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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.12.2019

Michael von Brück: "Die Botschaft des Dalai Lama"Die Menschheit steckt noch in der Pubertät

Michael von Brück im Gespräch mit Christopher Ricke

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Der Dalai Lama, im roten Gewand, und der Theologe und Publizist Michael von Brück, im grauen Jackett, stehen einander zugewandt, Stirn an Stirn, und deuten eine Umarmung an.  (Michael von Brück)
Treffen der Traditionen: Der Dalai Lama und der Theologe Michael von Brück pflegen seit langem den christlich-buddhistischen Dialog. (Michael von Brück)

Klimakrise, Kriege, Autokraten an der Macht: Es geht auf der Welt gerade wenig vorweihnachtlich zu. Die Menschheit ist noch nicht erwachsen genug, so der Theologe Michael von Brück. Er hat mit dem Dalai Lama ein Buch herausgebracht.

Christopher Ricke: Irgendwie ist es schwierig mit dem Advent, der Zeit der Erwartung, der Ankunft des Herrn, des Erlösers, während das Weltklima kippt, in den Entwicklungsländern die Ernten ausfallen, der Meeresspiegel steigt. Das klingt eher nach Apokalypse als nach himmlischen Chören. Da singt gerade keiner: Christ, der Retter, ist da! Also brauchen wir dringend etwas Ermutigung, und die erbitte ich jetzt von dem evangelischen Theologen, Zen- und Yogalehrer Michael von Brück.

Er hat gemeinsam mit dem Dalai Lama das Buch "Wagnis und Verzicht" vorgelegt – eine ermutigende Botschaft. Es ist das Kondensat eines mehrtägigen Gesprächs von Brücks mit dem Dalai Lama. Herr von Brück, die Menschheit zerstört gerade sich selbst und den Planeten, und Sie werben für Geduld und kluge Balance. Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Woher kommt Ihrer beider Optimismus?

Michael von Brück: Ich glaube, er kommt bei uns beiden – und wir kennen uns ja nun schon über Jahrzehnte –, er kommt bei uns beiden aus der Erfahrung, dass das Bewusstsein und damit die Einstellungen und damit die Erkenntniskraft des Bewusstseins, aber auch die Gefühlsintensität, also die emotionale Kraft, sich tatsächlich ändern und trainiert werden können. Wir sind also nicht festgelegt. Wir haben nicht einen bestimmten Charakter, sondern wir sind tatsächlich in einer Entwicklung. Der Mensch kann diese Steuerung seines eigenen Bewusstseins selbst in die Hand nehmen. Das ist etwas Besonderes, das haben Tiere in diesem Maße nicht so.

Selbstreflektivität als Potenzial

Diese Selbstreflektivität und damit auch die Ausschöpfung der Möglichkeiten, die im menschlichen Bewusstsein liegen, die haben die meisten Menschen überhaupt noch nicht entdeckt. Das ist ein Potenzial, das heute notwendig ist, damit Menschen überhaupt überleben. Unsere Überlegung ist nun die: Die Evolution hat immer dafür gesorgt, dass die Spezies oder die Gruppen in einer Spezies, die sich am besten anpassen, tatsächlich einen Überlebensvorteil haben. Der Mensch muss sich an die neu gegebenen Verhältnisse – und die hat er zum Teil ja oder zum großen Teil selbst geschaffen durch seine Technologien, muss sich also tatsächlich auch emotional und kognitiv anpassen. Tut er das nicht, stirbt er aus. Das ist natürlich durchaus eine Möglichkeit.

Der Theologe und Publizist Michael von Brück (Thomas Doll/magenta33.de)"Halbzeit der Evolution": der Theologe und Publizist Michael von Brück (Thomas Doll/magenta33.de)

Wir Menschen sind offensichtlich erst in der Halbzeit der Evolution, wenn man es auf die individuelle Entwicklungsgeschichte vielleicht herunterbricht, könnte man sagen, wir sind alle in der Pubertät. Und so benehmen sich ja auch die meisten. Aber die Entwicklungsmöglichkeit ist da.

Buddhismus und Christentum im Dialog

Ricke: Jetzt gab es ja dieses lange, mehrtägige Gespräch mit dem Dalai Lama. Da haben ja keine Biologen und auch keine Darwinisten miteinander gesprochen, sondern ein Theologe und ein hoher buddhistischer Geistlicher. Gibt es da eine gemeinsame, auch spirituelle Basis?

von Brück: Ja, auf jeden Fall. Schauen Sie, wir sind seit Jahrzehnten verbunden und haben mehrmals ein Experiment gewagt, das sich auch in diesem Buch niedergeschlagen hat: Er interpretiert einen christlichen Text, und ich interpretiere einen buddhistischen Text, und dann sprechen wir darüber. Er hat mir mal scherzhafterweise gesagt, na ja, du bist ja halb Buddhist und halb Christ, und ich sage, nein, nein, ich versuche, 100 Prozent Christ und 100 Prozent Buddhist zu sein.

Das heißt, er hat auch ganz viel gelernt und in seiner Begegnung mit Christen über die Jahrzehnte hinweg an Erfahrungen gesammelt. Und zwar nicht nur mit einzelnen Menschen, sondern mit dem institutionellen Set-up des Christentums. Seine enorm engagierte und eben in sozialen Kategorien denkende Persönlichkeit ist davon ganz wesentlich geprägt. Und umgekehrt ist es bei mir: Ich bin selbst ja buddhistischer Lehrer, obwohl ich gleichzeitig christlicher Pfarrer und Universitätsprofessor für Religionswissenschaft bin. Ja, das hat sich alles gegenseitig befruchtet.

Es ist bei uns beiden so: Er ist aus seiner Tradition und ich bin aus meiner Tradition in die moderne Welt hineingewachsen. In einer solchen Situation kommt man zu neuen Erkenntnissen, vielleicht auch zu neuen Rahmen, in denen man die alten Botschaften der jeweiligen Religionen neu erlebt, neu denkt und neu nachempfindet.

Religionen als Teil des Problems

Ricke: Ich sehe schon, ich habe ein bisschen heute die Rolle des Pessimisten. Wir haben zweieinhalb Jahrtausende Buddhismus hinter uns, zwei Jahrtausende Christentum. Hinduismus und Judentum sind noch viel älter. Aber die Welt ist in einer schlechten Verfassung.

von Brück: Nun, ich denke, wenn man ganz nüchtern in die Geschichte schaut: Es hat durchaus etwas gebracht, nicht wahr? Dass wir heute Genozide nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern dagegen protestieren, das ist eine Geschichte der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, und dazu haben die Religionen ganz erheblich beigetragen.

Natürlich gibt es auch schon immer die andere Seite und auch heute, dass sich auch Religionen als, wie Goethe sagt, Mischmasch von Irrtum und Gewalt erweisen. Das ist wahr, das ist so, und das ist die Tragik der Religionen. Die wirkt sich auch heute aus, denn wie wir sehen, sind die Religionen keineswegs immer und leider wohl auch in seltenen Fällen Teil der Lösung der Probleme. Sie sind eher Teil des Problems selbst.

Ich weiß nicht, ob wir genug Zeit und Geduld haben, um uns zu verändern, bevor wir die Welt zerstört haben. Das weiß auch der Dalai Lama nicht, und wir spekulieren auch nicht darüber.

Entscheidend ist es, Kraft zum Mut zu entwickeln, jetzt anzupacken und jetzt zu verändern, und zwar beides gleichzeitig: das eigene Bewusstsein durch Meditation und Bewusstseinstraining sowie die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse, die gegenwärtig ja so irrational und so verkehrt sind, dass sich eigentlich alle selbst schaden. Wer das einsieht und wer es begreift, wird lernen, anders zu leben. Es ist eine Sache der Bildung.

Engagement wie nie zuvor

Ricke: Aber die, die es begriffen haben – und das sind ja nicht wenige –, die zweifeln an der Wirksamkeit des individuellen Handelns. Beispiel: Ich kann ja gerne weniger Auto fahren, nur: Ich kann das Klima nicht retten. Und auch, wenn es 10.000 andere tun, das reicht auch nicht.

von Brück: Natürlich ist das immer eine Frage der Rechnung. Wenn es 100.000 oder eine Million andere tun, dann ist es schon viel. Aber natürlich muss beides gleichzeitig geschehen. Und es ist aber so: Wenn wir in die Zeitung schauen und vielleicht auch in Ihren Sender hören, dann erleben wir ja beides. Wir erleben katastrophale Nachrichten, aber gleichzeitig gibt es viele höchst erfreuliche Aktivitäten. Höchst engagierte Menschen, die für Gerechtigkeit, für ökologisches oder, wie ich lieber sage, ökosophisches Verhalten und entsprechende Produktionsweisen nicht nur plädieren, sondern sich darum kümmern, Aktionsgruppen bilden, weltweit, in allen Kontinenten. Das alles in einer Weise, die es noch nie gegeben hat.

Darüber wird viel zu wenig berichtet. Das ist sowohl die Erfahrung des Dalai Lama in seinem nun wirklich weit gespannten Netz von Kontakten weltweit und ist auch meine Erfahrung, auch von einem weltweit gespannten Netz. Das ist eine Quelle der Ermutigung, diese Dinge passieren.

"Göttliche Qualitäten sind auch in uns selbst"

Ob es genügend ist und ob schließlich die Regierungen, vor allem natürlich auch die Lobbys der entsprechenden Wirtschaftsinteressen so stark unter Druck geraten, dass sie sich auch auf der Makroebene verändern, das weiß ich nicht. Aber auch da sehe ich, dass in den letzten Jahren doch einiges passiert ist. Es passiert viel zu langsam, völlig klar, aber es geschieht etwas.

Das heißt, Menschen verändern sich, und ein Bewusstseinswandel ist im Gange, und das ist erfreulich. Man muss sich beteiligen und kann sich beteiligen. Nicht nur, um die Welt zu retten, sondern auch, um sich selbst Bedeutung und Sinn zu geben.

Schauen Sie, jetzt haben wir gerade wieder diese Weihnachtszeit, dieses sinnlose Gefresse auf den Weihnachtsmärkten, das ist doch nicht Weihnachten. Und wenn es gelingt, Menschen, gerade auch Jugendliche dafür zu begeistern, für eine Idee, sich für etwas einzusetzen, dann ist das was ganz anderes.

Weihnachten bedeutet für Christen ja zunächst mal die Gottesgeburt des Menschen und die Menschengeburt Gottes, wenn man so will: Gott und Mensch werden eins. Die göttlichen Qualitäten, die wir oft jahrhundertelang an den Himmel projiziert haben, die sind auch in uns selbst, und in dieser Kraft des Geistes sind wir miteinander verbunden und können tatsächlich handeln. Das sieht ein Buddhist, der die Erfahrung gemacht hat, genauso wie ein Christ, der die Erfahrung gemacht hat, und sicherlich auch ein Muslim, der die Erfahrung gemacht hat.

Meditation als Quelle der Freude

Ricke: Interessanterweise ist dieser Buddhist, ist der Dalai Lama ja im Westen überaus populär. Er wird auch hier in Deutschland von vielen Nicht-Buddhisten verehrt. Warum eigentlich? Ist das eine Projektion eigener Wünsche und Ideale?

von Brück: Ich glaube, es ist eher die starke Persönlichkeit des Dalai Lama. Er ist authentisch. Und das hängt mit mehrerem zusammen. Auf der einen Seite: Er ist zwar das Oberhaupt einer Religion, aber er hat keine Macht. Er ist selbst Flüchtling, ist selbst ein Gebeutelter, verliert aber nicht den Humor und nicht die Geduld und nicht den Mut, Menschen zu ermutigen, wo immer das passiert, im individuellen Gespräch wie auf großer Bühne.

Auch seine Begegnungen zum Beispiel mit Nelson Mandela oder anderen Friedensnobelpreisträgern, da erlebt man seine enorme charismatische Ausstrahlung. Ich glaube, das spüren die Menschen. Er ist schlicht in dem, was er nach außen transportiert. Es ist eine schlichte Botschaft, aber sie ist echt und er kann ganz genau angeben: was kann ich tun, dass ich mich verändere? Und zwar nicht mit einem sauertöpfischen Gesicht oder mit einem erhobenen Zeigefinger der Pflicht. Er zeigt das eben auch mit seinem Leben, seiner Ausstrahlung.

Diese Selbstveränderung oder diese Selbststeuerung, die macht unglaublich große Freude. In der Meditation Erkenntnisinhalte, Vernunft , Gefühl und Herz zu vereinen, das ist nicht nur eine mühsame Aufgabe, das ist vor allem Quelle der Freude. Und das Lebensgefühl wird dadurch einfach gut. Und das strahlt er aus, und ich glaube, deshalb ist er über alle Religionsgrenzen hinweg hochverehrt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Dalai Lama, Michael von Brück: Wagnis und Verzicht. Die ermutigende Botschaft des Dalai Lama
Kösel Verlag, München 2019
256 Seiten, 20 Euro

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