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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 25.03.2012

MHD mit Ach und Weh

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist sinnlos

Von Udo Pollmer

82 Kilo Lebensmittel pro Jahr wirft jeder Deutsche weg. (picture alliance / dpa / Hans Joachim Rech)
82 Kilo Lebensmittel pro Jahr wirft jeder Deutsche weg. (picture alliance / dpa / Hans Joachim Rech)

Laut einer Studie des Verbraucherschutz-Ministeriums wirft jeder Bundesbürger im Schnitt knapp 82 Kilo Lebensmittel im Jahr weg, davon wäre über die Hälfte noch genießbar. Nun sollen die Bürger mit Flugblättern aufgeklärt werden. Udo Pollmer amüsiert das allenfalls.

Die Diskussion um das Mindesthaltbarkeitsdatum, das MHD, zeigt erste politische Konsequenzen. Verbraucherministerin Ilse Aigner hat sich zu einem beherzten Griff in die Mottenkiste durchgerungen. Sie will Flugblätter verteilen, besser gesagt, verteilen lassen. Dadurch sollen wir Verbraucher endlich lernen, auch mal Produkte zu essen, die wir bisher weggeworfen haben. Schon klar, dass es der Verbraucher selber essen muss, denn aus seuchenrechtlichen Gründen darf MHD-Ware nicht einfach so an Schweine verfüttert werden. Wir schützen, wo immer wir können und was immer wir erwischen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits die Stäpelchen staatlicher Aufklärungs-Zettel – achtlos zwischen den Anzeigenblättchen voller Sonderangebote mit lecker Schweinebauch und Katzenstreu mit Maiglöckchenduft. Dazwischen lächelt uns das Konterfei der Ministerin an und wartet wohl insgeheim darauf, endlich sachgerecht dem Altpapier zugeführt zu werden. Daraus werden dann flauschige Recycling-Toilettenrollen. Diesmal mit Blümchen drauf.

Das MHD verlangt vom Lebensmittelhersteller beinahe hellseherische Fähigkeiten. Er weiß ja nicht, was Spedition, Handel und Kundschaft so alles mit der Ware anstellen, bevor sie auf den Tisch kommt. Dazu kommen weitere Unwägbarkeiten: Bei Gewitterstimmung schlägt die Milch auch bei sachgerechter Lagerung im Kühlschrank schneller um. Dann flockt sie im Kaffee aus, doch das MHD ist noch in weiter Ferne. Vielleicht drucken wir demnächst auch noch den Wetterbericht mit auf?

Das MHD taugt zwar nichts, ist aber allemal gut genug, um die Empörung der Verbraucher zu bedienen. Wird das MHD großzügig ausgelegt, dann gibt’s Ärger, weil schon mal falsch gelagerter Räucherlachs zu viele Keime enthalten kann. Wird das MHD aufgrund der Proteste der Verbraucheranwälte knapper kalkuliert, dann wächst die Empörung über weggeworfene aber noch gute Lebens-mittel. In beiden Fällen wird den Herstellern Skrupellosigkeit und Geldgier vorgeworfen.

Natürlich haben die Hersteller gemerkt, dass ihnen das verhasste MHD richtig Geld in die Kasse spülen kann. Viele Menschen sind in Sachen Lebensmittel so verunsichert, dass sie bei der kleinsten wahrzunehmenden Unstimmigkeit die Finger davon lassen. Und schon landet "Abgelaufenes" im Müll. Man kann ja nie wissen und sicher ist sicher. Dann kauft man halt wieder ein. Frische ist Trumpf!

Unsere Verbraucherschützer nutzen die Gunst der Stunde und beklagen die unsäglichen Handels-klassen als Grund für weggeworfenes Obst und Gemüse. Doch intakte Ware, die nicht den Handels-klassen entspricht, wird verarbeitet zu Konserven, Saft oder Fruchtfüllungen. In die Biotonne kommt das Obst vor allem im Haushalt. Viele Menschen haben, wenn sie Süßwaren oder Pommes kaufen, ein schlechtes Gewissen. Wenn sie ihre Waren aufs Kassenband legen, dann gucken ja alle. Also packen sie daneben noch ein bisschen Obst – damit das Ensemble etwas unschuldiger wirkt.

Daheim steht es für alle sichtbar herum, damit auch jeder zugreifen kann, der Obst will. Aber die wollen lieber etwas Sättigendes. Wäre es da nicht vernünftiger auf Aufklärungskampagnen zu verzichten, deren Nutzen nicht nachgewiesen werden kann? Dann kaufen die Menschen auch keine Lebensmittel, die sie nachher doch nicht essen. Wenn es schmeckt, wird automatisch weniger weggeworfen.

Eine korrekte Kennzeichnung würde das Herstellungsdatum umfassen, beispielsweise "abgefüllt am", gefolgt von: "Bei sachgemäßer Lagerung hält sich dieses Produkt mindestens 10 Tage". So hätte der Kunde nicht den Eindruck, dass der Datumswechsel um Mitternacht darüber entscheidet, ob etwas noch gut ist oder nicht. So gewinnt er seine Unbefangenheit zurück, wenn er eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank holt. Dann wird er vorher mal probieren oder dran schnuppern. Nicht umsonst befindet sich die Nase des Menschen unmittelbar über seiner Futterluke. Mahlzeit!


Weiterführende Informationen:

MHD ist kein Wegwerfdatum - Ministerin Ilse Aigner stellt Kampagne zur Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatum vor

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