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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.11.2017

Michael Hudson: "Finanzimperialismus""Merkel sollte die Deutsche Bank schließen"

Von Nana Brink

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ccupy-Wall Street-Demonstrant in New York anlässlich des 6. Jahrestags der Besetzung der New Yorker Straßen um die Wall Street / Im Vordergrund das Cover von Michael Hudson Buch "Finanzimperialismus" (imago / Pacific Press Agency / Erik McGregor, Buchcover Klett-Cotta)
Buch "Finanzimperialismus" von dem Finanzwissenschaftler Michael Hudson, der auch die Occupy-Bewegung berät (imago / Pacific Press Agency / Erik McGregor, Buchcover Klett-Cotta)

Ein russischer Revolutionär war sein Patenonkel, heute berät der Wirtschaftswissenschaftler Michael Hudson die Occupy-Bewegung. Er warnt vor dem US-Finanzimperialismus und rät dazu, Bankschulden nicht mehr zu bedienen.

Eines vorweg: Das ist kein Buch, das gute Laune macht! Auch wenn es mit leichter Feder geschrieben ist und aufs Neue der angelsächsischen Geschichtsschreibung alle Ehre macht. Es ist ein wortreicher Abgesang auf das herrschende Finanzsystem: 

"Nach dem Ersten Weltkrieg wich die US-Regierung von der in Europa üblichen Praxis an, ihren Verbündeten die Schulden zu erlassen, die sie zur Finanzierung des Kriegs aufgehäuft hatten."

Kein Schuldenerlass für Verbündete

Die Folge: Die Verbündeten der USA bürdeten ihrerseits dem besiegten Deutschland Reparationen auf, um ihre Schulden zu begleichen. Das Ergebnis: Ein von den USA ausgeklügeltes Schulden-Kredit-System, das von den großen Banken mit Billigung der Finanzinstitutionen wie IWF und Weltbank finanziert wird und von denen die Vereinigten Staaten am meisten profitieren. Bis zum Kollaps.

Michael Hudson betätigt sich gerne und ausgiebig als Schwarzmaler unseres weltweiten Finanzsystems. Bereits 2006 prophezeite er, die kreditgetriebene Immobilienblase in den USA (aber nicht nur dort) werde platzen was 2007 auch geschah. 

Seitdem ist Michael Hudson als Fachmann gefragt, vielleicht auch weil seine Biografie so gar nicht dem Klischee eines Ökonomieprofessors entspricht.

Er wächst in einem sozialrevolutionären Haushalt auf, sein Vater ist Anführer der amerikanischen Trotzkisten und der russische Revolutionär wird sogar sein Patenonkel. Er studiert erst Musik, dann Wirtschaftswissenschaften und arbeitet als Berater an der Wall Street. Sein wissenschaftliches Steckenpferd wird die Erforschung des Finanzsystems im Alten Orient. Seine politische Heimat: Er gehört zu den Beratern von Occupy.  

Kredite meist nicht produktiv genutzt

Sein jetzt erschienenes Buch ist eigentlich die Vorgeschichte zu seiner Fundamentalkritik des kapitalistischen Finanzsystems, die letztes Jahr auf Deutsch erschienen ist: "Der Sektor: Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört".

Hudsons Hauptargument lautet: Viele Kredite – die meisten sogar – dienten nicht produktiven Zwecken, sondern dazu, bestehende Assets zu kaufen, also Immobilien, Aktien, Unternehmen etc. Diese Kredite erhöhten zwar das Vermögen (auch die Schulden), nicht aber die Produktivität - oder allenfalls am Rande.

"Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus" – so der Untertitel – dominieren bis heute den Finanzmarkt. Die "Übernahme" erfolgte in Schritten, die Hudson detailreich schildert. Nach dem Börsencrash 1929 und der andauernden Wirtschaftskrise bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beschlossen die USA ihre Währung an das Gold zu binden. Bis Ende der 1940er Jahre hielten die USA rund 75 Prozent der globalen Goldreserven. Der Dollar wurde zur Reservewährung der Welt.

Die USA wollten wirtschaftlich dominieren

Ein weiterer Einschnitt war die Aufgabe eben jener Bindung im Zuge des Vietnamkrieges 1971, als die USA auf Grund immenser Militärausgaben in Schwierigkeiten gerieten. An die Stelle des Goldes trat als Vermögenswert die amerikanische Staatsanleihe. Entscheidend bei all diesen Maßnahmen war, so Hudsons These, die Dominanz der USA zu etablieren:

Das Buch endet Anfang der 1970er-Jahre. Wer jetzt – angesichts eines aufstrebenden, selbstbewussten Chinas – wissen will, wie es weitergeht, muss zu Hudsons Klassiker "Der Sektor" greifen. Wem das zu lang ist, der liest eines seiner kurzweiligen Interviews, in denen er vorschlägt, Schulden bei den Banken nicht zu bedienen: "Angela Merkel sollte die Deutsche Bank schließen."

Michael Hudson: "Finanzimperialismus - Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus"
Aus dem Amerikanischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt
Klett-Cotta, 2017
512 Seiten, 27 Euro

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