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Lesart | Beitrag vom 10.07.2018

Michael Ohl: "Stachel und Staat"Vom Flattern, Schnarren und dem tödlichen Stich

Von Susanne Billig

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Cover von "Stachel und Staat" vor dem Hintergrund eines Bienenstocks (dpa Verlag Droemer)
Cover von "Stachel und Staat" vor dem Hintergrund eines Bienenstocks (dpa Verlag Droemer)

Abwechslungsreich und stilsicher wandert der Forscher Michael Ohl in seinem neuen Buch durch die Welt der Bienen, Wespen und Ameisen - und warnt dabei eindringlich vor den Folgen des Insektensterbens.

Mehr als 150.000 Arten von Wespen, Bienen und Ameisen sind der Forschung bekannt. Viele tausend harren in Erdlöchern, Baumspalten und Steinritzen noch ihrer Entdeckung. Der Erfolg dieser Tiere hat tatsächlich viel mit dem giftigen Schmerz zu tun, den sie ihren Opfern zufügen können, erklärt Michael Ohl in seinem neuen Buch "Stachel und Staat". Vor allem das Nest sozialer Hautflügler ist mit seinen delikaten Larven und dem süßen Honig eine begehrte Beute. Nur wehrhaft lässt es sich beschützen: mit Tarnfarben, aufgeregtem Flattern oder Schnarren – und dem schmerzhaften oder gar tödlichen Stich.

Forschung ist nicht immer ungefährlich

Ausführlich beschreibt das Michael Ohl die massiven Gift-Cocktails, die dabei zum Einsatz kommen können. So ist die Feldforschung des Biologen nicht immer ganz ungefährlich. Der Autor nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf Wüstenexpeditionen, wo er stundenlang in der Sonne ausharrt, um neue Wespenarten aufzuspüren. Beeindruckend seine Fangtechnik, bei der er sich das Insektennetz in einem gewagten Schwung über Kopf und Schultern wirft, während die Sechsbeiner nach oben gen Licht flattern – hoffentlich.

Bienen kehren zu ihrem Stock auf dem Lohrberg im Nordosten von Frankfurt am Main zurück.  (dpa / Frank Rumpenhorst)Faszinierende Bienenwelt (dpa / Frank Rumpenhorst)

Die meiste Zeit allerdings befasst sich der Mitarbeiter des Berliner Naturkundemuseums mit aufgespießten, teils vor langer Zeit gefangenen Insekten. Ohne sie könnte er Verwandtschaftsbeziehungen nicht exakt untersuchen. Erst die hochauflösenden Makrofotografien, die Museumsmitarbeiter Bernhard Schurian zum Buch beisteuert, lassen die zarten Härchen, feingliedrigen Mundwerkzeuge und farbigen Schüppchen erkennen, die ein Biologe auswerten muss, um zu realistischen Stammbäumen zu kommen. Zugleich bieten all die durchscheinenden Flügel, pechschwarzen Komplexaugen und gepanzerten Körper eine ästhetische Freude. Etwa die "Blutbiene", gefangen 1767 in Griechenland, die als winziger rötlicher Parasit auf großen Bienen lebt.

1802 ging in Papua Neuguinea die Ameise "Polyrhachis sexspinosa" ins Netz, deren Leib sich mit eindrucksvollen Dornen wappnet. Aus Arizona von 1868 stammt die Spinnenameise "Dasymutilla gloriosa" mit ihrem flauschig-weißen Pelz. Das sind, auf einem Raum von manchmal nur wenigen Millimetern, echte Porträtfotografien, die mit Licht und Schatten, ungewöhnlichen Perspektiven und Unschärfen spielen. Dazu zeigt das Buch auf seinem warmgelben Papier auch alte Zeichnungen längst verstorbener Insektenforscher, kontrastiert mit Kurven aus Computeranalysen.

Überraschende Lebensstrategien

Schon in seinem Buch "Die Kunst der Benennung" verband Michael Ohl Leidenschaft, Biologie und Poesie – es gelingt ihm hier einmal mehr. Abwechslungsreich und stilsicher wandert er von den überraschenden Lebensstrategien der Hautflügler zur Evolutionsforschung, von den Pioniertagen der Insektenkunde zur HighTech-Naturfotografie, sogar Tipps für die Artbestimmung im eigenen Garten finden sich, dazu sympathische persönliche Erlebnisse. Sein Buch ist nicht nur ein engagiertes Plädoyer für eine Grundlagenforschung, die sich noch für das entlegenste Tierchen interessiert – es führt auch eindringlich vor Augen, was verloren ginge, wenn das Insektensterben weitergeht.

(str)

Michael Ohl, Stachel und Staat – Eine leidenschaftliche Naturgeschichte von Bienen, Wespen und Ameisen
Droemer Verlag, München 2018
368 Seiten, 39,99 Euro

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