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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.06.2009

Militärischer Drill statt Unterricht

Géza Ottlik: "Die Schule an der Grenze", Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009, 526 Seiten

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Das Recht des Stärkeren: An der von Ottlik beschriebenen Militärschule wird mit archaischen Methoden ausgebildet. (AP)
Das Recht des Stärkeren: An der von Ottlik beschriebenen Militärschule wird mit archaischen Methoden ausgebildet. (AP)

Für die Schüler einer Militärschule nahe der österreichischen Grenze ist das Leben eine Qual. Unteroffiziere drillen sie von früh bis spät, eine Gruppe um den verschlagenen Merényi beraubt und verprügelt jeden, wie es ihm passt. In seinem 1959 erschienenen Roman "Die Schule an der Grenze" schildert der ungarische Autor Géza Ottlik den Schrecken eines Internats in den Zwanzigern.

So "krampfhaft angespannt und in höchster Alarmbereitschaft", wie der Erzähler dieses Romans den Schulalltag erlebt, fühlt sich auch der Leser meist bei der Lektüre. Géza Ottlik schildert in "Die Schule an der Grenze", wie den Eleven mit terroristischen Mitteln und ihrer eigenen Mitwirkung eine totalitäre Ordnung eingepflanzt wird. Der Roman aus dem Jahre 1959 ließ Géza Ottlik (1912-1990) in Ungarn zur Legende werden, vereitelte aber wegen der unausgesprochenen Bezüge zum eben niedergeschlagenen Aufstand auch seine weitere literarische Karriere. Der Autor musste als Übersetzer arbeiten.

Sieben Elfjährige kommen 1923 auf eine Militärunterrealschule nahe der Grenze zu Österreich. Die Jungen vermissen ihre Eltern, Geschwister und Freunde schmerzlich und werden von frühmorgens bis spätabends gedrillt. Auch der Schulunterricht ist eine Qual, und doch all das vielleicht noch erträglich, hätte sich nicht unter den Schülern - gebilligt von den Unteroffizieren, denen sie ausgeliefert sind - eine Parallelstruktur des Schreckens etabliert. Eine Gruppe um den verschlagenen Merényi verprügelt und beraubt jedermann nach Herzenslust und bricht mit perfiden Methoden jeden Widerstand. Was immer einer tut oder sagt, firmiert entweder als Auflehnung, die sofort bestraft wird, oder als Kriecherei und Feigheit.

Die Präzision, mit der "Die Schule an der Grenze" den Schrecken im Internat schildert, teilt das Buch mit Robert Musils "Törless", Hermann Ungars "Die Klasse" und vielen anderen Romanen des 20. Jahrhunderts. Zum Ereignis wird Ottliks Roman jedoch durch die doppelte Bewegung, mit der er voller Trauer den Verlust des Kindheitsglücks festhält - und zugleich ohne jeden Zynismus die neue Welt mit der durch den haltlosen Schrecken erzwungenen Nähe als neues Glück zu rühmen vermag.

Ottlik erzählt von beidem mit Hilfe mehrfacher Brechungen. Das Buch beginnt 1957 und blendet erst zehn, dann mehr als 30 Jahre zurück: Benedek Bóth versucht die knappen Auskünfte und zahlreichen "Ühüms" seines Freundes Dani Szeredy zu übersetzen. Beide waren nämlich 1923 gemeinsam auf der Militärunterrealschule, weshalb Benedek versteht, dass Szeredy mit Magda zusammenzieht. Mit jener Frau, die ihm 1944 aus Liebe geheime Papiere gestohlen hatte, was Szeredy ein - nicht exekutiertes - Todesurteil wegen Hochverrat eintrug.

Ebenso schicksalhaft verbunden sind Benedek, genannt Bébé, und Szeredy auch mit Gábor Medve. Ihr einstiger Klassenkamerad hat sich 1957 umgebracht und Erinnerungen an die Schule hinterlassen, die Bébé auszugsweise zitiert und ausführlich kommentiert. Bald vergisst er Medves Manuskript und erzählt allein seine Version der gemeinsamen Jahre: Medve habe die Lage ständig falsch eingeschätzt und sich unnötig in Gefahr gebracht, Szeredy hielt sich bedeckt und war meist unangreifbar, während er, Bébé, aus kluger Voraussicht im rechten Augenblick Ergebenheit heuchelte oder auch kräftig mittat in Merényis Schlägertrupp. Bébé glaubt, das Hohelied der Freundschaft zu singen, doch der Roman als Ganzes lässt es zu einem der Liebedienerei und Heuchelei werden. Die hoch geschätzte schicksalhafte Verbundenheit drapiert den Terror, dem sie sich verdankt.

Bébés Loblied seiner eigenen Unterjochung ist beängstigend genug, aber wie geschlossen Ottlik es gegen ihn sprechen lässt, verschlägt einem den Atem. Der schockierende Satz vom "Glück der Konzentrationslager", den Imre Kertész' eben aus dem KZ entlassener Protagonist im "Roman eines Schicksallosen" sagt, hat in Géza Ottliks "Schule an der Grenze" einen Vorläufer.

Besprochen von Jörg Plath

Géza Ottlik: Die Schule an der Grenze
Aus dem Ungarischen von Charlotte Ujlaky
Mit einem Nachwort von Péter Esterházy
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009
526 Seiten, 32,00 Euro

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