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Buchkritik | Beitrag vom 23.09.2019

Michael Wildt: "Die Ambivalenz des Volkes "Der Begriff "Volk" schließt andere zwangsläufig aus

Von Jens Balzer

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Das Cover des Buches "Die Ambivalenz des Volkes" ist vor einem aquarellierten Hintergrund zu sehen. (Suhrkamp / Deutschlandradio)
"Die Ambivalenz des Volkes" befasst sich mit dem Begriff des Volkes insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Der Historiker Michael Wildt widmet sich der Geschichte des Begriffs "Volk". Seine Analyse reicht weiter zurück als zu den Montagsdemonstrationen, zu Pegida oder der Neuen Rechten. Denn schon für die Nazis war die Beschwörung des Homogenen zentral.

Der Begriff des Volkes erlebt in den politischen Debatten der Gegenwart eine unbehagliche Renaissance. "Wir sind das Volk", wird auf den Demonstrationen von AfD und Pegida gerufen. Die Vertreter des Rechtspopulismus und der Neuen Rechten inszenieren sich als Verteidiger des Volkes gegen die von ihm angeblich entfremdeten Eliten – ebenso wie sie das Volk gegen die Interessen und Rechte all jener Menschen vertreten wollen, die "nicht zum Volk gehören".

Darin zeigt sich bereits die Ambivalenz dieses Begriffs: Jede Beschwörung des Volkes als politische Größe setzt gleichermaßen auf Inklusion und Exklusion. Wer sich zum einzig wahren Volk erklärt, schließt damit notwendig andere Gruppen von Menschen aus der Gemeinschaft des Volkes aus.

Carl Schmitt über die "Vernichtung des Heterogenen"

"Die Ambivalenz des Volkes" heißt das Buch des Berliner Historikers Michael Wildt. Darin verfolgt Wildt die Karriere des Begriffs bis zum Beginn der europäischen Aufklärung und der Bildung der westlichen Nationalstaaten zurück – und analysiert ihn dann insbesondere in seiner Bedeutung für die Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus.

Für die politischen Strategen der NSDAP war die Beschwörung des Volkes zentral. Sie half ihnen bei der Formierung der Massen zu einer vermeintlich homogenen Gemeinschaft, die sich als solche erst hinter dem "Führer" und dessen historischer Mission versammeln konnte. Und sie half ihnen bei der Entrechtung und Entmenschlichung all jener, die aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen werden sollten.

Schon 1924 schrieb der Vordenker der NSDAP, der von den Neuen Rechten auch heute gern wieder zitierte Staatsrechtler Carl Schmitt: "Jede wirkliche Demokratie beruht darauf, dass nicht nur Gleiches gleich, sondern, mit unvermeidlicher Konsequenz, das Nichtgleiche nicht gleich behandelt wird. Zur Demokratie gehört also notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen."

Das Heterogene ist bei den Nationalsozialisten das Jüdische

Das Heterogene, das im Nationalsozialismus aus der Volksgemeinschaft ausgeschieden und vernichtet wird, ist zuvörderst natürlich das Jüdische. Ohne die fortschreitende Demütigung und Entrechtung der Juden, die schließlich in deren Vernichtung mündet, wäre die Erschaffung des volksdeutschen Gemeinschaftsgefühls gar nicht denkbar gewesen: Das zeigt Michael Wildt gerade für die ersten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in ebenso anschaulich-detailreicher wie systematisch-begrifflicher Weise.

Auch hilft der schrittweise Entzug der individuellen Rechte und Sicherheiten, den die Juden schon in der Frühzeit des "Dritten Reichs" erleiden müssen, wesentlich bei der Destabilisierung der überkommenen Gesellschaftsstruktur und bei der generellen Zerstörung der demokratischen Ordnung, die wesentliche Ziele der NSDAP sind.

Glücklich versammelte Bürger bei der Demütigung von Juden

Der Band besteht aus einer Reihe von Aufsätzen, die größtenteils schon in Fachpublikationen veröffentlicht wurden. Doch ist die Lektüre auch für den geschichtswissenschaftlichen Laien ein großer Gewinn: Eindrücklich verbindet Wildt Politik- und Alltagsgeschichte.

Er analysiert die Schriften Carl Schmitts ebenso wie die Tagebücher von Victor Klemperer. Er interpretiert Fotografien aus den 1930er-Jahren, die glücklich versammelte Dorfgemeinschaften bei der Erniedrigung von jüdischen Mitbürgern zeigen, und er rekonstruiert den Umbau des Rechtssystems – weg von der juristischen Gleichberechtigung aller Bürger, hin zum "Volksempfinden" als leitendem Ideal, in dessen Namen sich die Bürgerrechte je nach Bedarf jederzeit relativieren und aufkündigen lassen.

Die Ideologie der Neuen Rechten unserer Gegenwart wird an keiner Stelle explizit erwähnt; damit hat Wildt sich vor zwei Jahren in einem Band mit dem Titel "Volk, Volksgemeinschaft, AfD" befasst. Doch auch hier gilt: So wie er seine Analysen strukturiert und seine Begriffe bearbeitet, liegen die Parallelen deutlich – und gerade in der Unausgesprochenheit umso nachdrücklicher – auf der Hand.

Wildt lässt keinen Zweifel daran, dass die Beschwörung einer homogenen Volksgemeinschaft notwendig mit rassistischem Ausschluss, mit gesellschaftlicher Polarisierung und Destabilisierung verbunden ist. Im Ruf "Wir sind das Volk" zeigt sich immer auch der Wunsch nach der Vernichtung des Anderen.

Michael Wildt: "Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte"
Suhrkamp, Berlin 2019
423 Seiten, 24 Euro

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