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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.09.2015

Migranten in DeutschlandDas Gespenst der Integrationsverweigerung

Von Winfried Roth

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Wie berechtigt ist der Vorwurf der sogenannten Integrationsverweigerung? (dpa / picture alliance / Patrick Lux)
Wie berechtigt ist der Vorwurf der sogenannten Integrationsverweigerung? (dpa / picture alliance / Patrick Lux)

Gibt es ein Recht auf Verweigerung in einer Demokratie? Viele ethnisch Deutsche nehmen es in Anspruch, wenn sie zum Beispiel nicht zur Wahl gehen. Menschen ausländischer Herkunft werden dagegen oft als Verweigerer kritisiert − wegen ihrer Integrationsdefizite.

Naji: "Ein paar arabische Accessoires gibt es − hier mal ein Kännchen, da mal ein kleiner Teppich. Aber unsere Wohnung sieht nicht anders aus als die eines Deutschen, der öfter mal verreist und das eine oder andere mitbringt."

Scheuermann: "Zunächst einmal muss eine Gruppe in einem fremden Land das Gefühl entwickeln können, a) Wir sind hier grundsätzlich willkommen, b) Wir werden akzeptiert, wie wir zunächst einmal sind."

L. Iannuzzi: "Für sie war wichtig, dass sie das Notwendigste kennen, ihre Arbeit zu machen und ihre Ruhe zu haben. Sie wollen ihre Pasta Asciutta jeden Tag, ihren Rotwein. Partizipieren an anderen Geschichten: nein. Aber diese Menschen stören keinen. Sie werden mit solchen Leuten keine Probleme haben."

Gülara Karakoç: "Man kann auch in der Woche türkisch leben, am Wochenende deutsch. Das ist eine tolle Sache. Überhaupt kein Stress."

Meral Karakoç: "Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern sind in der Türkei geboren, wir gehören der kurdischen Kultur zu. Aufgewachsen bin ich türkisch-kurdisch-deutsch. Ich bin alleinerziehend, hab eine Tochter. Sie geht auf ein Gymnasium."

... erzählt Meral Karakoç, 42. Die gelernte Verkäuferin lebt mit ihrer Tochter in Duisburg. Sie war lange arbeitslos. Inzwischen studiert sie Sozialarbeit.

Yasin: "Zu sagen, das ist jetzt deutsch, das ist kurdisch, das ist persisch oder türkisch − damit habe ich immer ein Problem."

Latif Yasin, 45, ist Mitarbeiter eines Jugendzentrums im "Problemstadtteil" Gallus in Frankfurt am Main:

"Ich bin kurdischer Abstammung, aus dem Nordirak. Und bin Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland gekommen, hab Asyl beantragt. Meine Mutter ist gläubige Muslimin, mein Vater Atheist. Ich hab an der Gesamthochschule Kassel studiert."

Gefährdet Integrationsverweigerung die Zukunft Deutschlands?

Karakaşoğlu: "Ich glaube, dass das dramatisiert wird. Da, denke ich, werden Ideen geschürt, die sehr ungut sind für das Zusammenleben in Deutschland."

Yasemin Karakaşoğlu ist Professorin für interkulturelle Bildung an der Universität Bremen, Muslimin und Mitglied des Rats für Migration.

Fünf Jahre ist es her, dass Thilo Sarrazin mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" eine große Debatte über tatsächliche oder vermeintliche Integrationsdefizite von Menschen ausländischer Herkunft in Deutschland auslöste. Sarrazin ist inzwischen aus der Öffentlichkeit verschwunden. Seine These von der Integration als Bringschuld der Einwanderer nicht.

Struve-Mardones: "Ich würde es mir schon wünschen, dass man sich mit dem Land, wo man lebt, beschäftigt."

Die Berliner Ökonomin Petra Struve-Mardones, 64, ist seit vielen Jahren mit einem Chilenen liiert, ihre gemeinsame Tochter lebt im Migrantenstadtteil Neukölln.

Gibt es ein Recht auf Verweigerung?

Für mehr Integration sind eigentlich alle. Allerdings sind viele der kulturellen oder sozialen Werte, an die Migranten und Migrantinnen sich anpassen sollen, schon lange brüchig geworden und dort, wo erfolgreiche Integration stattgefunden hat und stattfindet, wird sie oft nicht gesehen. Werden hier womöglich Scheinprobleme konstruiert? Schließt fühlbare Distanz zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen ein friedliches und produktives Zusammenleben aus? Gibt es vielleicht sogar ein Recht auf Verweigerung von Integration?

Naji: "Es wird immer davon gesprochen, die Leute wollen sich nicht integrieren. Aber es ist nie klar ausgesprochen, was heißt Integration, ab wann ist man integriert."

Die Englischlehrerin Nadia Naji, 37, aus Göttingen hat einen saudi-arabischen Vater und eine deutsche Mutter. Sie lebte lange in arabischen Ländern.

Wo findet ein gerade aus Brasilien oder Georgien angekommener Mensch eigentlich das "typisch Deutsche"? Die Vorstellung, es gebe auch in der Epoche von Pharell Williams, Haruki Murakami, Joanne K. Rowling, Armani oder Döner Kebab eine eigenständige deutsche Kultur, ist eine Fiktion. Das einzige "authentisch Deutsche" zwischen Rostock und Freiburg ist heute wahrscheinlich die Sprache. Obwohl:

Yasin: "Ich weiß nicht, ob alle Deutschen Hochdeutsch können."

Ansonsten existiert das "typisch Deutsche" − von Martin Walser bis zu den Wildecker Herzbuben, vom Dirndl bis zur Aachener Nussprinte − nur noch als ein "Marktsegment" unter vielen.

M. Karakoç: "Wenn man ein bisschen schaut − es ist nicht alles deutsch."

Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind Musik, Literatur, Film, Design und selbst die Küche in Deutschland in einem historisch beispiellosen Maß internationalisiert. Die Kultur der Eliten und der breiten Bevölkerung weist vermutlich mehr Ähnlichkeiten mit den Vorlieben der US-Amerikaner, Briten oder Italiener von heute auf als mit der Kultur der Deutschen von 1950. Für westfälische Volkslieder, fränkisches Brauchtum, Richard Wagners Opern, Max Beckmanns Gemälde oder Heiner Müllers Dramen begeistern sich sehr viele ethnisch Deutsche − es könnte die Mehrheit sein − nur wenig oder gar nicht. Aber dieses massenhafte Desinteresse löst keine politische Empörung und keine apokalyptischen Stimmungen aus.

Petra Struve-Mardones: "Man kann es ihnen nicht vorwerfen. Die Deutschen − wenn man sie zu ihrem Land befragt, dann wissen sie oft auch nicht mehr."

Wenn unter der Mehrheitsbevölkerung von Stuttgart, Dortmund oder München der Konsum von Stephen Kings schwelgerischen Horrorromanen oder der Genuss grellbunter Mangafilme völlig okay sind − warum gilt dann das Betrachten plüschiger Familiensagas aus Kairo oder das Versinken in schwülen Liebesliedern aus Adana als fragwürdig?

Scheuermann: "Ist das 'Verweigerung' von Integration? Das ist für mich mit dieser Begrifflichkeit nicht richtig beschrieben."

Michael Scheuermann arbeitet seit über 20 Jahren als Stadtteilmanager im Mannheimer Migrantenviertel Jungbusch.

Keine Kritik an christlichen Fundamentalisten

Vielleicht sind mit Blick auf Integration nicht kulturelle Sympathien entscheidend, sondern rechtliche und moralische Werte? Das Leben zwischen Kiel und Konstanz − so heißt es oft − bestimmen Ideen, die zurückgehen auf Christentum, Judentum und die Philosophie der Aufklärung.

Weniger als zehn Prozent der Deutschen gehen noch regelmäßig in die Kirche. An die Stelle des traditionellen Christentums treten unterschiedlichste esoterische Überzeugungen, Verknüpfungen etwa von christlichen und buddhistischen Ideen, religiöse Gleichgültigkeit − oder christlicher Fundamentalismus. Und die Werte der Aufklärung werden weithin verdrängt von rücksichtslosem Individualismus und einem Wunsch nach kompromissloser Bereicherung.

Sind womöglich die christlichen Fundamentalisten in Deutschland schlecht integriert? Aber das Zusammenleben mit ihnen betrachtet kaum ein Politiker als problematisch. Auch den unzähligen Astrologie-Gläubigen oder Okkultisten werden nur selten kritische Fragen gestellt. Warum erscheint dann der unauffällige, nicht offensiv gestimmte Islam, der in den Bevölkerungen zwischen Marokko und Indonesien vorherrscht und den auch die weitaus meisten Muslime und Musliminnen in Deutschland leben, so vielen Deutschen so verdächtig oder sogar bedrohlich?

"Das typisch Deutsche für mich ist mein Ausweis", bringt Latif Yasin die langsame und widersprüchliche Entwicklung hin zu einer "ethnisch nicht festgelegten" Gesellschaft in Deutschland auf den Punkt.

Mit Blick auf Kultur, auf alltägliche Kommunikation und politische Beteiligung gelten heute für Einheimische und Migranten meist noch unterschiedliche Maßstäbe. Zahllose Einheimische verweigern sich einem an Gewaltlosigkeit und Gleichberechtigung orientierten Familienleben, interkultureller Offenheit oder demokratischem Engagement − das wird aber von der Politik mehr oder weniger hingenommen.

Und es stimmt ja: Viele Migranten suchen kaum Kontakt zu Einheimischen. Nur: umgekehrt ist es nicht anders. Auch bei Teilen der ethnisch deutschen Armutsbevölkerung fällt eine stumme Abwendung von Werten wie elementare Bildung oder Vertrauen in das Rechtssystem auf. Ebenso schottet sich die Einkommens- und Vermögenselite zwischen München und Hamburg oft vom Rest der Gesellschaft ab. Die Ökonomin Petra Struve-Mardones:

"Ich finde, nicht integriert sind auch die Leute, die sich privat absetzen, die ihre Kinder in Privatschulen schicken. Zwischen reicheren und nicht reichen Leuten − diese Spaltung wird zunehmen."

Ein eindrucksvolles Beispiel für "doppelte Standards" waren die ersten Varianten des Einbürgerungstests. Yasemin Karakaşoğlu von der Universität Bremen:

"Man kennt diesen Test, der insbesondere modifiziert wurde für muslimische Migranten in Baden-Württemberg − da werden ja Fragen über die Mittelgebirge in Deutschland, über klassische Musik, über große Dichter gefragt, die in dieser Dichte von dem sogenannten Durchschnittsbürger ohne Migrationshintergrund kaum wiedergegeben werden könnten, würde man ihn fragen."

Meral Karakoç: "Das kommt mir wie ein Spiel vor. Irgendwo denke ich: Die wollen gar nicht, dass die sich einbürgern."

Grundlegendes Wissen über die Geschichte und das politische System Deutschlands fehlt auch vielen Menschen mit deutschem Hintergrund. Etwa ein Drittel von ihnen beteiligt sich nie oder nur ausnahmsweise an Wahlen. Auf spürbarer Distanz zum Staat leben verbissene christliche Fundamentalisten und entspannte Esoterikerinnen. Fremdenfeindlich, rassistisch oder auf andere Weise antidemokratisch eingestellt ist eine große Minderheit der Deutschen, auch wenn nur wenige Rechtsaußenparteien wählen.

Wenn doppelte Standards gelten, belasten Scheinprobleme die Integrationsdebatte.

Naji: "Zum Teil sprechen wir Arabisch in der Familie, zum Teil kochen wir auch arabisch − wobei wir alles Mögliche kochen, auch italienisch und chinesisch ..."

Yasin: "Zehn verschiedene Sprachen, zehn verschiedene Musikrichtungen − das ist einfach eine Bereicherung. Ich wünsche mir, dass eine Gesellschaft so ist wie Babylonien."

M. Karakoç: "Wir sollen ja international sein, wir sollen ja globalisiert werden, weltoffen werden."

Neukölln spricht türkisch? "Kein Problem!"

Ohne vollständige Integration der Migrantinnen und Migranten zerfällt Deutschland in Parallelgesellschaften − und geht vielleicht sogar zugrunde? Die jahrhundertelangen Erfahrungen der Schweiz − mit ihren vier traditionellen ethnischen Gruppen − zeigen etwas anderes. Auch in den USA, Kanada und Australien − mit großen süd- und osteuropäischen, asiatischen und lateinamerikanischen Minderheiten − entwickelte sich ein einvernehmliches Zusammenleben ohne sprachliche und kulturelle Geschlossenheit.

Karakaşoğlu: "Man kann sich auch Nationalstaaten vorstellen, bei denen es darum geht, sich auf gemeinsame Werte zu verständigen, die in der Verfassung wiedergegeben sind und die sich nicht an ethnischen Merkmalen festmachen."

Petra Struve-Mardones spricht mit ihrem Ehemann überwiegend Spanisch. Was wäre, wenn eines Tages etwa in Berlin-Neukölln nur noch Türkisch zu hören wäre?

Struve-Mardones: "Ich finde die Sprache sehr schön. Ich hätte keine Angst. (lacht) Damit hätte ich überhaupt kein Problem."

Auch wenn viele Forderungen an Migranten und Migrantinnen widersprüchlich und unhaltbar sind, auch wenn Integration nicht erzwungen werden darf − in vielen Fällen ist sie ausgesprochen wünschenswert. Mühelose sprachliche Verständigung und Informiertheit über kulturelle Traditionen der anderen erleichtern das alltägliche Zusammenleben. Ein Minimum an gemeinsamen Rechtsvorstellungen ist Voraussetzung für die Stabilität einer Gesellschaft.

Allerdings werden Integrationsdefizite nicht selten übertrieben dargestellt.

Karakaşoğlu: "Weil das ja ein so diffuser Begriff ist, kann man nicht sagen, dass es ganz eindeutige Untersuchungen gibt, die sagen, zehn Prozent sind integriert oder nicht integriert."

Der Mannheimer Stadtteilmanager Michael Scheuermann:

"Ich glaube, das ist eine sehr komplexe Situation. Ich bin immer wieder konfrontiert mit Menschen, die dazu neigen, sich abzugrenzen aus einer großen Angst heraus − dass ihre Kinder ihnen fremd werden, dass sie traditionelle Verhaltensweisen aufgeben. Man sucht dann das Heil im Festhalten an Traditionen."

In "seinen" Stadtteil kamen in den letzten Jahren viele Zuwanderer aus Bulgarien, ein großer Teil von ihnen Roma:

"Wir werden im Jungbusch mit Menschen konfrontiert, die in Bulgarien die kollektive Erfahrung gemacht haben − wir sind weniger wert als andere. Da sind Bildungsdefizite. Es ist die Sprachbarriere, aber auch die Vorstellung von einem Staat, zu dem man kein Vertrauen haben kann. Und auf der anderen Seite ein völlig anderer Verhaltenskodex, der entstanden ist, um dort zu überleben. Der viele Elemente hat: Der Staat hat uns vergessen, wir sind nur Menschen zweiter Klasse."

Naji: "Es ist eher so, dass es schade ist, aber ich glaube nicht, dass es wirklich problematisch ist."

Häufig wird nicht zwischen militanter Verweigerung und gewöhnlichem Desinteresse unterschieden. Vermutlich lehnen nur sehr wenige Menschen Integration offensiv ab.

Scheuermann: "Ich meine sagen zu können, dass Integrationsverweigerung im Jungbusch eine Frage von Einzelfällen ist. Ich sehe im Jungbusch keine Gruppen, die sich abgrenzen in einem Maße, wo man von parallelen Gesellschaften vielleicht sprechen könnte."

Und zum Thema Zwangsehen meint Michael Scheuermann:

"Ich glaube, wo eine große Einwanderungsgesellschaft lebt, gibt es immer einzelne Fälle dieser Art. Für den Jungbusch kann ich sagen, dass es diese Einzelfälle gibt − und dass ich keine Hinweise darauf habe, dass größere Gruppen solche Verhaltensweisen akzeptieren."

Wem soll mein Vater schaden?

Meral Karakoç aus Duisburg erzählt:

"Mein Vater, der kann einkaufen gehen, der kann sich beim Arzt verständigen. Der will nicht perfekt Deutsch sprechen − der sagt, das reicht. Der schaut den türkischen Sender, der liest die türkische Zeitung, der geht ins türkische Café ... Ist das schlimm? Nein! Mein Vater hat 35 Jahre gearbeitet, der hat das Land mit aufgebaut. Wem soll der denn schaden?"

Petra Struve-Mardones sagt über die "ausbaufähigen" Deutschkenntnisse ihres Ehemanns, der als politischer Flüchtling nach Deutschland kam ...

"... dass Orlando dadurch, dass er gezwungen war, sein Land zu verlassen, sich verweigert hat − wahrscheinlich gar nicht bewusst − die Sprache zu lernen, weil er zurück wollte."

Zugleich werden oft eindrucksvolle Fortschritte übersehen, etwa das steigende Bildungsniveau der Migranten.

Struve-Mardones: "Doch, bei Frauen hab ich es schon erlebt, dass die überhaupt kein Deutsch konnten − aber das sind ältere."

Bei Integration sollte es − nach dem Modell der USA oder Kanadas − vor allem um die Aneignung neuer Fähigkeiten und Werte gehen, ohne alles Alte aufgeben zu müssen. Für viele Millionen Menschen in Deutschland ist ein Leben in zwei und mehr Sprachen und Kulturen unangestrengter Alltag.

M. Karakoç: "Ich bin türkisch-deutsch-kurdisch. Ich bin Türkin mit deutschem Hintergrund." (lacht)

Yasin: "Ich lebe in mehreren Kulturen, nicht nur in zweien oder dreien. Ich habe Freunde, die aus Griechenland kommen, aus der Türkei, aus dem Irak, Deutsche ... Ich höre gern persische Musik, ich sehe mir deutsches Theater an. Ich schaue gerne französische Filme an. Hauptsächlich bin ich Deutscher und schaue deutsche Programme."

Aber was ist das Kurdische an dem Frankfurter Sozialarbeiter Latif Yasin?

"Am Bücherregal würde man das erkennen."

Meral Karakoç erlebt auch umgekehrte Integration:

"Wenn ich zu Geburtstagen eingeladen bin − da sind 20 Gäste, die verzichten an dem Tag auf Schweinefleisch. Die haben sich mir gegenüber integriert."

Deutschland hat die Migranten vernachlässigt

Eine kleine Geste, die eigentlich nicht viel kostet. Der fehlende Integrationswille weiter Teile der Mehrheitsbevölkerung wird in den Debatten oft nicht erwähnt. Die Wissenschaftlerin Yasemin Karakaşoğlu:

"Wenn man öfter damit konfrontiert worden ist, hat man vielleicht auch gute Gründe zu sagen, ich möchte mit den Menschen auf der anderen Seite der Migrationsgesellschaft nichts zu tun haben."

Petra Struve-Mardones erinnert sich an "Gastarbeiter" im Neukölln der 70er-Jahre:

"Bei den türkischen Leuten, die ich kennengelernt habe − da ist nichts getan worden. Es wurde ihnen ja gar kein Angebot gemacht. Der Staat hat nichts gemacht. Insofern war er ein Verweigerer."

Er vernachlässigte jahrzehntelang in den Schulen die Kinder der Migranten, duldete Diskriminierung auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt, blockierte Einbürgerung, bot erst spät Integrationskurse an. Und, so die Deutsch-Araberin Nadia Naji:

"Ich finde, man hat versäumt, Gelegenheiten zu schaffen, wo die neuen und die alten Bürger zusammentreffen können."

Die Englischlehrerin aus Göttingen ist auf der Website "i-blogger.de" aktiv:

"Die 'Integrationsblogger' sind ein Sprachrohr für Leute wie mich, die in den normalen Medien wenig zu Wort kommen. Gerade in Bezug auf Islam und Muslime ist es ja so, dass in den Standardmedien eher einseitig berichtet wird. Da kann ich dann meine Sicht der Dinge schildern."

Außerdem bietet sie an der Volkshochschule Islamkurse für Nichtmuslime an:

Es geht nicht darum, irgendwelche Leute zu bekehren, sondern darum, einen Dialog anzufangen und Ängste abzubauen. Die meisten Teilnehmer freuen sich, wenn da jemand ist, auf den sie zugehen können und den sie fragen können.

Michael Scheuermann stellt sich einen neu in Mannheim Angekommenen vor, der sich vielleicht fragt ...

"... ob ich als Zuwanderer auch tatsächlich die Erfahrung mache, es lohnt sich, auf diese Stadt, diese Gesellschaft mich einzulassen − und sie hat für mich auch etwas, was mir die traditionelle Gesellschaft nicht geben kann."

Inzwischen hat sich einiges verändert und in vielen Lebensbereichen werden Menschen ausländischer Herkunftselbstverständlicher akzeptiert als früher.

Im  Öffentlichen Dienst sind Migranten allerdings immer noch deutlich unterrepräsentiert. Die Ökonomin Petra Struve-Mardones:

"Dass man ihnen diesen Bereich verschließt, das ist natürlich auch eine Verweigerung von Integration."

Und das hat Folgen. Nadia Naji:

"Dieses Vertrauensverhältnis ist viel leichter aufzubauen, wenn man sieht, da sind auch Leute, die einen Hintergrund haben wie ich, die arbeiten auch da und sind auch Teil des Staatsapparats. Ich hab noch nie jemand im Öffentlichen Dienst kennengelernt, der einen arabischen Hintergrund hat."

Überzeugungen und Vorlieben gehen den Staat nichts an

Zu den Menschenrechten gehört das Leben von Differenz und damit auch das Recht der Verweigerung gegenüber der Mehrheit und ihrem Staat. Die religiösen Überzeugungen, die kulturellen oder sexuellen Vorlieben von Bürgerinnen und Bürgern gehen den Staat nichts an, auch wenn sie auf den größten Teil der Gesellschaft unverständlich oder abstoßend wirken. In einer Demokratie dürfen Menschen jedes Interesse an Kultur verweigern, und gewöhnlich auch die Beteiligung an Wahlen oder den Wehrdienst. Verweigerung kann gleichzeitig Provokation und Wahrnehmung eines demokratischen Rechts sein.

Karakaşoğlu: "Natürlich ist es so, dass ein Mensch, der nicht in die Gesellschaft integriert ist, sich in erster Linie selbst schadet, weil er nicht aktiv teilnehmen kann."

Struve-Mardones: "Er hat selbst gemerkt, wenn er die Sprache nicht beherrscht, dass er ein Stück weit ausgeschlossen ist. Da schließt man sich selber aus."

Petra Struve-Mardones über ihren Ehemann, der an seinen Deutschkenntnissen arbeiten musste, als er ein Restaurant eröffnete:

"Jeder und jede hat auch das Recht, sich unvernünftig zu verhalten. Es gibt keine Pflicht, einen Beruf zu erlernen, sich eine Altersversorgung aufzubauen oder das Rauchen aufzugeben."

Eine freiheitliche Gesellschaft muss − will sie nicht ihre eigenen Werte aufs Spiel setzen − ein hohes Maß an Staatsferne und selbst Gesellschaftsferne akzeptieren. Innerhalb der deutschen Mehrheitsbevölkerung wird Millionen Dissidenten und Individualisten oder auch nur Exzentrikern und Sektierern das Recht auf Verweigerung einigermaßen selbstverständlich zugestanden. Grundsätzlich ist Integrationsverweigerung − innerhalb weiter Grenzen − für Migranten genauso legitim wie für ethnisch Deutsche. Wenn jemand, der in Deutschland lebt, die deutsche Sprache und die kulturellen Traditionen Deutschlands völlig ablehnt, verhält er sich sicher dumm. Möglicherweise fällt er der Mehrheit auch lästig. Aber er tut nichts Illegales.

Struve-Mardones: "Das sind Außenseiter. Das machen ja viele Deutsche auch."

Yasin: "Solange er keinem anderen Menschen schadet, habe ich kein Problem damit, wenn er sagt 'Ich rede nicht gern Deutsch'. Aber das sind Menschen, mit denen ich mich nicht unterhalten würde."

Latif Yasin. Zweifellos gibt es muslimische Migranten, die aus ihrem Glauben eine autoritäre Gesellschaftsordnung ableiten. Man muss aber nicht lange suchen, um christliche Gruppen mit ähnlichen Vorstellungen zu finden. Zu den − nach den Maßstäben der Mehrheit − befremdlichen oder lächerlichen Lebensformen muslimischer Migrantinnen gehört das Tragen von Kopftüchern und Gesichtsschleiern. Aber wenn Distanz und Verweigerung legitim sind, müssen es auch ihre Symbole sein. Die Professorin Yasemin Karakaşoğlu verweist außerdem darauf, dass ...

"... es zahlreiche Untersuchungen gibt, die deutlich machen, dass das Kopftuch an sich kein Merkmal ist für islamischen Fundamentalismus und für Integrationsverweigerung, sondern als Merkmal der muslimischen Religionszugehörigkeit definiert werden kann von den Frauen und nicht ein Widerspruch sein muss zu ihrem Selbstverständnis als Deutsche in Deutschland, die gemeinsame Werte mit der Gesellschaft teilen."

Meral Karakoç hat bestimmt keine Sympathien für Fundamentalismus. Sie engagierte sich für Mädchenschulen in Afghanistan. Zu "vollverschleierten" Frauen in Deutschland meint sie:

"Doch, die haben das Recht. Diese Frauen entscheiden das ja selber. Ich akzeptiere das."

Wer wann was selbst entscheidet, ist allerdings nicht immer leicht zu klären. Yasemin Karakaşoğlu:

"Es gibt die Mädchen, die aus streng religiösen Familien kommen, in denen das überhaupt keine Frage ist, ob sie das tragen oder nicht, wo ein Druck auf sie ausgeübt wird. Da ist dann auch geboten zu unterstützen, wenn jemand das nicht möchte."

Naji: "In dem Moment, wo ich die Rechte meiner Mitbürger verletze, habe ich eine Grenze überschritten − unabhängig davon, ob ich einen Migrationshintergrund habe oder nicht. Solange wir unsere Vorstellungen niemandem aufzwingen, finde ich, ist die Grenze nicht überschritten."

Karakaşoğlu: "Anders ist es, wenn Menschen Praktiken ausüben, die kriminell sind. Dann habe ich aber gesetzliche Grundlagen, um das zu verhindern bzw. zu bestrafen, wenn es geschieht."

Scheuermann: "Die Pflicht ist sicher dort zu sehen, wo wir gesellschaftliche Grundprinzipien haben, wo wir die Verfassung haben."

Das Recht, die deutsche Kultur unsympathisch zu finden 

Welche Grenzen sollte es für die Verweigerung von Integration durch Migranten und Migrantinnen geben? Die Antwort ist relativ einfach und es bedarf dazu im Prinzip nicht mehr als eines unaufgeregten Blickes auf das geltende Recht.

M. Karakoç: "Gegen Zwangsehe bin ich auch. Schrecklich! Wie kann ich mit einem Menschen zusammenleben, den ich nicht kenne. Das soll verboten werden."

"Islamische Strafgerichte" würden das Gewaltmonopol des Staates berühren, daher darf es sie nicht geben. Freiwillige zivilrechtliche Schiedsverfahren dagegen − wie sie das deutsche Rechtssystem ohnehin vorsieht − müssten auch unter islamischen Vorzeichen möglich sein.

Aber wer nicht Deutsch sprechen will oder die deutsche Kultur unsympathisch oder uninteressant findet, hat das Recht dazu. Solange jemand nicht gegen Gesetze verstößt, darf er oder sie nicht unter Druck gesetzt werden, sich mehr zu integrieren.

Welche Risiken birgt eine Akzeptanz von Verweigerung? Wer gute Deutschkenntnisse für überflüssig hält, wer sich mit einem niedrigen Bildungsniveau seiner Kinder zufriedengibt, wem demokratische Beteiligung gleich ist, der schadet in erster Linie sich selbst und seiner Familie. Vermutlich schadet er oder sie zugleich der Demokratie, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Aber solche Rechte billigt eine Demokratie ihren Bürgerinnen und Bürgern zu.

Yasin: "Die machen sich darüber lustig: 'Bist du integriert, Alter?' Manche sagen offen, dass sie nie akzeptiert würden in dieser Gesellschaft."

... berichtet der Sozialarbeiter Latif Yasin aus Frankfurt am Main über unzufrieden gestimmte jugendliche Migranten.

M. Karakoç: "Das ist ein Teil von mir, die türkische Kultur. (lacht) Man kann sagen, ich lebe typisch deutsch."

Die Duisburgerin Meral Karakoç über eine vielfarbige, manchmal komplizierte neue Normalität in deutschen Städten.

Naji: "Mein Sohn ist in Deutschland geboren − der ist hier in den Kindergarten gegangen und wird im September mit der Schule anfangen. Er hat kein Arabisch gelernt, sondern Deutsch und Englisch, weil ich mit meinem Mann viel Englisch rede. Er kann sehr gut Deutsch und sehr gut Englisch und ein bisschen Arabisch. Aber das wollen wir noch nachholen."

Die "Integrationsbloggerin" Nadia Naji.

Karakaşoğlu: "Integrationsverweigerung − wäre das etwas, das ich bestrafen müsste? Da komme ich sehr schnell in Richtung einer Staatsvorstellung und auch von ethnischen und rassischen Vorstellungen jenseits eines demokratischen Systems."

Yasemin Karakaşoğlu von der Universität Bremen sieht jedenfalls ziemlich entspannt in die Zukunft:

"Da muss man meines Erachtens keine wirklich große Sorge haben, dass hier im Land durch Gruppen von sogenannten Integrationsverweigerern die Zukunft der Gesellschaft auf dem Spiel steht."

Scheinprobleme bestimmen die Debatte

Versuch einer Bilanz: Mehr Nähe zwischen Menschen mit deutschem und ausländischem Hintergrund ist für alle vorteilhaft. Allerdings sehen sich Migranten und Migrantinnen oft mit höheren Ansprüchen konfrontiert als Einheimische. Gleichzeitig hat der Staat jahrzehntelang wenig für Integration getan. So bestimmten oft Scheinprobleme die Debatten.

Integration kann und darf nicht erzwungen werden. Eine freiheitliche Gesellschaft muss Menschen deutscher wie nichtdeutscher Herkunft weitreichende Rechte auf Verweigerung garantieren − auch wenn das für die Mehrheit Nachteile bringt. Wer sich Integration verweigert, muss nicht auf die Nachsicht anderer hoffen − er macht von einem Recht Gebrauch.

Ist ein friedliches und produktives Zusammenleben auch "auf Distanz", ohne sprachliche und kulturelle Einheitlichkeit möglich? Der Mannheimer Stadtteilmanager Michael Scheuermann erzählt .

"... dass ich früher eher das gelungene Nebeneinander als Zwischenstation gesehen habe und das große Miteinander betont habe. Und dass ich heute nach vielen Jahren Arbeit sage: Wenn eine Gesellschaft ein Stadium erreicht hat eines funktionierenden Nebeneinanders − dann ist es eigentlich schon ziemlich viel. Und dann sollte man darauf auch stolz sein."

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