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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.05.2018

Michael Naumann über Philip Roth Mit viel Witz und viel Bitterkeit

Michael Naumann im Gespräch mit Hans-Joachim Wiese

Der Schriftsteller Philip Roth am 22.05.2006 in New York (imago/ZUMA Press)
Das Thema von Philip Roth' - hier im Jahr 2006 - Romanen sei die Emanzipation des aus Europa eingewanderten Juden zum Amerikaner, sagt der Verleger Michael Naumann. (imago/ZUMA Press)

Der Verleger Michael Naumann kannte Philip Roth persönlich. Im Interview erzählt er, was Roth über seine Schreibtechnik enthüllte und wie er ihn als Person wahrnahm.

Der amerikanische Autor Philip Roth ist tot, gestorben im Alter von 85 Jahren. Michael Naumann, ehemaliger Kulturstaatsminister sowie Journalist und Verleger, hatte die Gelegenheit, Roth vor ein paar Jahren persönlich zu treffen. In seiner New Yorker Wohnung sprachen sie einen ganzen Nachmittag lang. "Da begegnete mir ein sehr professioneller Autor, der genau weiß, was er in solchen Gesprächen zu sagen hat", erzählt Naumann. "Gleichzeitig machte er auf mich den Eindruck eines nicht mehr sehr glücklichen Zeitgenossen." 

An diesem Nachmittag habe er auch von seiner Schreibtechnik erzählt. Roth habe nämlich immer Notizen in kleinen Büchern gemacht, die er dann gelegentlich in seinen Romanen verarbeitet habe - wie die sehr detaillierte Beschreibung der Herstellung von Handschuhen in seinem Buch "American Pastoral" ("Amerikanische Idylle"). Diese Notizen hatte er sich nach dem Besuch einer Handschuhfabrik in New Jersey gemacht. 

Trump als "Katastrophe des 21. Jahrhunderts" bezeichnet 

Roth war als Sohn jüdischer Eltern geboren worden. "Man kann an seinem Buch gewissermaßen die Emanzipation der amerikanischen Juden aus der Ghetto-Mentalität in die vor allem akademische Welt der tonangebenden Schriftsteller und Intellektuellen nachverfolgen", meint Naumann. Diese Emanzipation des aus Europa eingewanderten Juden zum Amerikaner sei deshalb auch das eigentliche Thema seiner Romane - und er erzähle die Geschichten mit sehr viel Witz, aber auch sehr viel Bitterkeit. Roth selbst habe sich aber nicht als Jude, sondern als Amerikaner gefühlt. "Religion interessierte ihn eigentlich nicht", sagt Naumann. Politik hingegen schon: Roth war ein Linker und hatte Trump einmal als die "Katastrophe des 21. Jahrhunderts" bezeichnet.

Dass Roth später auch immer wieder von Frauen wegen seiner Haltung ihnen gegenüber kritisiert wurde - auch seine Partnerin Claire Bloom, mit der er fast zwei Jahrzehnte eine Beziehung führte, unterstellte ihm einen Hass auf Frauen - wollte Michael Naumann hingegen nicht diskutieren: "Ehrlich gesagt: Wenn wir anfangen, Autoren von der Größe von Philip Roth' zu messen an den jeweils zeitgenössischen Gender-Debatten, dann werden wir uns früher oder später auch noch einmal mit dem Fall Goethe/ Vulpius beschäftigen müssen", beschied er stattdessen.

(inh)

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