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Lesart | Beitrag vom 24.02.2020

Michael Kumpfmüller über seinen Roman "Ach, Virginia"Die letzten Tage der Virginia Woolf

Michael Kumpfmüller im Gespräch mit Frank Meyer

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Historisches Porträt von Virginia Woolf von George Charles Beresford, 1902. (akg-images / Archive Photos)
Virginia Woolf ermutigte viele Frauen, ihren eigenen Weg zu gehen, und starb einen einsamen Freitod. Davon erzählt Michael Kumpfmüller in "Ach, Virginia". (akg-images / Archive Photos)

Von Depressionen gepeinigt, nahm sich die Schriftstellerin Virginia Woolf im Frühjahr 1941 das Leben. Michael Kumpfmüller schildert in seinem neuen Roman die letzten zehn Tage vor ihrem Tod. Ihr klarer Blick auf das eigene Leiden fasziniert ihn.

"Liebster, ich bin mir sicher, dass ich wieder wahnsinnig werde, ich kann nicht länger dagegen ankämpfen", so schreibt Virginia Woolf in einem Abschiedsbrief, den ihr Mann Leonard zehn Tage später finden wird. Am 28. März 1941 setzt die Schriftstellerin ihrem Leben ein Ende. Der in Berlin lebende Autor Michael Kumpfmüller schildert in dem Roman "Ach, Virginia", wie es dazu kam.

Seelische Qual oder Quell der Kreativität?

Sein Buch ist nicht nur ein Porträt der englischen Schriftstellerin, sondern auch eine intime Studie über einen Menschen, der Schübe einer schweren Depression durchlebt und diese zugleich hellsichtig reflektiert. In ihren Briefen und Tagebüchern beschreibe Virginia Woolf präzise das Chaos ihrer Gemütszustände, so Kumpfmüller. Dort nenne sie ihre Depression einen "Lernort für die Seele".

"Ich glaube dass die psychische Krankheit mit der Quelle ihrer Kreativität verbunden ist", sagt Michael Kumpfmüller. Eine klare Unterscheidung zwischen "Wahnsinn" und "Normalität" sei dabei gar nicht möglich: "Als Schriftsteller hat mich interessiert, inwieweit man das nachvollziehen und verstehen kann, ohne sie dabei als Opfer oder Täter zu behandeln, sondern als jemand, der eben in diesem schwierigen Gelände operiert."

Suizid - bis heute ein Tabu

Virginia Woolfs Biografie rühre an ein Thema, das bis heute tabu sei: die Selbsttötung. "Der Suizid ist eine Verzweiflungstat - aber sehr oft eben auch eine Aggression nach außen", sagt Kumpfmüller. Einmal fällt im Roman das Wort "Verrat": So habe es Leonard Woolf empfunden, dass seine Frau den Entschluss fasste, ihr Leben zu beenden, und ihn darüber bis zum Schluss im Ungewissen ließ.

Historisches schwarz/weiss Porträt von der Schriftstellerin Virginia Woolf im Garten ihres Hauses in Rodmell, 1926. (akg-images / Mondadori Portfolio)Klarer Blick ins eigene Chaos: Virginia Woolf in Rodmell, 1926. (akg-images / Mondadori Portfolio)

Michael Kumpfmüller führt in Nahaufnahmen die brutale Egozentrik einer Depression vor Augen: Nach und nach verengt sich der Blick ganz auf das eigene beschädigte Selbst. In Virginia Woolfs zerstörerisch übersteigerter "Ich-Sucht" erkennt der Autor ein Muster, das er auch in unserer heutigen Art zu leben wiederfindet:

"In aller Vorsicht gesagt, das scheint ja eines der Probleme der westlichen Gesellschaften zu sein - man kann auch von der ‚narzisstischen Gesellschaft‘ sprechen -, dass das Ich am Ende in einen leeren Verzweiflungszustand führt."

Vordenkerin des Feminismus

Wie riskant erschien es dem Autor, Virginia Woolf auf seine Weise neu zu deuten? Eine Schriftstellerin, die nicht nur die Formensprache des modernen Romans radikal erweiterte, sondern mit ihrem Essay "Ein eigenes Zimmer" auch einen der Basistexte des Feminismus schrieb. War es nicht gerade als Mann ein enormes Wagnis, sich eine solche Autorin als literarische Figur anzueignen?

Porträt des Schriftstellers Michael Kumpfmüller, 2016. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)Operieren in schwierigem Gelände: Michael Kumpfmüller. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Diese Bedenken hatte Michael Kumpfmüller nicht: "Natürlich bin ich als Mann limitiert, in jede weibliche Gedankenfalte zu schlüpfen, aber zunächst mal bin ich ja ein Mensch." Von einer "Genderisierung der Sprech-Lizenz", die ja letztlich auf "äußerlichen Zuschreibungen" beruhe, hält er nichts.

Mut zum Androgynen: "Ich bin ja auch eine Frau"

Kumpfmüller erinnert an das Konzept des Androgynen, das in den achtziger Jahren noch sehr präsent gewesen sei: "Das kommt mir inzwischen absolut progressiv vor, weil ich immer sagen würde: Ich bin ja auch eine Frau. Ich habe auch weibliche Anteile, die ich auch leben kann." Dass auch eine männliche Stimme über eine Frau schreiben könne, sei für ihn daher selbstverständlich.

"Die vor allem in den USA viel diskutierte Auffassung, dass in Zukunft bitte nur noch der über die Dinge spricht, der von ihnen betroffen ist, dieses linke identitäre Denken halte ich für eine absolute Katastrophe" sagt Kumpfmüller, "weil es eigentlich dazu führt, dass die Wir-Gruppen über sich sprechen und am Ende nur noch das Ich über sich, und das sei die einzige Legitimation."

Wer könnte sie gewesen sein?

Drei Monate lang sei er Tag und Nacht in Virginia Woolfs literarische und persönliche Schriften eingetaucht und habe versucht zu verstehen, "wer sie gewesen sein könnte – im Text, denn mehr habe ich ja nicht von ihr."

Und wie wäre es, wenn in 120 Jahren ein Buch mit dem Titel "Ach, Michael" erschiene, das den Schriftsteller Kumpfmüller seinerseits zur literarischen Figur macht? Diese Spekulation nimmt der Autor sehr gelassen auf: "Als Toten stört mich sowieso nichts. Und sollte ich nicht tot sein, werde ich es auf jeden Fall lesen."

(fka)

Michael Kumpfmüller: "Ach, Virginia"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020
240 Seiten, 22 Euro

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