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Im Gespräch | Beitrag vom 31.01.2020

Militärhistoriker Nigel Dunkley"Die Briten verlassen nur die EU, nicht Europa"

Moderation: Gisela Steinhauer

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Auf dem Foto trägt ein Mann in London die EU symbolisch zu Grabe. (picture alliance / empics / Dominic Lipinski)
Brexit-Tag in London: Die EU wird symbolisch zu Grabe getragen. (picture alliance / empics / Dominic Lipinski)

1977 kam Nigel Dunkley mit der britischen Armee nach Berlin, später war er als Verbindungsoffizier in der DDR unterwegs. Heute bietet er Touren mit dem Schwerpunkt "Kalter Krieg" an. Seit kurzem hat der Schotte auch einen deutschen Pass – wegen des Brexit.

"Für mich ist es ist wirklich wunderbar, dass nach fast dreieinhalb Jahren jetzt endlich alles vorbei ist." Die Reaktion von Nigel Dunkley auf den Brexit. Auch der gebürtige Schotte konnte das Hin und Her nicht mehr ertragen. Aber ganz wichtig ist ihm: "Ich war nicht dafür. Und ich finde es wirklich schade, dass diese Brexit-Frage zu so vielen Problemen geführt hat."

Zahlreiche Briten haben in den letzten Jahren davon berichtet, und auch Nigel Dunkley hat es so erlebt: "Mein eigener Freundeskreis ist da wirklich gespalten. Die sind entweder aggressiv dafür oder nicht dafür. Ich kann nur sagen, wir werden mal sehen. Abwarten und Tee trinken."

Dunkley relativ entspannte Haltung zur Brexit-Frage fußt auf der Einsicht: "Die Briten verlassen nur die EU, nicht Europa selbst. Wir sind noch da."

Merkwürdige Fragen beim Einbürgerungstest

Ob ihm die Idee mit dem deutschen Pass auch beim Tee trinken kam, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall besitzt der Schotte Nigel Dunkley jetzt einen. Der Einbürgerungstest fiel dem 64-Jährigen leicht, schließlich lebt er seit den 1970er Jahren, mit kurzen Unterbrechungen, in Berlin.

Das Foto zeigt den schottischen Ex-Soldaten und Militärhistoriker Nigel Dunkley im traditionellen Schottenrock. (Foto: privat)Allzeit entspannt: Der Schotte Nigel Dunkley, der inzwischen auch Deutscher ist. (Foto: privat)

"Nicht mehr als zehn Minuten" brauchte Nigel Dunkley dafür. Aber einige Fragen machten ihn schon stutzig. "Ich habe relativ schnell bemerkt, dass die Fragen nicht für Brexit-Flüchtlinge wie mich sind. Eher für Leute, die andere Vorstellungen von der Gesellschaft haben. 'Was tut man, wenn man Probleme innerhalb der Familie hat?' und 'Darf man die Ehefrau verprügeln?' Die fand ich ein bisschen merkwürdig."

Tausche Breikost gegen Pumpernickel

Nigel Dunkley stammt aus einer Militärfamilie. "[Es] fließt military blood in meinen Adern. Mein Vater war auch bei der Armee." Alle zwei Jahre wurde der Vater an andere Orte versetzt. Nigel Dunkley kam daher schon als Kind nach Deutschland, entdeckte hier seine Liebe zu Pumpernickel.

Für diese sehr spezielle Verbindung sorgten seine Kindermädchen. "Die waren fasziniert und interessiert an meiner Breikost in diesen kleinen Dosen, diesen kleinen Glasdosen. Und ich war fasziniert von Pumpernickel."

Mit 14 Panzern ganz West-Berlin verteidigen 

In den 1970er Jahren kam Nigel Dunkley dann als junger Leutnant nach West-Berlin. Er war einer von rund 3000 britischen Soldaten in der Stadt. Stationiert war er bei einem Kavallerieregiment. Pferde spielten hier aber nur noch eine untergeordnete Rolle.

"Wir hatten schwere Panzer. Und unsere Aufgaben bestanden darin, West-Berlin im Falle eines Angriffs aus dem Osten zu verteidigen. Wir hatten nur vierzehn Panzer, damit sollten wir ganz West-Berlin in unserem eigenen britischen Sektor verteidigen. Wir wären wahrscheinlich nach 15 Minuten tot gewesen. Wir waren irgendwie Opfer. Aber wir haben das alles sehr ernst genommen."

Treffen mit Rudolf Heß im Gefängnis

Später lernt Nigel Dunkley auch Russisch und Französisch, arbeitete innerhalb der britischen Armee als Übersetzer. So traf er im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau mehrfach auf Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter. "Es war in dem Gefängnis notwendig, das alle für ihn verantwortlichen Länder anwesend sein sollten, bevor zum Beispiel eine körperliche Untersuchung, eine medizinische Untersuchung, begann. Und ich als Dolmetscher musste dann alles übersetzen. Von Deutsch auf Russisch, dann in Französisch."

Auch als so genannter Verbindungsoffizier war Nigel Dinkley in den 1980er Jahren tätig. Viele würden sagen, er war als Spion unterwegs. Diese Bezeichnung mag der studierte Jurist allerdings nicht.

"Natürlich, ich war kein Spion. Ich war Verbindungsoffizier. Damals hatten die Sowjets, die Franzosen und Amerikaner kleine Militärmissionen ausgetauscht. Laut eines Abkommens hatten wir seit 1946 das Recht, die Straßen der DDR zu befahren, ohne Hindernis."

Sein Auftrag: alles fotografieren

Seine Auftrag in der DDR war klar: "Wir fotografierten alles, was wir fotografieren konnten. Es gab gewisse Dinge, die wir beobachten sollten, zum Beispiel neue Technik, neue Ausrüstung, Hubschrauber, Raketen."

Heute führt Nigel Dunkley Interessierte an geschichtsträchtige Orte, bezeichnet sich selbst als Militärhistoriker. Zu seinen Kunden zählen viele junge Leute, Studenten, angehende Militärs. Auch Gedenkstätten, wie das ehemalige KZ Sachsenhausen, besucht er mit Gruppen regelmäßig.

"Ich würde sagen, es gehört einfach zur allgemeinen Ausbildung an jeder Schule, ob aus Amerika, aus Großbritannien, aus Deutschland. Ich habe bemerkt, dass es eine Lücke in der Ausbildung von vielen Studenten und Schülern gibt. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man das ordentlich und korrekt, ohne Vorurteile, alles erklärt. Wie es überhaupt möglich war, wie es passiert ist."

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