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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 15.04.2015

Militärmanöver auf GotlandAufrüsten in der Ostsee

Von Bernd Musch-Borowska, ARD Stockholm

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Soldaten der sogenannten Heimwehr nehmen an einem Manöver auf der schwedischen Insel Gotland teil. (Bernd Musch-Borowska)
Soldaten der sogenannten Heimwehr nehmen an einem Manöver auf der schwedischen Insel Gotland teil. (Bernd Musch-Borowska)

Die schwedische Insel Gotland liegt zwischen dem schwedischen Festland und den baltischen Staaten - das ist eine strategisch wichtige Lage in der Ostsee. Vor zehn Jahren wurden die regulären Truppen von der Insel abgezogen, die Verteidigung oblag der sogenannten Heimwehr. Aus Angst vor einem möglichen russischen Einmarsch wird jetzt die Militärpräsenz erhöht.

Auf der schwedischen Insel Gotland wird scharf geschossen. Soldaten und Soldatinnen der Heimwehr stürmen mit automatischen Waffen, Maschinengewehren und Panzerfäusten durch das Unterholz der Ferieninsel in der Ostsee. Sie proben für den Ernstfall. Auf Gotland bedeutet das, für den Fall, dass die Armee eines feindlichen Landes die Insel besetzt.

Die Heimwehr auf Gotland, das sind rund 500 Männer und Frauen, die normalerweise anderen Berufen nachgehen und nur in ihrer Freizeit an Militärübungen teilnehmen.

Sara ist Tierpflegerin. Heute hat sie einen Tarnanzug an, einen Stahlhelm auf und dicke grüne Militärschminke im Gesicht. Sie wirkt erschöpft vom langen Tragen des schweren Maschinengewehres.

"Ich übe hier so oft ich kann. Normalerweise haben wir zweimal im Jahr eine Übung, aber wenn es geht, dann übe ich zusätzlich einmal im Monat. Ich finde es wichtig, unser Land zu verteidigen. Nicht jeder kann das machen. Aber diejenigen, die das können, sollten sich zur Heimwehr melden und mitmachen."

Eine kleine, aber schlagkräftige Truppe: Die Heimwehr 

Auf der Insel Gotland gibt es seit zehn Jahren keine regulären Streitkräfte mehr. Als die Lage in Europa noch entspannter war, hat die schwedische Regierung die Armee abgezogen und die Verteidigung der Insel Gotland der lokalen Heimwehr überlassen. Das sei eine kleine, aber schlagkräftige Truppe, sagt Generalmajor Karl Engelbrechtsson, der Ausbildungsleiter der schwedischen Streitkräfte:

"Dieses Bataillon besteht aus 500 Leuten. Die sind mit modernen Waffen und Uniformen ausgerüstet."

500 Freizeitsoldaten, von denen längst nicht alle jederzeit einsatzbereit sind, sollen die Insel im Ernstfall verteidigen. Kein Problem, sagt Brigadegeneral Roland Ekenberg, der Leiter der Nationalen Heimwehr:

"Das sind alles Leute, die sehr engagiert dabei sind. Die nehmen nicht nur an den Pflichtübungen teil, sondern üben zusätzlich, um alle notwendigen militärischen Fähigkeiten zu erwerben."

Ziel der Übung heute sei heute die Verteidigung von bedeutenden Versorgungseinrichtungen wie die Strom- und Wasserversorgung der Insel gegen einen Feind, sagt Ausbildungsleiter Generalmajor Ekenberg:

"Wenn man bereits auf einer Insel ist, wenn ein Angreifer kommt, dann hat man einen Vorteil, den jeder Angreifer einkalkulieren muss. Diese Leute hier sind sehr motiviert, sie kennen ihre Insel ganz genau und wissen, was zu tun ist, um sie zu verteidigen."

Strategische Lage

Gotland liegt strategisch wichtig in der Ostsee, zwischen dem schwedischen Festland und den baltischen Staaten. Die Küste Lettlands ist etwa genauso weit entfernt wie Stockholm. Alle Schiffe, die aus Finnland oder aus dem russischen St. Petersburg nach Polen oder Deutschland wollen, müssen hier vorbei. Das könnte Begehrlichkeiten wecken, sagt Ekenberg

"Schon während der Hansezeit war diese Insel wegen ihrer strategischen Lage in der Ostsee bedeutsam. Sie liegt genau zwischen allen Anrainerstaaten. Bedeutsam für den Handel mit unseren Freunden, aber sie kann auch militärisch von Bedeutung sein. Und interessant für mögliche Feinde."

Angesichts der Spannungen zwischen dem Westen und Russland hat die schwedische Regierung beschlossen, die Insel Gotland besser zu schützen. Rund 150 reguläre Soldaten sollen auf die Insel verlegt werden, um die Heimwehr zu verstärken. Verteidigungsminister Peter Hultquist sagte, man müsse auf die veränderte geopolitische Lage reagieren:

"Wir haben unseren Fokus innerhalb der Streitkräfte verschoben. Früher haben wir uns auf internationale Einsätze konzentriert. Jetzt wollen wir stärker die Landesverteidigung in den Vordergrund stellen. Der Grund dafür ist die Veränderung der internationalen Lage. Unter anderem das, was auf der Krim geschehen ist, der Konflikt in der Ukraine, die russischen Interessen in der Arktis und die jüngsten Aktivitäten Russlands, die ihre Kampfflugzeuge bis nach Island und Großbritannien schicken."

Die schwedische Regierung stellt mehr Geld für die Landesverteidigung bereit. Sechs Milliarden Kronen, umgerechnet rund 600 Millionen Euro, sollen in die Modernisierung und Aufrüstung der schwedischen Streitkräfte fließen. Dafür würden bis Ende 2020 die Mittel für internationale Einsätze gekürzt, sagte Verteidigungsminister Hultquist.

Gotland profitiert von Militärinvestitionen

Gotland werde von den Militärinvestitionen profitieren, glaubt Björn Jansson, der Bürgermeister der Insel. Auch wenn damit einige Herausforderungen verbunden seien:

"Wenn hier tatsächlich 150 Soldaten mit ihren Familien herkommen, dann ist das gut für unsere Wirtschaft. Wir müssen dann zwar mehr Wohnungen bauen, für Schulen, Kindergärten und andere Einrichtungen sorgen. Das wird nicht ganz leicht. Aber insgesamt ist das gut für uns."

Das glaubt auch die Vertreterin des Tourismusverbandes auf Gotland, Carin Sjöberg. Mehr Soldaten bedeuteten mehr Arbeitsplätze und eine bessere Infrastruktur.

"Ich glaube, das wäre sehr gut für uns. Es ist noch nicht lange her, dass sie hier alle Militäraktivitäten geschlossen haben. Aber für uns als Insel ist es sehr wichtig, diese Investitionen zu bekommen."

Damit das neue Verteidigungskonzept in Schweden, zu dem die Aufrüstung der Insel Gotland gehört, keine Löcher in das Budget anderer Ressorts reißt, etwa der Bildungs- und Gesundheitspolitik, seien Steuererhöhungen unerlässlich, sagte die schwedische Finanzministerin Magdalena Andersson. Sie habe aber keinen Zweifel, so die sozialdemokratische Politikerin im schwedischen Rundfunk, dass die Bevölkerung bereit sei, für die Landesverteidigung mehr Steuern zu zahlen.

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