Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
Dienstag, 13.04.2021
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Studio 9 | Beitrag vom 16.03.2021

MeToo-Vorwürfe an der VolksbühneDie Pubertät des Theaters ist am Ende

Ein Kommentar von André Mumot

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine männlich wirkende Person steht zwischen zwei Wänden in rotem Licht. Über dem Kopf ist eine rote elliptische Fläche, so dass kein Gesicht zu erkennen ist. (Unsplash / Nikolas Noonan )
Übergriffe jenseits der Bühne: Sitzt das Theater dem eigenen Mythos auf, dass große Kunst so manche Grenzüberschreitung rechtfertigt? (Unsplash / Nikolas Noonan )

Intendant Klaus Dörr verlässt die Berliner Volksbühne nach Vorwürfen sexualisierter Grenzüberschreitung. Nicht der erste Fall von MeToo an deutschsprachigen Bühnen. Sind Theater besonders anfällig für ein Klima der Angst und Übergriffigkeit?

Es ist schon keine Überraschung mehr: noch ein MeToo-Skandal an einem großen deutschsprachigen Theater. Wir hatten das beispielsweise schon an der Wiener Burg. Diesmal ist es die Berliner Volksbühne. Am 13. März erst hat die taz über die Beschwerden von zehn Mitarbeiterinnen gegenüber der Berliner Kulturverwaltung berichtet. Klaus Dörr, der als Intendant 2018 eingesprungen war, nachdem der glücklose Chris Dercon das Haus verlassen hatte, wird sexistisches, übergriffiges, altersdiskriminierendes Verhalten vorgeworfen.

Latent sexualisiertes Arbeitsklima

Am 15. März dann tritt er selbst zurück. Ganz schnell. Das ist ein Schritt, der durchaus Respekt verdient. Auch Kultursenator Klaus Lederer lässt wissen: "Durch die Freistellung kann der Aufklärungsprozess fortgeführt werden." Gut so – bis der abgeschlossen ist, sollten sich Außenstehende mit der Beurteilung des Falles zurückhalten.

Nur hoffen kann man, dass gründlich aufgeklärt wird, fair – und mit einem Blick für die Strukturen des Theaterbetriebs, die offenbar nach wie vor so hervorragend geeignet sind für ein latent sexualisiertes, mit beruflichen Existenzängsten unterfüttertes Arbeitsklima. Wenn der alleinige Chef an der Spitze der Hierarchie über die Verlängerung kurzer Arbeitsverträge entscheidet und gern einen möglichst persönlichen Umgang mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wünscht, ist es eben immer besonders schwer, ihn mit klar gezogenen Grenzen womöglich vor den Kopf zu stoßen.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Erstaunlich ist nur: Die MeToo-Diskussionen sind nun wirklich nicht neu. Trotzdem: immer wieder solche Vorwürfe. Das Theater hängt immer noch seiner eigenen Vergangenheit als Bürgerschreckinstitution nach. Auf der Bühne sollten die Spießer jahrzehntelang mit radikaler Hemmungslosigkeit geschockt werden.

Gerade die Volksbühne hat dieses anarchische Theater repräsentiert: Schauspielerinnen und Schauspieler, die den Exzess auf den Brettern leben, sich in jeder Hinsicht nackt machen. Und immer dabei dieser Mythos: Hinter den Kulissen geht es bestimmt genauso zu – Sex und Drogen und Ausschweifungen, nur damit kann man doch radikale Bühnenkunst zustande bringen.

Zeit für eine neue Ethik

Anscheinend hat sich dieser Mythos auch bei einigen Theatermachern und -macherinnen bis heute gehalten. Aber viele Aktivistinnen und Verbände wie etwa Pro Quote begehren schon seit längerem auf. Die endlos verlängerte Pubertät des deutschsprachigen Theaters kommt an ihr Ende, der Ernst des Lebens beginnt: Das Theater muss begreifen, dass es auch ein Arbeitsplatz ist, an dem Regeln gelten müssen, an dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschützt sind und respektiert werden – auch wenn es auf der Bühne wild zugeht.

Es wird Zeit, dass aus den großen moralischen Worten der Theater gelebte Praxis wird. Was wir brauchen? Eine neue ernst gemeinte Ethik der Theaterarbeit.

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

Patrice Nganang: "Spur der Krabbe"Das Schweigen brechen
Auf orangefarbenem Pastelluntergrund ist das Cover des Buches "Spur der Krabbe" zu sehen.  (Deutschlandradio / Peter Hammer Verlag)

Ein ehemaliger Untergrundkämpfer erzählt von der Zeit nach der Unabhängigkeit Kameruns. Damals gab es einen Genozid an den Bamileke, der bis heute kaum bekannt ist. Es ist der letzte Band einer Trilogie über das Heimatland des Autors Patrice Nganang.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur