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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.09.2009

Milieustudie der amerikanischen Mittelschicht

Philip K. Dick: "Unterwegs in einem kleinen Land", Liebeskind, München 2009, 376 Seiten

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Roger hat sein Auto immer "in Richtung Highway geparkt, zur Route 66".  (AP Archiv)
Roger hat sein Auto immer "in Richtung Highway geparkt, zur Route 66". (AP Archiv)

Philip K. Dick ist einer der großen Science-Fiction-Autoren. Der 1982 verstorbene Schriftsteller gehört zum Kanon der Moderne, und wer ihn nicht gelesen hat, kennt auf jeden Fall die Verfilmungen seiner Bücher: "Blade Runner", "Total Recall" oder "Minority Report".

Zu Lebzeiten hatte Dick allerdings wenig Erfolg, und für seine ersten drei Romane, die er Anfang der fünfziger Jahre schrieb, konnte er nicht einmal einen Verlag finden. Zu diesen Werken gehört auch "Unterwegs in einem kleinen Land", das in den USA erst 1985 erschienen ist und jetzt endlich auch auf Deutsch vorliegt: eine späte, viel zu späte Entdeckung.

Es ist das Jahr 1952. Roger Lindahl führt ein Fernsehgeschäft in Los Angeles. Der Laden läuft nur mäßig, und es gibt ständig Streit mit seiner Frau Victoria, weil die beiden sich "in einer ganzen Reihe von grundsätzlichen Fragen nicht einig sind". Sie beschließen, ihren sieben Jahre alten Sohn Gregg auf eine Privatschule in den Bergen zu geben, bis sich die Atmosphäre zu Hause wieder entspannt hat.

Doch dann lernen sie bei ei einem ihrer ersten Besuche im Internat ein anderes Ehepaar kennen, die Bonners. Victoria bewundert den erfolgreichen Unternehmer Paul, Roger verliebt sich in die leicht überspannte Liz, die durchsichtige Blusen trägt und sich für Psychoanalyse interessiert, und damit ist die Mittelschichttragödie fast perfekt: "Unterwegs in einem kleinen Land" erzählt auf den ersten Blick ein Ehedrama, wie man es in der amerikanischen Gegenwartsliteratur immer wieder findet.

Mit Science Fiction hat das eigentlich nichts zu tun. Trotzdem ist das große Thema Philip K. Dicks hier bereits angelegt: Die Lindahls sind ganz normale Amerikaner, aber genau wie die paranoiden Androiden, halluzinierenden Zeitreisenden und Designer-Drogen-Freaks der späteren Romane machen sie die Erfahrung, dass man der so genannten Wirklichkeit nicht trauen kann. Nichts ist so, wie es scheint.

Rogers Erinnerungen an seine idyllische Kindheit auf einer Farm in Arkansas sind der "great depression" von 1929 zum Opfer gefallen, die Rüstungsindustrie, in der seine Frau und er es während des Krieges zum bescheidenen Wohlstand gebracht haben, hat ihn mit dem Frieden in die Arbeitslosigkeit entlassen, und mit seinem kleinen Fernsehgeschäft ist er auf dem besten Weg, im Räderwerk der "gigantischen" Unterhaltungsbranche zerrieben zu werden: Roger und Victoria Lindahl leben in einer Gesellschaft, die ihre Individuen unter Dauerbeschuss nimmt; ihre Ehekrise ist nicht mehr als ein Kollateralschaden.

Die Fliehkraft steigt. In den kommenden Jahren wird Philip K. Dick seine Protagonisten von der Erde in den Weltraum oder auf eine andere Bewusstseinsebene katapultieren. In "Unterwegs in einem kleinen Land" bietet er noch einen terrestrischen Fluchtweg an und ist dem literarischen Zeitgeist damit recht nahe. Roger hat sein Auto immer "in Richtung Highway geparkt, zur Route 66". Er will einfach davon fahren, unterwegs sein, genau wie Sal Paradise in Jack Kerouacs berühmtem, etwa zur gleichen Zeit veröffentlichten Roman "On the road".

Besprochen von Kolja Mensing

Philip K. Dick: Unterwegs in einem kleinen Land
Roman. Übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt
Liebeskind, München 2009
376 Seiten, 22 EUR

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