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Buchkritik | Beitrag vom 14.11.2019

Michael Martens: "Ivo Andrić. Im Brand der Welten"Opportunist mit elegantem Stil

Von Wolfgang Schneider

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Buchcover zu  "Im Brand der Welten. Ivo Andrić. Ein europäisches Leben" von Michael Martens. (Hanser)
Schrieb in nur drei Jahren die Meisterwerke, die seinen Weltruhm begründeten: Ivo Andrić. (Hanser)

Ivo Andrić war jugoslawischer Diplomat und Literaturnobelpreisträger. Als einer der ersten fragte er in seinen Büchern, ob Europa und der Islam zusammenpassen. Michael Martens glänzende Andrić-Biografie liest sich wie ein Roman des 20. Jahrhunderts.

Gavrilo Princip, der im Juni 1914 den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand erschoss, besuchte mit ihm das Gymnasium in Sarajevo. Mit Danilo Ilić, dem Organisator des folgenreichsten Attentats der Weltgeschichte, war der junge Ivo Andrić sogar befreundet. Er gehörte zu den rebellischen Intellektuellen-Zirkeln des "jungen Bosnien", in denen man vom Zusammenschluss der Südslawen träumte. Zur Zeit des Attentats war er allerdings als Student in Krakau. Deshalb fiel die Strafe für ihn glimpflich aus: acht Monate Gefängnis.

Kein Zweifel, mit der glänzenden Andrić-Biographie von Michael Martens befindet man sich in den Wirbeln des 20. Jahrhunderts. Zum historischen Reiz der Lektüre trägt bei, dass Andrić später ein Doppelleben als Schriftsteller und Spitzendiplomat des Königreichs Jugoslawien in den Hauptstädten Europas führte. 1939 wurde er zum Gesandten und stellvertretenden Minister an der Botschaft in Berlin. Hitler wollte Jugoslawien als Verbündeten gewinnen; Andrić wurde deshalb sehr zuvorkommend behandelt. Im Bemühen, Jugoslawien aus dem sich abzeichnenden Weltkrieg herauszuhalten, übte er sich in diplomatischen Schmeicheleien gegenüber dem Nationalsozialismus, die ihm später, unter Tito, das Genick hätten brechen können.

Erbitterter Bürgerkrieg

Immer wieder, kann Martens darlegen, bestimmten jedoch Glücksfälle Andrićs Leben. Dazu gehörte, dass er nicht zur Verhandlungsdelegation gehörte, die unter dem wachsenden deutschen Druck den Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt im März 1941 vorbereitete; eine Allianz, die nur zwei Tage dauerte. Mit dem Überfall der Wehrmacht endete wenig später das Königreich Jugoslawien – und Andrić’ diplomatische Mission. Er schlug die Möglichkeit eines Exils in der Schweiz aus und kehrte zurück ins zerstörte und besetzte Belgrad. Diese Entscheidung trug ebenfalls dazu bei, dass er unter Tito rehabilitiert werden konnte. Während in Europa der Zweite Weltkrieg und in den jugoslawischen Gebieten bald auch ein erbitterter Bürgerkrieg tobte, zog er sich völlig zurück und schrieb in nur drei Jahren die Meisterwerke, die nach 1945 seinen Weltruhm begründeten, darunter die Romane "Die Brücke über die Drina" und "Wesire und Konsuln".

Andrić entwickelte seinen Stil im bewussten Kontrast zu den Formexperimenten der Avantgarden: ein klassischer Duktus von schlackenloser Eleganz, der allerdings zum Medium eines modernen psychologischen Erzählens wird. Andrić zeigt die Menschen in ihrer Zerrissenheit, in ihren heimlichen Schwächen, Leidenschaften und Lastern. Und er war wohl der erste Schriftsteller, der jene Frage, die heute hitzig debattiert wird, auf den bosnischen Schauplätzen seiner Werke in hintergründiger Weise behandelt hat: Passen Europa und der Islam zusammen? Dass er immer wieder exzessive Grausamkeiten schildert, die von osmanischer Seite begangen wurden, wird ihm heute von manchen als "Islamophobie" angekreidet.

Aushängeschild für Toleranz

Nach 1944 arrangierte Andrić sich mit dem Tito-Kommunismus, weil nur er den Fortbestand Jugoslawiens garantieren konnte. Umgekehrt konnte das Regime den international renommierten Schriftsteller, der 1961 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, als Aushängeschild für die Kultur und Toleranz in Jugoslawien gut gebrauchen. "Genosse Ivo" musste nun gelegentlich Baustellen und Bergwerke besuchen und die eine oder andere ideologisch korrekte Sprechblase verfassen. Teile des bürgerlichen Publikums waren verärgert über seinen Opportunismus, und auch der Biograf kann ihn nicht ganz davon freisprechen.

Diese profunde und glänzend geschriebene Biographie liest sich wie ein Roman des europäischen 20. Jahrhunderts. Kenntnisreich führt Michael Martens Leben, Werk und Epoche zusammen. Und macht große Lust auf Andrić-Lektüre.

Michael Martens: "Im Brand der Welten. Ivo Andrić. Ein europäisches Leben". Biografie
Zsolnay Verlag, Wien 2019
496 Seiten, 28 Euro

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