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Fazit | Beitrag vom 20.05.2020

Michel Onfray gründet ein MagazinEin populistischer Philosoph bringt sich in Stellung

Jürgen Ritte im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Der Philosoph Michel Onfray spricht in ein Mikrofon. (imago images / PanoramiC)
"Sein Geschäftsmodell war immer das des Außenseiters": der französische Philosoph Michel Onfray. (imago images / PanoramiC)

Im Juni bringt der Philosoph Michel Onfray in Frankreich ein populistisches Magazin auf den Markt. Im Angebot: extrem rechte wie auch extrem linke Inhalte. Damit laufe sich Onfray für die nächste Präsidentschaftswahl warm, analysiert Jürgen Ritte.

Treibende Kraft der Zeitschrift "Front populaire" (Volksfront") ist Michel Onfray. Der Philosoph sei stolz darauf, Mitstreiter auf der extrem linken und der extrem rechten Seite gefunden zu haben, sagt der Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte.

Onfray glaube, diese Bandbreite werde das Magazin populär machen, so Ritte. Das Personal reiche vom ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der katholischen Rechten, Philippe de Villiers, über den Ex-Verteidigungsminister Jean-Pierre Chevènement bis zu Natacha Polony, Chefredakteurin des Wochenblattes "Marianne".

"Eine Putin-Freundin, ein Linksnationalist, ein Rechtsnationalist", fasst Ritte zusammen. Oder auch: "ein Sammelbecken von professionellen Klabautermännern".

Nichts für das arme Volk

Ritte erwartet, dass im Magazin ein klares, politisches Programm formuliert wird: "raus aus Europa, raus aus der Globalisierung und zurück zu einem souveränen und möglichst autarken Frankreich". Ob damit die Zielgruppe erreicht werde, sei aber fraglich, meint Ritte: "Das ist ein Programm, das die Leute, die man überzeugen will und für die man angeblich spricht - also das sogenannte arme Volk - noch ärmer machen wird."

Ab Juni soll "Front populaire" vierteljährlich erscheinen. Dass Michel Onfray das Magazin ausgerechnet jetzt lanciere, erklärt Ritte mit den persönlichen Ambitionen des Philosophen: "Er spekuliert schon auf die Präsidentschaftswahlen 2022." Dann könnte Onfray zum populistischen Präsidentschaftskandidaten werden.

Angekommen bei den Wutbürgern

Onfray sei schon immer ein "trublion", ein Störenfried gewesen, führt Ritte aus. Angefangen habe der heute 61-Jährige als libertärer Philosoph, eine Art junger französischer Peter Sloterdijk. Dann sei er immer mehr in eine populistische Richtung abgedriftet.

Inzwischen stehe Onfray auf der Seite der Gelbwesten und führe einen Wutbürger-Diskurs, meint Ritte: "Die Medien: alle korrupt; die Parlamentarier: alle korrupt. Die Regierung tut nichts für uns. Wir, das Volk, leben in einer großen Misere."

Diese Entwicklung lasse sich auch dadurch erklären, dass Onfray mit seinen Veröffentlichungen Geld verdienen müsse, meint Ritte: "Das Geschäftsmodell war immer das des Außenseiters." Über Bücher müsse eben auch geredet werden - und so sei der Philosoph immer auf der Suche nach Positionen mit Alleinstellungsmerkmal.

Gemeinsam die Demokratie sabotieren

Dass sich das extrem rechte und das extrem linke politische Lager annähern, ist für Ritte ein typisch französisches Phänomen. Da fehle Frankreich die historische Referenz zur Weimarer Republik, die in Deutschland immer mitschwinge.

"Die extreme Rechte und die extreme Linke treffen sich (in Frankreich) in ihrem Antiparlamentarismus und in ihrem angeblichen Antikapitalismus", berichtet der Literaturwissenschaftler. Gemeinsam sabotierten sie dann die Demokratie.

(beb)

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