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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.06.2016

Michael D'Antonio: "Die Wahrheit über Donald Trump"Speerspitze einer narzisstischen Kultur

Von Martin Tschechne

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Donald Trump bei seiner Dankesrede nach der Vorwahl im US-Bundesstaat Nevada. (afp / John Gurzinski)
Donald Trump bei seiner Dankesrede nach der Vorwahl im US-Bundesstaat Nevada. (afp / John Gurzinski)

Leicht zu lesen, aber schwer zu verkraften: "Die Wahrheit über Donald Trump" von Michael D'Antonio ist nicht nur das Sittenbild eines Mannes, sondern der gesamten USA - vor denen sich die Welt bald fürchten muss, sollte der selbstverliebte Milliardär Präsident werden.

Wer ist dieser Donald Trump? Vor Monaten noch wurde der New Yorker Immobilien-Tycoon abgetan als Lachnummer der Kabarettisten, als lebende Karikatur des fiesen Kapitalisten, über dessen grotesk aufgeföhnte Frisur jeder gratis Witze reißen durfte.

Konnte einer so plump in seinen Methoden sein, so peinlich in seinem Größenwahn und so geschmacklos in dem, womit er sich umgab? Konnte einer politischen Erfolg in einer aufgeklärten Gesellschaft haben, indem er Frauen und Fremde pauschal beleidigte, Muslime ohne Ansehen der Person aus dem Land zu weisen drohte und versprach, Mexiko hinter einer Tausende von Kilometern langen Mauer verschwinden zu lassen?

Und doch erscheint es plötzlich beängstigend real, dass der nächste Präsident der USA eben Donald Trump heißen könnte.

Mit der eiskalten Routine des Geschäftemachers

Während die Bewerber aus dem demokratischen Lager, Hillary Clinton und Bernie Sanders, einander in den Vorwahlen demontierten und bis zur Ermattung um Konzepte und persönliche Glaubwürdigkeit stritten, zog der Kandidat der Republikaner seine Agenda mit der eiskalten Routine des Geschäftemachers durch: Mit Drohungen und Unterstellungen, wirrem Gestammel, Halbwahrheiten und blanken Lügen servierte der Enkel deutscher Einwanderer, der seine Herkunft gern als "schwedisch" bezeichnet, einen Gegenkandidaten nach dem anderen ab, düpierte die "grand old party" der Konservativen bis zur Lächerlichkeit und bestätigte sein Lebensmotto: Ein Sieg ist nicht das Wichtigste im Leben. Er ist das Einzige, was zählt.

Wer hätte im vergangenen Juni daran geglaubt, dass er diesem Ziel innerhalb eines Jahres so verdammt nahe kommen könnte?

Der Journalist Michael D'Antonio ist an einer klassischen Biografie des Milliardärs, nun ja, streng genommen gescheitert. Irgendwann entzog sein Gesprächspartner ihm das Vertrauen und spielte nicht mehr mit. Glück gehabt, denn herausgekommen ist etwas viel Umfassenderes: ein Psychogramm des Kandidaten Donald Trump und seiner Wähler.

Es gelten die rauen Methoden der Pioniere

Der historische Abriss einer Kultur des Narzissmus 2.0, die Funktionsanalyse einer Volkswirtschaft, in der die rauen Methoden der Pioniere und der Goldsucher immer noch die Regeln des "Big Business" bestimmen, selbst wenn sie veraltet sind wie ein Straßenkreuzer mit Heckflossen, Blattfederung und einem Spritverbrauch von 30 Litern. Kurz: Herausgekommen ist das Sittenbild nicht nur eines Mannes, sondern eines Landes, vor dem sich die Welt vielleicht bald fürchten muss.

"Die Wahrheit über Donald Trump" ist ein Buch, das locker zu lesen, aber schwer zu verkraften ist.

Michael D'Antonio: "Die Wahrheit über Donald Trump"
Econ Verlag, Berlin 2016
544 Seiten, 24,00 Euro, als E-Book 19,99 Euro

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