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Studio 9 | Beitrag vom 01.04.2019

Milan Kundera wird 90Romancier und Querkopf

Von Peter Lange

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Milan Kundera sitzt mit einer Zigarre in der Hand auf einem Sessel. Rechts von ihm steht eine Lampe, links von ihm steht das Gemälde eines Mädchens. Die Aufnahme ist schwarz weiß. (picture alliance / CTK / Pavel Vacha)
Milan Kundera im Jahr 1968 (picture alliance / CTK / Pavel Vacha)

Die Bücher des tschechischen Autors Milan Kundera werden weltweit gelesen. Sein Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" wurde von Hollywood verfilmt. Heute wird der Autor 90 Jahre alt.

Eine tägliche Lesung und viele andere Sendungen widmet der tschechische Rundfunk in dieser Woche dem Jubilar, der Glückwünsche zum Geburtstag überhaupt nicht mag. Milan Kundera wird also 90, einer der bedeutendsten tschechischen Schriftsteller und längst ein Autor von Weltgeltung.

Ein kritischer Kopf

"Wir bereiten gerade eine Bibliographie von Milan Kundera vor", erzählt Tomas Kubicek, Literaturwissenschaftler und Biograf von Milan Kundera. "Dabei haben wir die Zahl der Übersetzungen und Ausgaben seiner Werke in aller Welt gezählt. Wir sind auf rund 4000 gekommen."

Geboren 1929 in Brünn, in ein kulturell geprägtes Elternhaus, hat er schon als Jugendlicher erste Gedichte geschrieben. Nach dem Abitur studiert Kundera in Prag Literatur und Musik. Später wechselt er an die Filmfakultät.

Als Abiturient tritt er der Kommunistischen Partei bei. Ein kritischer Kopf, der sich schon damals nicht vorschreiben lässt, was er zu denken hat. Nach zwei Jahren fliegt er aus der KP raus.

"Wissen Sie, ich liebe es nicht, wenn mir irgendjemand eine Lehre erteilen will, was meine Pflichten wären usw. Seit meiner Jugend versuchte man, mich immer wieder zu manipulieren – die einen wie die anderen. Ich liebe es nicht. Ich weiß selbst, was ich tun soll", erklärt Milan Kundera.

Erfolg in der Tschechoslowakei

Für sein Drama "Die Schlüsselbesitzer" erhält er 1962 den Staatspreis der Tschechoslowakei. Großen Erfolg mit seinem ironischen Ton hat er auch mit seinem "Buch der lächerlichen Liebe". 1967 erscheint "Der Scherz", seine Abrechnung mit dem Stalinismus.

Als der Prager Frühling niedergeschlagen ist, rechnen die Neostalinisten mit ihm ab. Kundera fliegt aus dem Schriftstellerverband und erneut aus der KP, der er inzwischen wieder beigetreten war. Unter dem Druck des Publikationsverbots in der CSSR nimmt er 1975 einen Lehrauftrag in Frankreich an und entschließt sich später, dort zu bleiben. Als Exilanten im eigentlichen Sinn sieht er sich aber nicht, wie er in einem Interview 1976 erklärt.

"Die Existenz eines Daueremigranten deprimierte mich. Dennoch kann ich mich nur dort aufhalten, wo ich arbeiten kann. Und momentan ist das eher in Frankreich möglich als in der Tschechoslowakei."

Weltruhm in Paris

Als 1979 Kunderas "Buch vom Lachen und Vergessen" erscheint, entziehen ihm die Machthaber in Prag die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Zwei Jahre später nimmt er die französische an. In Paris entsteht dann der Roman, der seinen Weltruhm begründet: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Eine Dreiecksgeschichte zwischen einem Arzt und zwei Frauen vor dem Hintergrund des Prager Frühlings und seiner Niederschlagung.

Der tschechische Autor Milan Kundera trägt eine Schiebermütze in Madrid.  (Picture Alliance / dpa/ EFE)Der tschechische Autor Milan Kundera schreibt nicht mehr in seiner Muttersprache, sondern auf Franzsösisch (Picture Alliance / dpa/ EFE) Als Chronist des Zeitgeschehens will Milan Kundera aber nicht gesehen werden.

"In unserem dümmlicherweise völlig politisierten Jahrhundert verstehen die Leute nicht mehr, einen Roman wirklich als einen Roman zu lesen. Sie wollen vielmehr im Roman die Illustration vereinfachter politischer Thesen sehen."

Frage nach Verantwortung

Seit 1995 schreibt Milan Kundera seine Romane auf Französisch. Sein Hauptthema: die menschliche Existenz und ihre schuldhafte Verstrickung durch alles Tun.

 "Die wichtigste Frage bei Kundera ist: Bin ich verantwortlich für das, was ich tue, und bin ich auch dann noch verantwortlich, wenn das, was ich getan habe, in der Welt ist und auf den Kontext reagiert? Und auch dann, wenn ich nichts mehr daran ändern kann. Und die Antwort ist: Ja. Du bist immer verantwortlich, für alles, was aus Deinem Tun entsteht", erklärt Kundera-Biograf Tomas Kubicek.

Eigener Rhythmus des Schreibens

In der Literaturgeschichte der Welt hat Milan Kundera aus der Sicht von Tomas Kubicek schon einen festen Platz sicher, am Ende einer großen Traditionslinie:

"Das ist die Linie Cervantes, Hermann Broch, James Joyce, Robert Musil. Der Roman als ein Werkzeug der Selbsterkenntnis, um sich selbst zu verstehen, oder auch nicht."

Ob von ihm noch ein neues Werk zu erwarten ist, das kann niemand sagen. Auch in dieser Frage hat Milan Kundera schon vor Jahrzehnten seine Unabhängigkeit demonstriert.

"Ich stand nie unter dem Druck, etwas veröffentlichen zu müssen. Vom Rhythmus der Kulturindustrie will ich mich nicht beherrschen lassen. Ich werde immer meinen eigenen Rhythmus beibehalten, der in der Regel sehr langsam ist."

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