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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.04.2019

Migration und VielfaltVerteidigt die Freiheit der Städte!

Ein Plädoyer von Wolfgang Kaschuba

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Eine Frau hält in einer Menge von Demonstrationen vor dem U-Bahnhof Alexanderplatz das Schild "Vielfalt ist schön" nach oben (imago/Müller-Stauffenberg)
Berlin feiert seine Vielfalt - und verteidigt sie, wie etwa hier bei der Demo "Unteilbar" im Oktober 2018. (imago/Müller-Stauffenberg)

Mehr als 3,6 Millionen Menschen aus insgesamt 193 Nationen leben mittlerweile in Berlin. Die deutsche Hauptstadt als Heimat der Minderheiten? Zum Glück, meint der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba.

Migration ist keineswegs die Mutter all unserer Probleme, wie unser Mann aus Ingolstadt und fürs Grobe, Horst Seehofer, kürzlich formuliert hat. Nein: Migration ist vielmehr die Mutter von Gesellschaft!

Städte entwickeln sich durch Migration

Dafür steht insbesondere die Geschichte unserer Städte. Denn sie entwickeln sich in der Neuzeit dynamisch und nachhaltig erst durch die permanente Zuwanderung von neuen Menschen, von neuen Ideen und von neuen Waren. Also durch Migration und Markt. Das prägt seitdem ihr Lebensgefühl.

Und deshalb betrachtet der große Soziologe Max Weber die moderne Stadt schon vor 100 Jahren als den "Ort der Zusammengesiedelten" – nicht mehr nur der Einheimischen – und als den Raum des "Aufstiegs aus der Unfreiheit in die Freiheit".

Erst in der Stadt können Minderheiten stark werden

Denn der urbane Raum verkörpert jenen Ort, an dem sich Minderheiten in der Moderne überhaupt als soziale Gruppe formieren können. Nur hier erreichen sie jene "kritische Masse", die es ihnen ermöglicht, eigene, auch "abweichende" Lebensstile öffentlich zu demonstrieren. Nur hier können sie ihre Rechts- und Lebenssituation für "legitim" erklären. Die Stadt als Heimat der Minderheiten, die ihnen ein Leben in Respekt und Würde ermöglicht: Das ist das große "kulturelle Erbe" der modernen Stadt!

Dies gilt für Arbeiterkulturen wie Migrantengruppen, für jüdische Gemeinden wie Freidenker, für Frauen- wie Protestbewegungen, für Schwulenszenen wie für künstlerische Subkulturen, für ökologische Initiativen wie vegetarische Milieus. Ihre "anderen" Werte und Ideen, ihre "eigensinnigen" Praktiken und Rituale, ihre "offenen" körperpolitischen wie partnerschaftlichen Formen prägen die Stadtkultur heute inzwischen nachhaltiger als viele einheimische Traditionen à la "Mir san mir!" in München oder "America first!" in New York.

Rechtspopulisten bekämpfen freiheitliche Stadtkultur

Aber diese besonderen Formationen und Traditionen stehen heute mehr denn je in der Gefahr, von rechten Gedanken und populistischen Bewegungen infrage gestellt, ja: zerstört zu werden. So spricht der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland von den "heimatlosen" Eliten und Migranten, die unser "Volk" angeblich von den Städten aus "überfremden".

Daher ist die Politik der Rechten systematisch auf die Bekämpfung dieser besonderen Beheimatungsqualität der großen Städte ausgerichtet. Etwa mit jener Strategie der "Kleinen Anfrage", wie im Falle des Kinder- und Jugendtheaters in Rostock. Dort fordert die AfD im Stadtrat Auskunft über das Konzept dieses Theaters, seinen Stellenplan und seine Finanzierung. Eine fast wortgleiche Anfrage liegt für das Deutsche Theater in Berlin vor – wie mittlerweile für viele andere Museen, Theater, Jugendclubs und Flüchtlingsinitiativen in deutschen Städten.

Tenor: Diese Einrichtungen stünden für eine "linke Minderheiten- und Meinungskultur" und dürften daher haushaltlich nicht weiter bedacht werden.

Die Freiheit der Städte in der Defensive

Damit geraten städtische Kultureinrichtungen automatisch in eine defensive Position. Weil Politik und Medien oft nicht begreifen, dass es hier nicht um langweilige Politik- und Verwaltungsrituale geht. Vielmehr geht es um perfide Versuche der systematischen Diskreditierung und De-Legitimierung öffentlicher Einrichtungen wie sozialer Gruppen. Um den Versuch der Kontrolle öffentlicher Debatten und öffentlicher Räume.

Dagegen muss das "kulturelle Erbe" unserer Städte von allen Demokraten mit allem Nachdruck verteidigt werden: als "Raum der Freiheit" für uns wie die anderen!

Wolfgang Kaschuba steht an einem Rednerpult. (imago)Der Autor (imago)Wolfgang Kaschuba, geb. am 1.1.1950 in Göppingen, war von 1992 bis 2015 Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Er ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung der HU und Vorsitzender des Fachausschusses Kultur und des Beirates Vielfalt kultureller Ausdrucksformen der Deutschen UNESCO-Kommission. Letzte Buchpublikation: "Tempelhof. Das Feld. Die Stadt als Aktionsraum" (Berlin 2014).

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