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Tonart | Beitrag vom 02.01.2019

#MeToo in der KlassikEin wirkliches Unrechtsbewusstsein fehlt

Rainer Pöllmann im Gespräch mit Mascha Drost

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Der italienische Dirigent Daniele Gatti dirigiert das Royal Orchestra Concertgebouw Amsterdam während des 73. Prague Spring international music festival in Prag.  (picture alliance / dpa / Michaela Rihova)
Das Concertgebouw Orkest in Amsterdam beendete seine Zusammenarbeit mit Dirigent Daniele Gatti wegen "ungebührlichen Verhaltens" fristlos. (picture alliance / dpa / Michaela Rihova)

Daniele Gatti ist einer von vier Dirigenten, die sexueller Übergriffe beschuldigt wurden. Unser Musikredakteur Rainer Pöllmann vermisst einen angemessenen Umgang damit in der Klassik-Branche - und fordert die Maestros auf, sich genauer zu erklären.

Vier renommierte Dirigenten wurden im vergangenen Jahr sexueller Übergriffe beschuldigt und ihrer Ämter enthoben. Der berühmteste unter ihnen ist James Levine, der als Chef der Metropolitan Opera in New York entlassen wurde. Der heikelste Fall ist aber wohl Daniele Gatti, bis August Chef des Concertgebouw Orkest in Amsterdam, das seine Zusammenarbeit mit Gatti wegen "ungebührlichen Verhaltens" mit sofortiger Wirkung beendete.

Der Amerikaner James Levine. (dpa)Von der Met suspendiert: James Levine. (dpa)

Wie gehen Orchester und andere Institutionen damit um? Wo lässt man durch solche Vorwürfe Gebrandmarkte wie Gatti, Levine oder auch Gustav Kuhn von den Tiroler Festspielen Erl überhaupt noch arbeiten?

Letztlich bleibe das eine Abwägungsfrage, die jede Institution für sich selbst treffen müsse und die von außen, aus journalistischer Sicht, oft schwer zu bewerten sei, meint Rainer Pöllmann, Musikredakteur im Deutschlandfunk Kultur. Im Fall von Daniele Gatti sei die Situation komplex, seine Karriere in einem fragilen Zustand.

Nach Vorwürfen: Gatti zum Opernchef in Rom ernannt

Im Dezember wurde einerseits bekannt, dass Gatti – "aus gesundheitlichen Gründen" – seine Dirigate bei den Berliner Philharmonikern und den Festspielen in Baden-Baden abgesagt hatte. Andererseits wurde er im Dezember zum neuen Chef des Opernhauses in Rom ernannt, des zweitwichtigsten Opernhauses in Italien. Was diese Ernennung zu bedeuten habe, werde aber nicht wirklich klar, so Pöllmann.

Daniele Gatti sei zweifellos ein hervorragender Dirigent im italienischen Repertoire. Andererseits ließe sich das Musikalische nicht von den Vorwürfen trennen: "Diese Ernennung kann man, muss man vielleicht sogar, als eine Antwort auf den Rauswurf in Amsterdam werten."

Zwischen Total-Absturz und "Weiter so"

Dass die Kündigung in Amsterdam sehr schnell erfolgte, wertet Pöllmann als Reaktion auf die Kritik an vielen Institutionen der klassischen Musik, diese würden die Vorwürfe sexueller Gewalt aussitzen und die Aufklärung verschleppen.

Der Schlüssel für einen anderen Umgang mit dem Thema liege bei den Beschuldigten selbst, sagte Pöllmann. Ein wirkliches Unrechtsbewusstsein sei bei keinem der betroffenen Dirigenten festzustellen: "Würden sich die Beschuldigten differenzierter erklären, dann käme man aus der Zwangslage des 'Hop oder top' heraus, dann würde ein angemessener Umgang mit dem Thema möglich als die Wahl zwischen dem Total-Absturz und einem 'Weiter so'".

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