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Rang I | Beitrag vom 15.08.2020

#MeToo und die TanzszeneNicht gewappnet, klar "Nein" zu sagen

Von Dorion Weickmann

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Symbolbild: Tänzerinnen und Tänzer bei einer Probe, in weißer Kleidung im Zwielicht auf einer dunklen Bühne.  (imago images / Pacific Press Agency / Beata Siewicz)
Warum tun sich Opfer so schwer, An- und Übergriffe als solche zu benennen? Diese Frage stellt sich auch in der Tanzszene immer wieder. (imago images / Pacific Press Agency / Beata Siewicz)

Zwei "New York Times"-Reporterinnen veröffentlichten die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein und lösten so die #MeToo-Bewegung aus. Aus der Recherche von Jody Kantor und Megan Twohey ist nun ein Buch geworden. Auch die Tanzszene hat der Skandal aufgerüttelt.

Der Showdown findet telefonisch statt. Am einen Ende der Leitung sitzt der Filmproduzent Harvey Weinstein mit einem hochkarätigen Anwaltsteam, am anderen der Chefredakteur der New York Times mit den Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey. Was hat Weinstein zu den Vorwürfen sexualisierter Gewalt zu sagen? Weinstein kontert: "Das ist alles Blödsinn". Dann lamentiert er lautstark: "Ich bin so gut wie tot". Wohl wahr, der Mann ist erledigt. Jahrzehntelang hat er Frauen benutzt, bedroht, vergewaltigt und ruhiggestellt. Geld gegen Schweigen, das war der Deal, den die beiden "Times"-Journalistinnen aushebeln. Sie haben die Frauen zum Reden gebracht, eine nach der anderen.

Aus dem Super-Scoop ist jetzt ein Buch geworden – packend, spannend, ein echter Thriller. Kanton und Twohey zeigen auch, warum der Weinstein-Skandal eine globale Lawine auslöste: Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt gehören zum Inventar des Patriarchats. Wo top down regiert wird, gedeihen sie prächtig.

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Also auch in der traditionell hierarchisch gegliederten Tanzwelt, die Ende 2017 erstmals für #MeToo-Schlagzeilen sorgte: Peter Martins, der allmächtige Chef des New York City Ballet, musste seinen Hut nehmen. Ihm folgten Tanz- und Schuldirektoren, Choreografen und Manager von Lyon über Wien bis London. Der vorerst letzte Abgang ist Troy Powell, Pädagoge des Alvin Ailey American Dance Theater in New York. Er soll den männlichen Nachwuchs der Kompanie belästigt haben, was in der Tanzwelt auch kein Einzelfall ist.

"Ein kulturelles Problem"

Angesichts solcher Vorgänge stellt sich immer wieder die Frage: Abhängigkeit hin oder her, warum tun sich Opfer so schwer, An- und Übergriffe als solche zu benennen? Die Schauspielerin Cynthia Burr, die zu Weinsteins Opfern gehört, erklärt diese Blockade mit einem Gefühlsmix aus Erniedrigung, Angst, Scham und Schuld. Die gleiche Beobachtung haben Frances Chiaverini und Robyn Doty gemacht, Gründerinnen des Netzwerks von Tänzerinnen und Tänzern, "Whistle While You Work". 

"Unsere Umfrage für ‚Whistle While You Work‘ hat ergeben, dass die allermeisten Tanzstudierenden sich nicht im Klaren sind, was sexuelle Belästigung ist und was sie tun sollen, wenn es passiert", sagt Robyn Doty. Sie fühlten sich nicht gewappnet, ihren Lehrern oder Gastchoreografen ein klares "Nein" zu sagen. "Das ist ein kulturelles Problem, das auch die Kompanien und die freie Szene betrifft." Tänzerinnen und Tänzer seien zwar aktiv geworden, um das zu ändern. Aber der Tanz brauche institutionelle Veränderungen, die das Wohl der Tänzerinnen und Tänzer im Blick haben.

Tanzikone zu Fall gebracht

Ähnlich sieht das die Choreografin und Tänzerin Erna Ómarsdóttir, die 2018 eine Ikone des zeitgenössischen Tanzes zu Fall brachte: den belgischen Choreografen Jan Fabre. Zusammen mit anderen Ex-Mitgliedern der Kompanie erhob Ómarsdóttir #MeToo-Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Chef. Was dazu führte, dass Fabres Allmachtsregiment empfindlich beschnitten wurde. Für Erna Ómarsdóttir hatte die Entscheidung, nicht länger zu schweigen, weitreichende Folgen – im Negativen wie im Positiven:

"Es ist so viel passiert seit damals und ich muss sagen, dass ich harte Zeiten hatte. Aber zugleich bin ich sehr erleichtert, dass ich geredet habe. Ich würde mich viel schlechter fühlen, wenn ich weiter geschwiegen hätte." Sie habe das Glück, dass sie viel Unterstützung bekam – und heute noch sehr viel Dank kriege, selbst da, wo sie es gar nicht erwarte. "Ich denke, manches ist besser geworden, obwohl solche Entwicklungen langsam vor sich gehen. Es braucht einige tiefgreifende kulturelle Veränderungen." Aber sie glaube, dass es schon jetzt kein Zurück mehr gebe, und dass sich Direktoren nicht mehr so machtmissbräuchlich benehmen könnten, wie sie es getan haben.

Jedenfalls ist das Risiko, entdeckt und enttarnt zu werden, exponentiell gestiegen. Und das verdanken wir nicht zuletzt Jodi Kantor und Megan Twohey, den beiden unerschrockenen und unnachgiebigen Reporterinnen der New York Times, die Harvey Weinsteins Treiben ein Ende machten.

Jodi Kantor, Megan Twohey: "#Me Too. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung"
Aus dem Amerikanischen von Judith Elze und Katrin Harlaß
Tropen, Stuttgart 2020
352 Seiten, 18 Euro

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