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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.11.2016

Michael Hudson: "Der Sektor" Ist der Staat die bessere Bank?

Von Ursula Weidenfeld

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Eine rote Verkehrsampel vor der Zentrale des Unternehmens mit schwarzen Regenwolken im Bankenviertel in Frankfurt am Main.  (imago/Ralph Peters)
Eine rote Verkehrsampel vor der Zentrale des Unternehmens mit schwarzen Regenwolken im Bankenviertel in Frankfurt am Main. (imago/Ralph Peters)

Der US-Ökonom Michael Hudson hat eine Streitschrift geschrieben - gegen den Finanzsektor. Er will in seinem Buch "Der Sektor" beweisen, dass Banken, Hedgefonds und Finanzdienstleister sich die Staaten der Welt endgültig zu Untertanen gemacht haben.

"Der Sektor" heißt das neueste Buch des US-Ökonomen Michael Hudson: es ist eine Streitschrift gegen den Finanzsektor, gegen die westlichen Regierungen, und gegen das eine Prozent der Weltbevölkerung, das sich nach Hudsons Überzeugung skrupellos auf Kosten des Restes bereichert. Hudson will den Nachweis führen, dass die Banken, Hedgefonds und Finanzdienstleister sich die Staaten der Welt endgültig zu Untertanen gemacht haben. Das oberste eine Prozent treibe die Welt in eine Verschuldung ohne Aussicht auf Rettung. Es nehme in Kauf, dass die Gesellschaften destabilisiert werden und Staaten zerfallen. Denn den Schuldenerlass, nach Hudson die einzige Erlösung aus der Spirale des Elends, verweigern die Reichen den Armen. Die Parasiten, so sagt der Patensohn Leo Trotzkis, töten den Wirt.

Hudson ist im trotzkistischen Industrie-Arbeitermilieu der USA aufgewachsen, hat später für die Wall Street gearbeitet und US-Präsidenten beraten. Er war Professor an einer amerikanischen Elite-Universität und gilt als Dr. Doom – als einer, der weiß, wann die nächste Krise kommt. Bald, glaubt man ihm.

Gedacht ist das Buch als Motivationsschrift für die Occupy-Bewegung, der ein bisschen die Puste ausgegangen ist. Hudson geht weit in die Kulturgeschichte der Menschheit zurück, um die ganze Verwerflichkeit des Kreditwesens aufzublättern. Das erste Drittel des Buchs liest sich wie eine Zusammenfassung von David Graeber "Schulden, die ersten 5000 Jahre", das dem Anthropologen den Ruf eintrug, das theoretische Gewissen der Occupy-Leute zu sein.

Die Finanzkrise als Generalprobe

Vieles von dem, was Hudson aus streng sozialistischer Perspektive ausführt, ist richtig: So kann man kaum leugnen, dass die Finanzbranche das billige Geld von den Zentralbanken nutzt, sich selbst und die Immobilienbranche aufzublähen. Man kann auch nicht widerlegen, dass die Finanzbranche - jedenfalls in ihren Teilbereichen wie Private Equity Gesellschaften und Hedge Fonds - zu neuer Hochform aufläuft. Und er könnte auch mit seiner Auffassung richtig liegen, die Finanzkrise von 2008 sei nur die Generalprobe für das gewesen, was uns demnächst bevorsteht.

Nur: Ist das wirklich neu? Taugen die Alternativen, die Hudson vorschlägt? Ist der Staat wirklich der bessere Banker? In Deutschland waren es ausgerechnet die staatlichen Landesbanken, die sich in der Finanzkrise gründlich verzockt hatten. In den USA bildeten die halbstaatlichen Immobilienkreditinstitute Freddie Mac und Fannie Mae das Epizentrum der Krise. Wäre Griechenland heute wettbewerbsfähiger, wenn die Schulden gestrichen worden wären?

Diese Fragen stellt man sich, wenn man dieses temperamentvoll geschriebene Buch nicht als Programm für Antiglobalisierungs-Aktivisten liest, sondern als volkswirtschaftliche Betrachtung. Dazu kommt, dass Hudsons Antworten dann doch erstaunlich lahm daherkommen. Mehr Steuern, mehr staatliche Banken, mehr Regulierung, die Rückführung des Kreditwesens auf seine Rolle als Finanzier der Realwirtschaft. Das hat man irgendwo alles schon einmal gehört und gelesen.

Michael Hudson: Der Sektor: Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört
Übersetzt von Thorsten Schmidt und Dorothee Merkel
Klett-Cotta, Stuttgart, 2016
670 Seiten, 26,95 Euro

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