein junger Mann: Jogginghose, Mütze, Piercing, auf dem Schoss Mathilda, eine vier Monate alte englische Bulldogge.

Mann: "Weil sie sich juckt und kratzt und beißt. Das möchte ich untersuchen lassen."

Auf Mathildas Brustgeschirr steht "Wunschkind". Die massigen Hunde mit Knautschgesicht sind momentan ziemlich modern und teuer.

Mann: "Wir haben jetzt 1600 Euro bezahlt. Ich denke mal beim Züchter ist das normal für manche Rassen."

Kleinen und großen Wehwehchen kosten Milliarden

Die großen und kleinen Wehwehchen der Haustiere sind ein Milliardengeschäft für Tierärzte, Physiotherapeuten und Naturheilpraktiker, hat die Ökonomin Renate Ohr herausgefunden.

Ohr: "Für den gesamten Bereich der Heimtiergesundheit habe ich einen Wert von ca. 2,1 Milliarden geschätzt von denen etwas mehr als die Hälfte der Hundehaltung zuzuordnen ist und 1/3 der Katzenhaltung. Also bei den Hunden wird mehr gemacht, auch im Bereich von Operationen."

Jochen Spenners: "Im Grunde genommen wird alles angeboten, was in der Humanmedizin auch möglich ist."

Sagt Jochen Spenners, Tierarzt in der Duisburger Tierklinik.

Spenners: "Das heißt, wir können CTs machen, Röntgen, Ultraschall, es gibt Kontrast-Ultraschall-Untersuchungen, Doppler-Ultraschall-Untersuchungen, MRT-Untersuchungen, auch Szintigraphien. Ist halt immer eine Machbarkeitsfrage. Ist es für die Leute finanzierbar."

Zumal die Tiere für eine CT – oder MRT-Untersuchung immer eine Vollnarkose brauchen, damit sie ruhig liegen bleiben.

Spenners: "Und mit einer Narkose liegt man dann schon immer schnell im Kostenrahmen von 500 Euro oder mehr."

Nur für die Diagnose! Hinzu kommt dann eventuell noch irgendeine Behandlung oder sogar eine Operation. Allein in der Duisburger Tierklinik werden von den 30 Tierärzten und 40 Tierarzthelferinnen pro Tag bis zu 200 Patienten behandelt und rund 50 Operationen durchgeführt. Operationen, die mit denen am Menschen durchaus vergleichbar sind, die teuer sind und doch vermehrt gemacht werden.

Unter dem blauen sterilen OP-Tuch schläft ein zehnjähriger Jagdhund in Vollnarkose, während ihm gerade eine neue Augenlinse eingesetzt wird. Eine Operation, die pro Auge rund 1000 Euro kostet, erklärt Susanne Saers, die in der Duisburger Tierklinik Kaiserberg Spezialistin für die Augenheilkunde ist.

Susanne Saers: "Ich erlebe oft, dass Tierbesitzer kommen und möchten, dass der Patient operiert wird, zum Beispiel am grauen Star, einfach damit das Tier wieder was sieht. Und die Familie dann gemeinsam beschließt, gut, dieses Jahr wird es keinen Urlaub geben, sondern wir möchten das machen für unser Tier. Das ist ein Familienmitglied, so wie alle anderen auch."

Und soll - wie der Mensch – natürlich die beste und modernste Behandlung bekommen. Und die bekommt es auch. Inzwischen gibt es für Tiere Kardiologen, Onkologen, Dermatologen, Allergologen und, und, und. Haustiere bekommen heute ein 24-Stunden EKG, Lymphdrainage, Magen- und Darmspiegelungen, Chemotherapie, aufwändige Operationen und Blutspenden. Nur Organspenden gibt es hier noch nicht. In den USA schon.

Spenners: "Die Reise geht natürlich immer weiter. Die Frage ist, was ist finanzierbar. Ich finde, dass gerade so die 1000 Euro-Grenze oder 2000 Euro-Grenze, das ist schon was, wo Manche dann schlucken."

Zumal die Tiere in den allermeisten Fällen Privatpatienten sind und jede Untersuchung, jede Therapie und jedes Medikament cash aus der Tasche des Halters bezahlt werden muss.

Schon hat eine weitere Branche Witterung aufgenommen, sagt die Göttinger Wirtschaftsprofessorin Renate Ohr.

Ohr: "Damit verbunden ist auch, dass es jetzt vermehrt Tierkrankenversicherungen gibt, die bei uns in Deutschland noch nicht das Ausmaß angenommen haben wie zum Beispiel in Großbritannien oder Schweden, wo deutlich mehr Tierkrankenversicherungen abgeschlossen werden. Bei uns sind es etwa fünf Prozent der Hunde- und Katzenbesitzer die das tun. Und diese Tierkrankenversicherungen sind relativ teuer, deswegen werden sie oft nur in der Form als OP-Versicherung genutzt. Aber das ist ein wachsender Markt."

Genau wie die Alternative Medizin. Auch Haustiere werden inzwischen mit Akkupunkturnadeln, Globuli und Massagen behandelt. Ein noch relativ junger aber wachsender Trend, sagt Renate Ohr.

Ohr: "Also die Anzahl der Tierheilpraktiker, der Tierphysiotherapeuten nimmt zu, eben auch die Verwendung von homöopathischen Arzneimitteln nimmt zu – das ist auch ähnlich wie in der Humanmedizin. Wobei es auch sehr viele Neugründungen gibt, Kleinstunternehmen, die sich bilden, dann aber nicht unbedingt furchtbar viel damit verdienen können."

Haustier und Mensch teilen sich auch das Bett

Das alles macht deutlich, wie eng der Mensch und sein Haustier heute zusammengerückt sind. Nicht selten teilen sie sich sogar das gleiche Bett. Und immer häufiger fährt Bello auch mit in den Urlaub. Die Zahl der hundefreundlichen Feriendomizile wächst mit der steigenden Nachfrage, hat Renate Ohr herausgefunden.

Ohr: "Befragungen bei Ferienwohnungen und die haben gesagt, dass zum Teil 1/3 der Ferienwohnungen mit Hund vermietet werden. Das ist ein Trend, der natürlich den Ferienwohnungsbesitzern oder Hotelbesitzern zusätzliche Einnahmen verschafft."

Doch manchmal passt es eben doch nicht, dass Mensch und Hund gemeinsam verreisen. Auch darauf hat sich der Markt längst eingestellt.

Ohr: "Früher gab es nur die einfachen Tierpensionen, wo man den Hund abgab im Urlaub – oftmals in Zwingerhaltung – nicht sehr schön. Das hat sich gewandelt."

Und wie! Heute können Vierbeiner in 5-Sterne Luxushotels einchecken, samt Wellnessprogramm, Schönheitssalon und - wenn gewünscht - auch mit Fitnesstrainer oder Diätkur. Und wenn Frauchen und Herrchen die Sehnsucht plagt, können sie sich jederzeit per Webcam im geräumigen Einzelzimmer vom Wohlergehen ihres Lieblings überzeugen. So viel Luxus hat natürlich seinen Preis: Stolze 80 Euro muss Mensch für solch ein Tierhotel bezahlen – pro Nacht!

Ohr: "Und dann ist aber noch ein weiterer Markt entstanden für den berufstätigen Tierhalter, insbesondere Hundehalter, der seinen Hund eben nicht den ganzen Tag alleine zu Hause lassen will und ihn dafür dann in eine Hundetagesstätte, in eine HuTa gibt, wo der Hund dann acht oder zehn Stunden betreut wird im Rudel mit anderen Tieren."

Nicht nur in Großstädten, sondern auch in ländlichen Regionen nimmt die Zahl der HuTas und Hundehotels zu, denn die Nachfrage steigt, freut sich Andreas Lümers. Der 30-jährige Tierpfleger hat vor knapp zwei Jahren im niederrheinischen Süchteln das Hundeparkhotel und die gleichnamige HuTa - also die Hundetagesstätte - gegründet. Und es läuft sehr gut, sagt er.

Andreas Lümers: "Viele Leute wollen einen Hund haben, müssen aber trotzdem arbeiten. Und es wird halt auch immer mehr. Der Säuglingsrückgang ist in aller Munde, dass es immer weniger Kinder gibt, aber immer mehr Hunde. Und das wird auch noch eine sehrt lange Zeit so andauern."

Zur Zeit betreut er zusammen mit vier angestellten Tierpflegern in der HuTa bis zu 25 Tagesgäste. Die toben durch einen 27.000 Quadratmeter großen Park mit vielen alten Bäumen und einem riesigen Schwimmteich. Für Eigenbrödler oder bissige Gesellen, die nur alleine gehalten werden können, gibt es geräumige Separees – samt Holzhaus, Terrasse und Spielwiese. Auch die beiden Mischlingshunde von Jutta Herzenstil haben die HuTa immer wieder besucht, wenn Frauchen arbeiten war. Die Hunde hat sie während ihrer Zeit in Mosambique quasi halbtot aus dem Müll gerettet.

Herzstil: "Die einerseits eine Freunde für mich sind aber alleine, berufstätig mit zwei Hunden auch teilweise eine Belastung."

Ein Hund steckt das Maul in seinen Futternapf. (picture-alliance / dpa - Erwin Elsner)Ein Hund steckt das Maul in seinen Futternapf. (picture-alliance / dpa - Erwin Elsner)

Eine Belastung, weil sie viel Zeit für die beiden Hunde reservieren und viel Geld investieren muss. Immerhin kostet so ein HuTa-Tag 15 Euro.

Herzstil: "Also wenn ich sie die ganze Woche gebe sind es 500 Euro im Monat, 520. Und das ist auf die Dauer - ich hab kein Chefgehalt - zu viel. Also ich bin eigentlich pleite. Deshalb kommen sie jetzt nicht mehr her, weil ich mich erst sanieren muss. Dann sind sie zu Hause und ich gehe in der Mittagspause heim."

Stürmisch begrüßt Benny, ein ziemlich lebhafter Deutsch Drahthaar-Rüde, sein Frauchen. Seit dem frühen Morgen ist Benny nun schon in der HuTa. Jetzt, nach fast zehn Stunden, wird er abgeholt. Damit der 1,5-jährige Rüde hier betreut werden kann, nimmt seine Besitzerin Uta Frechen jeden Morgen und jeden Abend eine Stunde Autofahrt auf sich.

300 Euro gibt sie jeden Monat für die Hundestagesstätte aus. Und jeder Euro ist es wert, sagt sie. Dass der ein oder andere darüber die Nase rümpft, ist ihr egal.

Uta Frechen: "Ein Pferd unterzubringen kostet deutlich mehr, da fragt auch niemand."

Uta Frechen kann es sich leisten. Sie arbeitet Vollzeit als Ärztin und ist damit eigentlich ziemlich ausgelastet. Doch mit Benny hat sie sich einen Lebenstraum erfüllt.

Frechen: "Ich wollte immer einen Hund und das ist so, dass wir viel Zeit miteinander verbringen. Ich gehe abends noch zwei Stunden mit Hund und er gibt einem trotzdem was, auch wenn man ihn zehn Stunden am Tag nicht sieht... ich glaube das ist auch eine besondere Situation mit ihm, weil er in der Phase kam, wo wir Familie gründen wollten. Und dann ist er halt gekommen und kein Kind. Da nimmt er schon die Rolle so ein bisschen ein, auch wenn man vom Kopf her sagt, es ist nicht so, ist es doch so."

Aragon kann noch nicht nach Hause. Er verbringt seine Nächte im Moment in einem 16 Quadratmeter großen Holzhaus. Alle Hundehäuser im Parkhotel haben Heizung, sind gefliest und je nach Wunsch mit Ledersofa, Schlafplatz und Spielzeug ausgestattet. Bis zu 35 Hunde können hier im Hundeparkhotel Urlaub machen.

Der fast 50 Kilogramm schwere Carne Corso mit dem glänzenden kurzen grauen Fell legt Andreas Lümers freudig die Vorderpfoten auf die Schulter.

Lümers: "Der ist schon seit 2,5 Wochen hier und bleibt vier Wochen. Der Besitzer von Aragon ist aus beruflichen Gründen unterwegs. Der Preis liegt bei 19 Euro pro Tag und Hund. Und im Winter wenn es kalt wird, dann wird noch mal 1,50 Euro für Heizung berechnet. Und sie können wirklich mit einem Irischen Wolfshund oder mit einem Chihuahua ankommen, der Preis ist 19 Euro und ist halt nicht der Größe nach gestaffelt."

Wobei jeder Besitzer das eigene Futter mitbringt. Aragons vierwöchiger Hundeurlaub ist hier mit rund 530 Euro fast ein Schnäppchen. Im Luxusresort wäre Herrchen mehr als 2200 Euro los gewesen. Andreas Lümers könnnte so ein Hotel nicht führen, sagt er, zu viel Chichi für Hunde.

Lümers: "Das Ausgefallenste was mir mal passiert ist, war: der Besitzer wollte, dass der Hund ein Tutu trägt. Aber da habe ich dann auch vorgeschlagen, dass wir es lieber sein lassen. Es sind Hunde. Die dürfen gerne auch mal ein bisschen verwöhnt werden, aber da muss die Kirche im Dorf bleiben."

Rund 80 Kilometer rheinabwärts liegt Feivel auf einem brauen großen Kissen. Sein langes graubraunes Fell ist ordentlich gekämmt, an seinen Pfoten liegt ein kleiner Blumenstrauß.

Frau Koll: "Man wartet, dass der Bauch sich bewegt. Aber tut sich ja leider nichts mehr."

Traurig aber gefasst blickt Petra Koll auf ihren toten Hund, der im Abschiedsraum des Tierkrematoriums in Wesel, unweit der niederländischen Grenze, aufgebahrt ist. Der erwachsene Sohn steht etwas weiter hinten. Ihr Mann Ewald streichelt zart Feivels kaltes Bein. Er kämpft mit den Tränen.

Mann: "War mein Liebling, ja."

Frau: "Er hatte einen Hirntumor und es ging nicht mehr. Hat nicht mehr gefressen und war total apathisch. Mussten ihn gehen lassen. Ja, jetzt liegt er da."

Ohr: "In der Vergangenheit hat man sein Tier im Garten vergraben oder hat es beim Tierarzt - nach dem Einschläfern - gelassen und der hat es 'entsorgt'."

Sagt die Göttinger Wirtschaftsprofessorin Renate Ohr. Doch das ist für immer mehr Tierbesitzer unvorstellbar. Auch für Familie Koll kam das nicht in Frage.

Frau Koll: "Man hat gute und schlechte Zeiten gehabt. Und so beim Tierarzt weiß man nicht, wo kommen die hin. Ne, das könnten wir nicht. Ist halt ein Familienmitglied gewesen und dann soll er auch würdevoll gehen. Er hat uns neun Jahre treu begleitet und dann soll er jetzt auch mit nach Hause kommen."

Und zwar in einer kleinen braunen Keramikurne, die mit Hundepfötchen verziert ist.

Ohr: "Mittlerweile ist es so, dass die Tierfriedhöfe zugenommen haben, aber vor allem auch die Tierkrematorien."

Bundesweit gibt es inzwischen 24 Krematorien für Tiere, rund 120 Tierfriedhöfe und gut 160 Tierbestatter samt Berufsverband. Für ein durchschnittliches Hundegrab werden rund 125 Euro für die Beisetzung und 75 Euro für die jährliche Pflege fällig.

Ohr: "Das nimmt sehr sehr stark zu und ich würde sagen, dass das auch noch weiter wächst."

Wie in allen Bereichen rund um den Wirtschaftsfaktor Haustier gibt es auch hier exotische Angebote: Ketten und Armreifen aus dem Haar der verstorbenen Tiere etwa oder ein synthetischer Diamant aus der Asche des kremierten Lieblings. Renate Ohr schätzt, dass die Branche rund um die Tierbestattung pro Jahr einen Gesamtumsatz in Höhe von mindestens 40 Millionen Euro erwirtschaftet.

Kaninchen im Aussengehege (imago)Kaninchen im Aussengehege (imago)

Einer der den Markt ganz früh erkannt hat, ist der gebürtige Niederländer Franz Evers. Als Tierarzt in Wesel sah er die Not der Menschen, die nicht ertragen konnten, dass ihr geliebtes Haustier nach dem Tod in der Tierkörperbeseitigung landet. Seit zehn Jahren betreibt Franz Evers nun schon das Tierkrematorium in Wesel und ein weiteres in der Nähe von Hamburg.

Franz Evers: "Es ist tatsächlich eine Branche, die wächst, aber nur sehr langsam. Die Nachfrage ist vor zehn Jahren langsam gestiegen und auch heute steigt sie noch. Nur die Zahl der Teilnehmer auf diesem Markt ist wesentlich schneller gestiegen, als der Marktanteil selber. Und das bringt mit sich, dass einige Leute ein Geschäft öffnen, was sie wieder schließen müssen."

Doch sein Geschäft läuft gut. Im Durchschnitt werden hier in Wesel jeden Tag rund 45 Tiere eingeäschert. Eine Einzelkremierung kostet für eine Katze um die 70 Euro, bei einem sehr großen Hund sind es um die 350 Euro. Ohne Urne. Die gibt es in nahezu allen Preisklassen und Ausführungen – von bunt und verspielt bis schlicht und ganz edel. Je nach Geschmack kann man hier zwischen 15 und 1000 Euro ausgeben.

Wir sind hier im Ofenraum.

Fast alles ist wie bei der Einäscherung eines Menschen, sagt Martin Tepaß vom Tierkrematorium.

Martin Tepaß: "Also, der Unterschied ist, dass wir nur das Tier in den Ofen legen, keine Särge, keine Decken, keine Kleidung. Was geht ist ein Spielzeug oder ein Glücksbringer. Das kann man gerne dazulegen."

Großes Begräbnis für die Herrchens Liebling

Seit bestehen des Krematoriums kümmert sich Martin Tepaß nicht nur um die toten Tiere sondern vor allem um die betrübten Menschen. Da kommen Professoren und Arbeitslose, Reiche und Arme, Junge und Alte. Gemeinsam ist ihnen die Trauer um das verstorbene Haustier. Meist sind es Hunde und Katzen, aber es werden auch Wellensittiche und Schildkröten kremiert. Und manchmal machen es die Menschen selbst einem so erfahrener Trauerbegleiter schwer:

Tepaß: "Das war eine Familie aus Braunschweig, die für eine Katze gekommen sind. Die waren 17 Mann hier, davon 14 mit Blasinstrumenten. Die haben hier eine Trauerfeier gestaltet über 2,5, Stunden. Wo man dann nach Hause geht uns sagt, was machen die bei einem Menschen, wenn ein Mensch verstirbt."

Auch für Familie Koll ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich endgültig von ihrem Feivel zu verabschieden. Martin Tepaß schiebt den Wagen mit Feivels Leichnahm in den Ofenraum.

"Sie entscheiden bitte selber, wie weit sie vor Ort bleiben wollen."

Er öffnet die Klappe zum Ofen. Ewald und Perta Koll werfen einen schnellen Blick hinein, sehen er ist leer. Das ist ihnen wichtig - dann drehen sie sich weg und verlassen den Raum.

Nach rund einer Stunde bekommen sie die kleine braune Urne mit den Hundepfötchen drauf überreicht.

Koll: "Der kommt mit nach Hause. In den Wohnzimmerschrank. Mit einem schönen Bild dabei, Kerze davor. Ja, schon komisch, ne, dass er da jetzt drin sein soll. Kann man nicht glauben, dass man ihn nie wieder sieht."

Ein kleiner Trost sind die beiden anderen Hunde der Familie, die ebenso geliebt werden, wie Feivel.
Dank solcher Tierfreunde wird alles in allem in Deutschland mit Haustieren fast so viel Geld umgesetzt, wie mit Büchern, sagt die Ökonomin Renate Ohr, während sie in ihrer Studie blättert.

Ohr: "Aus diesen Umsätzen von über neun Milliarden Euro lassen sich etwa 180.000 bis 200.000 Vollzeitarbeitsplätze ableiten. Tatsächlich arbeiten aber Viele auch nur Halbtags, so das es noch deutlich mehr sind in der Summe."

Letztlich profitieren wir alle von den fast sieben Millionen Hunden und mehr als elf Millionen Katzen in deutschen Haushalten, denn Menschen, die mit Tieren leben sind gesünder, zufriedener, gehen seltener zum Arzt. Und wenn sie einmal krank sind, erholen sie sich schneller als diejenigen, die ohne Tiere leben. Vielleicht denken wir auch daran, wenn wir uns demnächst über ein stinkendes Hundehäufchen ärgern.
 

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