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Fazit | Beitrag vom 02.12.2019

MFG-Geschäftsführer Carl BergengruenWie man Filme klimaneutral drehen kann

Moderation: Gabi Wuttke

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Buster Keaton und Harold Goodwin im Film "The Cameraman" (Buster, der Filmreporter) von 1928 (imago images / United Archives)
Zurück zur Handkurbel? Nein, klimaneutral drehen geht auch anders - mit LED-Scheinwerfern und Ökostrom. (imago images / United Archives)

Filme sind aufwendig, teuer und energiehungrig. Die Hälfte aller CO2-Emmissionen beim Dreh lässt sich einsparen, sagt Carl Bergengruen, Geschäftsführer der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Im Interview erklärt er, wie genau das geht.

Gabi Wuttke: Im Spiegel des Protests der Fridays for Future-Bewegung wird auch die Kultur öffentlich befragt, wie sie es denn mit dem Klimaschutz hält. Wie viel Kerosin verbrauchen die Museen, um Bilder von einem Ende der Welt zum anderen zu schicken, welche klimaschädlichen Materialien werden für Bühnenbilder verwendet, wie viel Strom braucht eine Filmproduktion? Carl Bergengruen ist Geschäftsführer der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, die von der Landespolitik und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk getragen wird.

Carl Bergengruen, Geschäftsführer der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (imago images / Arnulf Hettrich)Beim klimaneutralen Film sind auch die Zuschauer gefragt: Streaming verbraucht mehr als die Hälfte des Internetverkehrs, sagt Carl Bergengruen Geschäftsführer der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. (imago images / Arnulf Hettrich)

Seit wann macht die MFG sich Gedanken um den Klimaschutz und weiß, dass ein Tatortdreh 140 Tonnen CO2 verbraucht, so viel wie 13 Menschen in einem ganzen Jahr?

Carl Bergengruen: Das war eine Studie, die wir vor zweieinhalb Jahren in Auftrag gegeben hatten. Und das geht darauf zurück, dass wir in Deutschland zu wenig Studien haben, die genau sagen, wie denn der Verbrauch von Filmproduktionen und Fernsehproduktionen ist, aber wir wissen aus anderen Ländern, dass er hoch ist. In Frankreich gibt es eine Studie, die sagt, dass der dortige Film- und TV-Sektor insgesamt so viel CO2 emittiert wie die gesamte Telekommunikationsbranche.

Wuttke: Der Klimaschutz ist also bei Ihnen nicht erst mit Greta Thunberg angekommen.

Bergengruen: Nein, das beschäftigt uns schon sehr viel länger – wie viele andere übrigens auch. Es gibt viele Produktionsfirmen, Sender – zum Beispiel der SWR, das ZDF, die großen Produktionsfirmen. Und wir haben uns zusammengetan in einem Arbeitskreis Green Shooting, da sind auch Verbände drin, um gemeinsam zu überlegen: Was können wir tun, um CO2 zu vermeiden, und da gibt es eine ganze Menge.

Die Hälfte des CO2-Ausstoßes ist vermeidbar

Wuttke: Ja, was ist es denn?

Bergengruen: Diese Tatort-Studie, über die wir eben gesprochen haben, hat ergeben, man kann fast die Hälfte des CO2-Ausstoßes vermeiden, aber man muss dafür den gesamten Produktionsprozess umstellen. Und das geht in alle Bereiche rein. Da muss man versuchen, Bahn zu fahren anstatt zu fliegen, Hotels möglichst zu vermeiden, stattdessen Apartments mieten, LED-Lampen verwenden statt herkömmlicher Scheinwerfer, Dieselgeneratoren gehören komplett raus, ans lokale Stromnetz anzuschließen, die Produktionen, wann immer das geht, Ökostrom nutzen und so weiter, kein Einweggeschirr, regionales Catering. Übrigens spielt auch das Baumaterial eine große Rolle. Es werden immer noch nämlich riesige Kulissen gebaut aus Styropor, und dann werden sie weggeworfen, obwohl es da umweltfreundliche Alternativen gibt.

Wuttke: Das heißt, es muss auch erst mal aussortiert werden, es müssen Neuanschaffungen gemacht werden, verstehe ich das richtig? Das kostet ja auch einiges.

Bergengruen: Genau, da ist genau das Problem. Diese Alternativen, nehmen Sie zum Beispiel jetzt die LED-Lampen für Außendrehs, die sind oft noch etwas teurer, deswegen werden sie von den Produzenten noch nicht so viel nachgefragt. Und weil sie nicht so viel nachgefragt werden, deswegen bieten die Verleihe und die Dienstleister vieles noch nicht an. Und das wollten wir durchbrechen, deswegen haben wir diesen Arbeitskreis. Und seither hat sich auch eine ganze Menge getan.

5000 Euro Zuschuss für umweltfreundliche Drehweise

Wuttke: Ein Arbeitskreis, heißt das: Man könnte ja mal versuchen, dass …?

Bergengruen: Es gibt noch keine Regularien, aber was wir tun, ist, dass wir darauf bestehen, dass die, die bei uns einreichen, die die Förderung haben wollen, darstellen, was sie im Bereich ökologisches Drehen machen wollen. Und wir bieten Unterstützung an. Das geht los bei einem Leitfaden, wir machen kostenlose Workshops, wir bieten einen CO2-Rechner an, den wir kontinuierlich zusammen mit der Branche praxistauglicher machen, wir haben ein Dienstleisterverzeichnis. Und wer bei der MFG einen Film gefördert bekommt und dann einen Berater anstellt, der die ganze Produktion auf eine umweltfreundliche Drehweise umstellt, der erhält von uns einen Zuschuss von bis zu 5000 Euro. Und so ein Green Consultant, der hilft wirklich bei der Umstellung, denn diese Umstellung, die beginnt in den Köpfen.

Wuttke: Aber auf der anderen Seite kann ich mir vorstellen, "Matrix" wäre jetzt vielleicht gar nicht mehr möglich?

Bergengruen: Sie können alles herstellen mit weniger CO2-Emmissionen, aber sie ganz zu vermeiden, ist schwierig. Sie brauchen gerade bei den Produktionen, die – so nennen wir es – CGI-gestützt sind, wo die Bilder am Computer unterstützt werden, da verzichten Sie auf Lkw, da verzichten darauf, die Leute von A nach B zu bekommen, und auf Flugzeuge, aber dafür haben Sie einen enorm hohen Stromverbrauch, denn das Internet, die computergenerierte Herstellung von Filmen braucht viel Strom. Und da geht es ganz entscheidend darum, ob da Ökostrom verwendet wird oder nicht.

Ziel: Nur noch klimaneutrale Energie

Wuttke: Und ist mit all dem dann irgendwann als Fernziel mal Klimaneutralität zu erreichen oder ist das gar nicht möglich?

Bergengruen: Das ist eine gute Frage. Es wird nur gehen, wenn insgesamt Energie zur Verfügung gestellt werden kann, die klimaneutral hergestellt wird. Denn eines ist sicher, gerade das Streaming braucht mehr Strom als früher. Über die Hälfte des Datenvolumens – und damit des Stromverbrauchs im Internet – geht drauf für die Übertragung von audiovisuellen Inhalten von Netflix, Amazon und Co. Also, das ist nur möglich, wenn dieser ganze Strom mal aus erneuerbaren Energien stammt.

Wuttke: Das heißt, es könnte sein, dass man vom Regen in die Traufe kommt, wenn nicht genug passiert?

Bergengruen: Wenn nicht genug passiert, dann sind wir schon in der Traufe, deswegen muss was passieren. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, das ist ganz klar.

Wuttke: Ursula von der Leyen hat ja als erste Großtat angekündigt, schon in den nächsten Tagen ein Papier vorlegen zu wollen, wie die Europäische Union innerhalb von gut 30 Jahren klimaneutral sein kann. Kann die Filmbranche in Europa da zusammenarbeiten?

Bergengruen: Wir würden so gerne unseren CO2-Rechner, den wir bei der MFG entwickelt haben, übertragen auf andere Länder. Es zeigt sich aber, dass in jedem Land aufgrund der anderen Gesetze, der unterschiedlichen Drehbedingungen andere Verhältnisse herrschen, deswegen: Da, wo es geht, zusammenzuarbeiten, gemeinsame Standards entwickeln, ist es immer gut, aber es wird dabei bleiben, dass in einzelnen Ländern unterschiedlich gearbeitet wird. Und das Wichtige ist, dass überhaupt CO2 vermieden wird, jeder auf seine Weise ist besser, als wenn es niemand macht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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