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Weltzeit | Beitrag vom 26.05.2021

MeToo in ÄgyptenAuf einmal reden die Frauen

Von Laila Musa

Zwei junge Frauen auf einer Brücke in Kairo. Eine trägt ein Handy. Beide tragen Kopftuch. (Privat)
Der Fall des Studenten Ahmed Bassam Zaki verbreitete sich im Sommer 2020 wie ein Lauffeuer in den Sozialen Medien in Ägypten. Viele junge Frauen brachen ihr Schweigen. (Privat)

90 Prozent der ägyptischen Frauen haben schon sexualisierte Gewalt erfahren. Seit 2020 trauen sich vor allem Jüngere, im Internet die Täter und Taten publik zu machen. Auf die Social-Media-Revolution folgen Verhaftungen, Prozesse und ein Umdenken.

"Es ist sehr extrem in Ägypten – viel mehr als in anderen Ländern. Wenn du auf die Zahlen guckst: Neun von zehn Frauen in Ägypten wurden sexuell belästigt. Diese Zahl ist beängstigend." Ägypten hat ein Problem mit sexueller Gewalt. Das sagt nicht nur der Regisseur und Aktivist für Frauenrechte Shady Noor.

Das sagen vor allem immer mehr Ägypterinnen – laut und öffentlich im Internet. Und das verändert einiges im bevölkerungsreichsten arabischsprachigen Land der Erde. Fast unter dem Radar findet da derzeit eine schleichende neue Revolution statt. Vor allem junge Frauen äußern sich vermehrt seit 2020, weil sie es satt haben, als rechtlose Sexobjekte behandelt zu werden.

Frauen brechen ihr Schweigen

Anfangs ging es um das, was während der Proteste auf dem Tahrir-Platz vor zehn Jahren passierte: Damals hat es nicht nur eine Revolution gegeben, die zum Sturz von Langzeitherrscher Mubarak führte, sondern auch sexuelle Gewalt. Frauen wurden angegrapscht, vergewaltigt und sogar mit Messern zum Sex gezwungen. Taten, die zum Teil von der damaligen Regierung systematisch angewandt wurden, aber auch bekannte Menschenrechtler waren unter den Tätern.

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Als nach jahrelangem Schweigen die Frauen darüber erstmals sprachen, gab es als Reaktion Kritik an den Überlebenden. Von allen Seiten. Das berichtet Mariam. Sie war auch dabei 2011 auf dem Tahrir-Platz. "Es gab die Reaktion der Menschen, die gegen die Demos waren, die haben gesagt: Die Frauen hätten sich das ausgesucht und auf Demos sei sexualisierte Gewalt ja normal", erzählt sie. "Andere Leute, die auf den Demos waren, sagen, dass die Frauen, die reden, den Ruf der Revolution schädigen wollen. Und: So etwas gebe es bei den Demos nicht." Den Frauen sei nicht geglaubt worden. "Und manche Aktivisten haben das ausgenutzt, weil sie berühmt sind. Sie haben erwartet, dass Frauen das akzeptieren, ‚open minded‘ sein sollen, es einfach normal sei in diesen Kreisen. Aber die MeToo-Bewegung hat gezeigt, dass es nicht normal ist."

Die MeToo-Welle ist auch durch Ägypten gerollt. Aber hier ist die Lage vermutlich noch viel schlimmer als in den USA oder Deutschland aufgrund vieler Ursachen. Die erste Einschätzung kommt von Mariam Kirollos. Sie hat nach der Revolution in London studiert, ist jetzt mit Anfang 30 Menschenrechtlerin und forscht zu Gewalt an Frauen.

"Klar gibt es Gründe, warum das Ausmaß von sexualisierter Gewalt in Ägypten so ist. Es gibt Studien, wonach neun von zehn Frauen das erlebt haben. Erstens, weil es bis vor fünf Jahren noch kein Gesetz gab, dass es verbietet Frauen anzugrapschen. Jetzt gibt es das. Das ist ein guter Schritt. Aber es bleibt bei Worten, wenn die Gesetze nicht durchgesetzt werden. Solange die erste Reaktion der Menschen auf der Straße die ist, dass Frauen gesagt wird: ‚Verzeihe ihm, wer verzeiht, ist großzügiger‘, ‚Zeige ihn nicht an, wegen seiner Zukunft‘. Solange es in Ägypten schlimmer ist, einen Geldbeutel zu klauen, als eine Frau zu belästigen, haben wir ein Problem."

Student angeklagt wegen Sex-Verbrechen gegen 50 Frauen

Seit Jahren engagiert sich auch Shady Noor in der ägyptischen Frauenrechtsbewegung. Der Aktivist und Filmemacher ist mit 29 Jahren einer der älteren Semester der Bewegung und blickt mit Sorge auf den Gegensatz von immer strengeren Traditionen in Ägypten und einem hohen Konsum von Pornos unter Jüngeren.

"Im besonderen Kontext von Ägypten – das Land wird ja immer konservativer und konservativer – wird die Trennung zwischen Männern und Frauen auch immer stärker. Und so kennen die Millennials und die noch Jüngeren das andere Geschlecht nur aus Pornos", erzählt er. "Sie kennen nur eine konservative Gesellschaft, die immer die Frauen zu den Schuldigen macht, die Opfer beschuldigt und den Frauen immer diktiert, wie sie zu sein haben. Plus die Sachen mit den Pornos. So werden Frauen nur sexualisiert und nichts weiter."

Frauen demonstrieren in Kairo auf dem Tahrir-Platz gegen sexuelle Gewalt. (dpa/picture alliance/Romain Beurrier/Wostok Press)Frauen demonstrieren 2013 in Kairo auf dem Tahrir-Platz gegen sexuelle Gewalt. (dpa/picture alliance/Romain Beurrier/Wostok Press)

Shady Noor lebt seit einigen Jahren wegen seines Filmstudiums in New York. Über das Internet hilft er von dort jede Woche betroffenen Frauen, die sich an ihn wenden und nicht weiter wissen, wie sie gegen sexuelle Gewalt vorgehen sollen.

Dass sich inzwischen so viele Frauen melden, hat mit einer jungen Studentin zu tun, die im vergangenen Sommer so etwas wie den Startschuss gab, erzählt er. "Am 28. Juni hat die Whistleblowerin Nadine Abdelhamid, ein sehr, sehr mutiger Mensch, öffentlich den Namen eines sexuellen Raubtieres genannt, auf Facebook. Viele Aktivisten, inklusive mir, mit viel Reichweite, haben den Post geteilt, und so ging das viral. So ist Ahmed Bassam Zaki jetzt im Gefängnis."

Ahmed Bassam Zaki wurde 2020 angeklagt wegen Sex-Verbrechen an 50 Frauen. Der 21-Jährige kam aus der Oberschicht, war Student an der elitären American University in Kairo und schockte mit seinen Taten die ägyptische Gesellschaft. Er wurde innerhalb weniger Tage zum Gesprächsthema.

"Ab diesem Zeitpunkt hatte der Krieg zwischen uns und Ahmed Bassam Zaki begonnen, hinter verschlossenen Türen. An der Oberfläche teilten immer mehr Leute diese Nachrichten über Social Media. Immer mehr Frauen meldeten sich mit ihren Geschichten. Und hinter verschlossenen Türen leisteten die Aktivisten sehr viel Arbeit. Leute wie Nadeen Ashraf mit ihrer Instagram-Seite ‚Assault Police‘ oder Zeina Amr mit ihrer Seite ‚Cat Calls Cairo‘. Diese Seite gab es schon vorher. Aber das war der perfekte Zeitpunkt zum Wachsen. Aus vielen sozialen und politischen Gründen. Diese Bewegung begann nicht plötzlich in Ägypten am 28. Juni, sie explodierte am 28. Juni."

Aktivistinnen von "Cat Calls Cairo" und "Assault Police"

Shady Noor ist nicht allein. Viele Aktivistinnen haben mitgearbeitet. Allen voran die 23-jährige Nadeen Ashraf. Sie wurde zur ersten Anlaufstelle für Frauen, die ähnliche Erfahrungen äußern wollen. Am 1. Juli 2020 schaltet sie die Instagram-Seite "Assault Police" frei, die inzwischen 330.000 Follower hat und für die ein ganzes Team arbeitet, um den Frauen, die sich melden, zu helfen.

Das versucht auch eine andere junge Aktivistin: "Ich bin Zeina Amr – ich bin 20, gehe zur Uni. Ich habe die Seite 'Cat Calls Cairo' vor zwei Jahren gegründet, weil ich das Gefühl hatte, wir reden nicht genug über verbale sexualisierte Gewalt, obwohl das ein großes Problem ist."

Studentin Zeina Amr hilft Frauen in Ägypten über das Internet auf ihrer Seite "Cat Calls Cairo" sich gegen sexualisierte Gewalt zu wehren. Sie steht vor einer Wand mit dem Handy in der Hand. (Privat)Studentin Zeina Amr hilft Frauen in Ägypten auf ihrer Internetseite "Cat Calls Cairo", sich gegen sexualisierte Gewalt zu wehren. (Privat)

Die Marke "Cat Calls" gab es schon in vielen Städten wie New York, um dort vor allem auf die täglichen verbalen Belästigungen von Frauen aufmerksam zu machen.

In Kairo lief es ähnlich, bis zum vergangenen Sommer, erzählt Zeina: "Als der Fall von Ahmed Bassam Zaki ausbrach, habe ich monatelang lang nichts anderes gemacht, als die Geschichten von Frauen auf meiner Seite zu lesen und zu beantworten. Damals war die Zahl der Nachrichten sehr groß. Menschen haben mich gefragt, wo sie die Taten anzeigen können und was sie machen sollen."

Opferanwältin fordert mehr Schutz durch Gesetze

Nach wenigen Tagen dieser großen Social-Media-Kampagne der Frauenrechtsbewegung wird die Polizei aktiv und es kommt zu Prozessen gegen Ahmed Bassam Zaki.

Eine der bekanntesten Opfer-Anwältinnen ist Azza Soliman. "In dem Fall von Ahmed Bassam Zaki, der Student an der American University von Kairo, der viele Frauen belästigt hat und manchmal vergewaltigt hat. Dafür gab es Beweise. Nachrichten, Drohungen, Bilder", erzählt sie. "Eine Frau hat sich dann bei mir gemeldet, öffentlich darüber gesprochen. Dann kamen mehrere – auch minderjährige Frauen – zu mir. Einige vertrete ich als Anwältin gegen Bassam. Der Junge wurde jetzt zu drei Jahren Gefängnis verurteilt."

Das ist so etwas wie ein Präzedenzfall in Ägypten gewesen. Erstmals muss jemand aus der reicheren Oberschicht für so ein Vergehen länger ins Gefängnis. Der ehemalige Student bekam drei Jahre im ersten Prozess und acht Jahre im zweiten, weitere Prozesse laufen.

Aber das ist nur der Anfang, meint Anwältin Soliman. Das Problem sei sehr groß: "Der erste Grund für sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Ägypten ist, dass es keinen Respekt für das Gesetz in Ägypten gibt", meint sie. "So unterstützt die Tradition den Mann dabei, sich alles zu erlauben, mit Frauen, mit Mädchen, und er ist nicht verantwortlich dafür. Niemand wird ihn fragen, im Gegenteil – die Gesellschaft unterstützt ihn bei der Gewalt. Und wenn es um die Mädchen oder die Frauen geht, werden sie stigmatisiert – gesellschaftlich und moralisch, sodass die Frauen nichts tun. Und eine Frau, die zum Gericht geht, wird in der Öffentlichkeit bloßgestellt. Oder auf sie wird Druck ausgeübt, das Verfahren zu beenden, um die Zukunft des Mannes nicht zu gefährden."

Einige Frauen melden sich aber bei Anwältinnen wie Azza Soliman und gehen auch den juristischen Weg. Obwohl vom Gesetzgeber noch viel getan werden müsse: "Was wir sagen, ist, dass wir viele Gesetze brauchen, um Frauen zu schützen. Wir wollen Schutz für die Zeugen und für die, die eine Tat melden, wenn ein Mann eine Frau bedroht. Frauen sind auch in der Presse nicht geschützt. Derzeit werden mehr Bilder von Frauen veröffentlicht als die Namen der Täter."

Auch gegen die Anwältin Soliman werden im Internet Kampagnen gefahren. Dabei gehe es um Täter, gegen die sie juristisch vorgehe, die aus reichen, einflussreichen Familien kämen. "Neulich verbreitete sich das Gerücht, dass ich eine Fake-Anwältin bin. Und, dass ich das alles tue, wegen den Unterstützungsgeldern aus dem Ausland, die uns gegeben werden." Klar, das mache wütend, meint sie. "Aber was soll ich tun? Wer redet, soll weiter reden. Aber ich weiß, dass ich die richtige Arbeit mache."

Der Fall von Bassam hat der Bewegung Kraft gegeben

Auch Zeina Amr von der Seite "Cat Calls Cairo" sieht nach der Gerichtsentscheidung im vergangenen Jahr den Wandel in Ägypten auf einem guten Weg. Der Fall von Bassam habe der Bewegung viel Kraft gegeben, und so viele Menschen dazu gebracht zu reden. "Weil es ein bisschen komisch war, dass ein Junge in seinem Alter aus seiner gesellschaftlichen Schicht – der soviel Geld hatte – so etwas tut. Das ist ein Junge, wenn du ihn siehst, da würden die meisten ägyptischen Familien zustimmen, wenn er ihre Tochter heiraten will. Viele Menschen dachten, sexualisierte Gewalt üben nur ungebildete oder arme Menschen aus. Aber dieser Junge war nicht ungebildet, er war nicht arm und er war nicht sexuell frustriert. Er hatte alles. Das hat die Leute schockiert."

Ein Umdenken hat eingesetzt, meint die 20-Jährige. Auch in einigen Medien: "Jetzt spricht man im Fernsehen über sexualisierte Gewalt, auf den Social-Media-Plattformen", sagt sie. "Die Menschen, die sich nie in ihrem Leben für Frauenrechte oder Feminismus interessiert haben, Worte, die sie gar nicht mögen, auf einmal reden sie darüber. Ja. Endlich!"

Auch die Anwältin Solimann sieht viel Aufbruch derzeit in Ägypten: "Die Tür hat sich für die Frauen geöffnet. Sie sind jetzt mutiger und melden die Taten. Dadurch ist sich die Anwaltschaft jetzt dieser Fälle bewusst. Wer das früher verleugnet hat, glaubt jetzt nicht mehr, dass die Frauen das erfinden. Diese Übergriffe existieren wirklich. Sie sind keine Erfindungen der Frauen. Die Frauen sind nicht der Grund, sondern es gibt junge Männer, die Verbrecher sind."

Täter mutmaßlicher Gruppenvergewaltigung freigesprochen

Aber es gibt auch Rückschläge. Gerade ist der Fairmont-Prozess zu Ende gegangen. In dem Luxus-Hotel Fairmont in Kairo sollen mehrere Männer eine 18-jährige Frau mithilfe von Drogen erst bewusstlos gemacht und dann vergewaltigt haben. Davon sollen sie ein Video angefertigt haben, das sie anschließend an Bekannte verschickten.

Aber das Video bekam das Gericht nie zu sehen. Die wohlhabenden Männer wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Und trotzdem ist sich die ägyptische Menschenrechtlerin Mariam Kirollos sicher: "Es gibt keinen Zweifel daran, dass es in den vergangenen zehn Jahren eine extrem große Veränderung gegeben hat. Ich erinnere mich an einige Verfahren, und es gab die Vorwürfe gegen den Fußball-Nationalspieler Amr Warda, gegen den Studenten Ahmed Bassam Zaki, den Fairmont-Fall." Es gebe jetzt viel Mut, viele Aussagen und Kampagnen zur Unterstützung der Überlebenden, damit man ihnen glaubt. "Das Wichtigste ist, dass es ein Bewusstsein unter den Menschen dafür gibt. Die Leute sprechen jetzt darüber und sagen: Das ist ein Verbrechen. Und viele schämen sich für andere, wenn jemand einen Angeklagten in einem Fall von sexualisierter Gewalt unterstützt oder verteidigt."

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