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Zeitfragen | Beitrag vom 23.11.2018

#MeToo im LiteraturbetriebSchweigende Frauen und sprechende Zahlen

Von Franziska Walser

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 Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben.  (imago stock&people)
Auch im Literaturbetrieb wurde sehr lange über Sexismus und Ungleichheit geschwiegen. (imago stock&people)

Bleibt die Buchbranche bei der #MeToo-Debatte außen vor? Vielleicht sind es nicht die großen Skandale, die in der Branche auf strukturelle Ungerechtigkeiten hinweisen. Stattdessen aber viele kleine Beobachtungen von Machtverhältnissen zugunsten der Männer.

Lina Muzur: "Vielleicht sind die Geschichten, die dabei erzählt werden würden, halt nicht so gewaltig wie einige andere MeToo-Geschichten die einfach im letzten Jahr stattgefunden haben. Vielleicht es ist einfach so eine große Masse an kleinen Geschichten …"

Harvey Weinstein, Produzent. Kevin Spacey, Schauspieler. Terry Richardson, Fotograf. Dieter Wedel, Regisseur. Jan Fabre, Künstler und Choreograph. Daniele Gatti, Dirigent - das sind einige Namen, die im vergangenen Jahr mit dem Hashtag MeToo in Zusammenhang gebracht wurden. Männer, die Macht im Kulturbetrieb haben und die diese Macht ausgenutzt haben sollen, um Frauen – oder auch Männer sexuell zu belästigen. Inzwischen ist die erste Welle der Anschuldigungen etwas abgeebbt. Wobei auffällt, dass von einem Bereich des Kulturbetriebs gar nicht die Rede war: Die Literatur stand beobachtend – aber scheinbar nicht betroffen am Rand.

Ein Vorfall im Gerechtigkeitsland Schweden

Einzig in Schweden, diesem Geschlechtergerechtigkeits-Sehnsuchtsland, gab es einen Vorfall: Jean-Claude Arnault - Ehemann von Katarina Frostenson. Sie ist Mitglied der Schwedischen Akademie, die jährlich den Literaturnobelpreis vergibt. Er leitet ein Kulturzentrum und soll weibliche Mitglieder der Akademie, Angehörige von Akademiemitgliedern und Mitarbeiterinnen belästigt oder missbraucht haben. Arnault bestreitet das. Mehrere Mitglieder der Schwedischen Akademie haben aus Protest ihr Amt niedergelegt. 2018 wird aus diesem Grund kein Literaturnobelpreis verliehen.

Jean-Claude Arnault kommt umringt von Kameras an einem Gericht in Stockholm an. (dpa / TT News Agency via AP / Fredrik Sandberg)Jean-Claude Arnault soll weibliche Mitglieder der Schwedischen Akademie, die jährlich den Literaturnobelpreis vergibt, belästigt oder missbraucht haben. (dpa / TT News Agency via AP / Fredrik Sandberg)

War's das schon? Bleibt die Buchbranche von Enthüllungen verschont? Gibt es einfach keine Verleger, die Jungautorinnen im Bademantel die Hoteltür öffnen? Keine Lektoren, die sexuelle Gefälligkeiten für eine Buchveröffentlichung einfordern?

Sind körperliche Übergriffe ein Phänomen, das Kultursparten vorbehalten bleibt, in denen der Körper im Mittelpunkt steht?  Film, Theater, vielleicht auch Orchester? Während Autor und Autorin sich losgelöst von ihren Körpern auf gedrucktem Papier äußern – sozusagen als geschlechtslose Genies?

"Natürlich kennen alle diese Geschichten und davon gibt’s unglaublich viele. Es geht da um Autorinnen und Lektoren. Um Mitarbeiter untereinander. Um die ganzen verschiedenen Abteilungen und Bereiche. Und es ist ja das Normalste der Welt, dass Männer und Frauen zusammenkommen. Daran wird sich auch nichts ändern. Es ist nur die Frage: Auf welche Weise passiert das und wie viel Machtmissbrauch findet dabei statt? Aber das ist natürlich eine Selbstverständlichkeit, dass es in der Literaturbranche wahrscheinlich jahrzehntelang passiert ist. Und immer noch passiert." Lina Muzur, stellvertretende Verlagsleiterin bei Hanser Berlin.

Die Verleger der ganz alten Schule

"Ich habe Kontakt zu unendlich vielen Autorinnen und Autoren. Und solche Geschichten wären bei mir gelandet. Definitiv! Und dass sie es nicht sind, ist ein gutes Zeichen! Ich kenne ein, zwei Verleger der ganz alten Schule. Für die sind Lektorinnen, Sekretärinnen und Herstellerinnen so was wie die schönen Blumen auf dem Rasen des Verlagsalltags." Nina George, Autorin und engagiert beim Branchennetzwerk "BücherFrauen".

"Also den gibt’s und den gibt’s auch weiterhin diesen Verlegertyp. Und da kann man ja auch wieder sagen: "Okay, zu dem gehst du nicht hin." Also mein Agent hat mir gesagt: "An den Verlag da schickst du es gar nicht erst hin, weil da hast du ab 40 sowieso keine Chance mehr. Vielleicht hättest du noch eine, weil du siehst irgendwie jünger aus. Aber du willst ja nicht für den Verlagsvertrag mit dem Verleger ins Bett gehen." Also die gibt’s noch. Aber es sind jetzt nicht so viele, dass ich mein Manuskript nicht woanders hinschicken kann." Anke Stelling, Autorin, stand 2015 mit "Bodentiefe Fenster" auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Immer wird gleich relativiert

Bei Gesprächen auf der Buchmesse in Frankfurt und in Interviews höre ich viele Andeutungen, nie aber Namen oder Details. Erst wenn das Mikrophon ausgestellt ist, werden Anekdoten erzählt. Über einen bekannten Verleger, der Frauen verführt, indem er Ihnen wertvolle Originalmanuskripte zeigt. Über Verleger, die Praktikantinnen - halb väterlich, halb begehrlich - übers Haar streichen. Über Literaturredakteure, mit denen man das Interview lieber in der Öffentlichkeit als unter vier Augen führt.

Nina George: "Ja, diese Männer gibt es noch. Und die haben die großen E-Literatur-Verlage geleitet. Ich hab da einen ganz bestimmt vor Augen, dessen Namen ich aber nicht sage. (lacht)"

Aber immer wird gleich relativiert: Das ist ja nichts, was strafbar wäre. Es gehören auch immer zwei dazu. Kann man ja vermeiden, wenn es eh alle wissen. Und außerdem sind die Männer, um die es geht, die "Alte Schule". Auslaufmodelle gewissermaßen.

"Der wurde nicht übergriffig. Aber es ist klar, dass er ein Chauvinist ist, ein Patriarch, dass er das intellektuelle Potential von Frauen einfach als nicht existent akzeptiert."

Ich frage mich, woher diese Zurückhaltung meiner Gesprächspartnerinnen rührt? Angst ist es nicht, die ich aus den Äußerungen heraushöre. Eher spielen Resignation und Bedenken eine Rolle. Die Frauen, mit denen ich spreche, legen Wert darauf, die Dinge differenziert zu betrachten. Die Schwarz-Weiß- Täter-Opfer-Logik, die die #MeToo-Debatte in den Medien dominiert, lehnen sie ab. Sie haben Sorge, dass mit dem Sexismus auch der Flirt verschwinden könnte. Sie wissen, dass das überall so ist. Dass Männer in eigentlich allen Berufen mehr Macht haben und einige davon ihre Macht missbrauchen.

"Keine High Heels für Party am Literaturinstitut"

Anke Stelling: "Metoo ist ja eigentlich eine Bestandsaufnahme. Also man kann jetzt mal erzählen, was eigentlich die ganze Zeit passiert. Und ich glaube ja nicht, dass das nicht schon alle wissen. Vielleicht nicht in dem Ausmaß, aber eigentlich ja schon wissen, was läuft - dass wir in einer sexistischen Gesellschaft leben, dass wir im Patriarchat leben und so weiter. Ich glaube, das ist bekannt. Mich interessiert ja vielmehr: Was machen wir jetzt? Oder: Wie kommt man da raus? Oder: Wie kommt man den Schritt weiter?"

Die Autorinnen mit denen ich spreche, fragen sich: Warum ist es überhaupt nötig, die MeToo-Geschichte für den Literaturbetrieb zu erzählen? Läuft es nicht überall nach dem gleichen Muster?

Anke Stelling: "Es ist nicht so offen. Also man zieht sich jetzt keine High Heels an für so eine Party am Literaturinstitut. Aber natürlich geht's auch darum und deshalb ist es, glaube ich, schwerer zu durchschauen erstmal. Und dafür braucht's auch Auseinandersetzung darüber und Texte darüber. Und so weiter."

Lina Muzur: "Vielleicht es ist einfach so eine große Masse an kleinen Geschichten und nicht so, dass man sagt: Es gibt diesen einen Herren, der über Jahrzehnte lang das und das gemacht hat und die Frauen misshandelt hat. Ich glaube das gibt’s vielleicht nicht in dem Sinne."

Nina George: "Wir haben eine Art sanften Sexismus. Oder eine Art sanfte Zweitklassigkeit würde ich es mal nennen. Die Männer sind in der Unterzahl einerseits. Andererseits sind sie aber vermehrt an den Positionen, an denen Entscheidungen über Geld getroffen wird."

Gerne schlau, aber immer schön appetitlich

Über diese "kleinen Geschichten" aus der "großen Masse" hat die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz einen Roman geschrieben. "Nachkommen". Erstveröffentlichung 2014. Es geht darin um die Autorin Nelia Fehn – meist angeredet als "Jungautorin", manchmal auch als "mein bestes Pferd im Stall". Nelia Fehn ist nominiert für den Deutschen Buchpreis. Sie fährt zur Buchmesse nach Frankfurt und wird dort erst in den Literaturbetrieb hinein verdaut, dann als ungenießbar wieder ausgespien.

Auszug aus "Nachkommen": "Ein großer, kräftiger Mann steuerte auf den Tisch zu. Er zog eine Frau mit sich. Er blieb am Tisch stehen. Schaute sie an. 'Das Junggemüse. Das wird auch jedes Jahr jünger.' Meier sagte über die Schulter, dass Umlauf sich hüten solle. Er habe sich schon die Zähne an diesem zarten Junggemüse ausgebissen. Der große, kräftige Mann schaute kurz zu Meier, dann holte er sich einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich. Die Frau zog er auf seinen Schoß."

Gerne schlau, aber immer schön appetitlich - das sei eine Anforderung, die häufig ziemlich unverblümt an Autorinnen herangetragen werde, sagt Anke Stelling. Sie hat am Leipziger Literaturinstitut studiert und später dort als Dozentin gearbeitet. In Erinnerung geblieben ist ihr ein Abend, an dem sie ihre Schreibklasse mit zur Verleihung des MDR-Literaturpreises genommen hat. Als Exkursion in den Literaturzirkus.

Auch das Publikum gibt vor, wie Autorinnen aussehen sollen

Anke Stelling: "Den gibt’s ja inzwischen nicht mehr, aber der ist ebenso eine echte Altherren-Veranstaltung. Und da gibt es diesen Moderator, und dann gewinnt die wirklich wunderschöne junge Frau. Und dann sagt er: "Das wird ja nur im Radio übertragen - gar kein Fernsehen - also wenn sie es jetzt gleich küssen hören: Ich küsse jetzt die Preisträgerin". Und ich sitze da mit den Studierenden und denke "Hey, was ist das denn?" Und als ich das dann thematisiert habe, kam eher so ein Lächeln und Schulterzucken in meine Richtung. Und so ein: "Ja klar was denkst du? Natürlich läuft es so, wissen wir doch alle."

Lina Muzur: "Es spielt das Aussehen eine Rolle und es spielt eine Rolle, wie man sich selbst vermarktet. Wie man liest, wie man auftritt. Das finde ich selbst teilweise so furchtbar. Weil eigentlich ein Autor ja jemand ist, der alleine ist mit seinem Text und dann plötzlich muss aber raus gehen und sich vermarkten und gut über sein Buch sprechen können. Das ist eigentlich echt krass dass das erwartet wird."

Die Buchbranche ist ebenso sexistisch wie die Gesellschaft

Der Zwang zur Selbstdarstellung trifft Autoren genauso wie Autorinnen. Nur die Anforderungen sind andere. Mal läuft es über eine interessante Biographie, mal über ein hübsches Gesicht. Im Fall von jungen Autorinnen ist oft letzteres der Fall. Aber es sind nicht nur die einflussreichen Machtmänner, die vorgeben, wie junge Autorinnen aussehen sollen. Es ist auch das Publikum. Die Buchbranche ist ebenso sexistisch wie die Gesellschaft um sie herum und bedient die Klischees mit entsprechenden Buchcovern und Pressefotos. Das Auge liest gewissermaßen mit.

Auszug aus "Nachkommen": "Das sei Peter Meier, sagte er zu ihr. Über den Tisch hin. Zu dem Mann gewandt sagte er. Dieser Mann sei wichtig. Es sei wichtig, diesen Mann zu kennen. Peter Meier sei der Literaturguru der Süddeutschen. »Die junge Dame ist schon abgestoßen von mir.«, sagte Meier. Er lächelte auf sie herunter.
Sie wandte sich ab. Sie wollte nicht mit ihm reden. Sie kannte das. Am Ende musste sie dann doch zugeben, eine kleine, hübsche Odyssee geschrieben zu haben, damit sich alle wohlfühlen konnten. Das sei doch ein Kompliment, würden alle rufen. Sie solle nicht so kratzbürstig sein. Friedlich. Hier wären doch alle friedlich. Sie dachte nicht daran, zur Harmonie beizutragen."

"Zu dreiviertel schreiben Männer über Männer"

Auszug aus "Nachkommen": "Und in der Süddeutschen. War da nicht eine ganz fürchterliche Kritik erschienen. Eine ganz kurze Kritik war das gewesen. Eigentlich eine Schmähung. Ein Absatz nur. Von Odyssee war da jedenfalls nicht die Rede gewesen. 'Wieder ein Jungversuch.', war ihr Buch genannt worden. Das Foto von ihr war genauso groß gewesen wie der Absatz mit dem Jungversuch, und in der Bildunterschrift war sie die Tochter ihrer Mutter genannt worden. 'Sie ist schon böse auf mich.', sagte der Mann zu Gruhns. Aber er klang sehr zufrieden. 'Ich habe es mir bei ihr schon verdorben.'"

"Frauen zählen" heißt eine Initiative, die im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Das "Zählen" ist dabei ganz wörtlich gemeint. Es geht um belastbare Zahlen darüber, wie Erfolg und Einfluss im Literaturbetrieb zwischen den Geschlechtern verteilt sind, sagt die Autorin Nina George auf dem Podium.

Nina George: "Sie brauchen überhaupt erstmal Argumente, um von einem gefühlten Nicht-repräsentiert-Sein zum Argument zu kommen. Zur Frage: Warum ist das so?"

Die Krimi-Autorin Nina George (Maurice Kohl)Die Schriftstellerin Nina George. (Maurice Kohl)

Die erste Studie untersucht die "Sichtbarkeit von Frauen in den Medien und im Literaturbetrieb". Konkret gesagt: Wer schafft es mit seinem Buch eher ins Feuilleton und in die Kultursendungen im Radio und Fernsehen? Männer oder Frauen? Und wer entscheidet darüber – ein Literaturkritiker oder eine Literaturkritikerin?

Nina George: "Und die Ergebnisse sind schon sehr erstaunlich: Auf zwei besprochene Männer kommt allerhöchstens eine Autorin. Und wenn man sich die Sendezeit aus Radio, aus dem TV, die Buchstaben – von der FAZ, über die Magdeburger Volksstimme, über den Stern, den Focus, die Neue Westfälische. Wenn man das alles zusammenrechnet, schreiben zu dreiviertel Männer über Männer und nehmen diesen Raum ein. Und sie schreiben ungern über Frauen. Männliche Kritiker schreiben ungern über Autorinnen."

"Das ist alles in der Literatur schwerer zu fassen"

In den kommenden Jahren will die "AG Diversität im Literaturbereich" Daten zur Geschlechterverteilung bei Literaturpreisen, in Verlagsprogrammen, in Schulbüchern, in Jurys oder bei der Stipendienvergabe zusammenstellen. Die Bücherfrauen folgen damit dem Vorbild der Filmfrauen, die schon länger zählen und fordern – zum Beispiel Quoten für die Vergabe von öffentlicher Filmförderung.

Es geht dabei um Gerechtigkeit. Aber es geht auch - im weiteren Sinne um Sexismus und sexuelle Gewalt. Denn das Risiko für sexuelle Belästigung steigt, wenn Männer Macht haben, die sie gegenüber Frauen missbrauchen können. Die Forscherin Elizabeth Prommer, die die Pilotstudie betreut hat, arbeitet auch mit "Pro Quote Film" zusammen.

Elizabeth Prommer: "In der Film- und Fernsehbrache haben wir ja diese Gig-Economy. Das heißt dass jeder nur für das eine Projekt engagiert wird. Sowohl als Schauspielerin, Continuity, Kabelträgerin bist du immer davon anhängig, dass du beim nächsten Projekt wieder engagiert wirst – von den gleichen Leuten. In der Literatur ist das anders geartet. Da hat eine Bestsellerautorin wenn sie Glück hat, vielleicht eine Million Bücher verkauft. Und dann zieht die sich zurück und schreibt erstmal ihr nächstes Buch. Und da ist ein anderes Machtverhältnis. Was wir aber nicht wissen ist, wie viele Menschen eben gar nicht an den Punkt kommen, sich zwei Jahre zurückzuziehen, um das neue Buch zu schreiben, sondern in Abhängigkeiten sind oder vorher schon rausgekegelt wurden in Machtverhältnissen. Das ist alles in der Literatur sehr viel schwerer zu fassen. Das sind ja unsichtbare Menschen, die verschwunden sind, die vielleicht gar nicht reinkommen, weil sie vielleicht nicht das tief ausgeschnittene Kostüm getragen haben im richtigen Moment und die sehen wir nie wieder."

"Literatur kann etwas beschreiben, was uns alle angeht"

Auszug aus "Nachkommen": "Ihr fiel ein, dass dieser Mann Umlauf geheißen hatte. Dass sie ihn vom Empfang nach der Preisverleihung kannte. Dass er ein Verleger war. Sie schaute ihm entgegen. Beim Näherkommen. Der Mann war rot im Gesicht. Rotfleckig. Schwitzig. Er trug einen grauen Anzug mit himmelblauer Krawatte. Sah aber aufgelöst aus. Der Mann kam an den Tisch. Er stützte sich mit den Händen auf dem Tisch auf und beugte sich über den Tisch. Sein Gesicht knapp an ihrem. Sie wich zurück. Sie saß nach hinten gelehnt, um diesem Gesicht und dem Atem zu entgehen. Sie spürte, wie sie den Laptop zur Abwehr in den Händen hielt. 'Ich mag euch nicht.', sagte der Mann. Er zischte ihr die Worte ins Gesicht. Dann musste er Luft holen und richtete sich auf. Er stand vor dem Tisch. Die Hände zu Fäusten geballt. 'Ich mag euch junge Frauen nicht. Ihr glaubt wirklich, für euch gilt gar nichts. Keine Regeln. Nichts. Ihr glaubt wirklich, ihr könnt mit der Welt machen, was ihr wollt. Ihr glaubt allen Ernstes, ihr könnt mit eurem Geschreibsel einen Eindruck machen.'" 

Wenige Monate nach den Enthüllungen über Harvey Weinstein und andere wurde eine Kurzgeschichte aus dem New Yorker zum viralen Hit in den sozialen Netzwerken: "Cat Person" von Kristen Roupenian. Es geht darin um zwei junge Menschen, die sich im Internet kennenlernen und verabreden. Es kommt zum Sex, der für die Frau in die Kategorie "lieber schnell hinter sich bringen als lang diskutieren" gehört. Der Mann wiederum ist gekränkt, als er über Umwege erfährt, dass sie ihn nach dem - aus ihrer Sicht - missglückten Date nicht mehr sehen will.

Lina Muzur: "Was diese Erzählung geschafft hat ist, dass einfach etwas beschrieben wird, was sehr selbstverständlich ist: Eine Frau lernt einen Mann kennen, es kommt zu Intimitäten und er nimmt die Sache anders wahr als sie. Und das Interessante war aber, dass das sehr sehr beiläufig und sehr subtil erzählt wird. Und da hat man gemerkt: Literatur kann etwas beschreiben, was uns alle angeht, ohne irgendwie ein großes Trara zu machen, ohne irgendwie anzuklagen, einfach indem Dinge beschrieben werden." Für Lina Muzur, stellvertretende Verlagsleiterin bei Hanser Berlin war der Erfolg von "Cat Person" Anlass, eine Anthologie mit Texten deutscher Autorinnen herauszugeben: der Titel "Sagte Sie – 17 Erzählungen über Sex und Macht".

Lina Muzur ging es nicht um "Mandala-Literatur, die eine Überzeugung ausmalt" – wie es in einer Kritik zum Buch heißt. Sie suchte eigenständige literarische Texte und bekam sie unter anderem von Antonia Baum, Helene Hegemann, Julia Wolf und Anke Stelling. Es geht um Alltags- und Ausnahmesituationen, um Partys, Familiengeheimnisse und Arbeitsplätze. Und – in einem Fall - auch um die Literaturbranche.

Grauzone literarisch ausloten

Nora Gomringer reiht in Monologen verschiedene Perspektiven aneinander: von verunsicherten Männer, flirtenden Frauen oder einer Autorin, die auf einer Lesung zwischen Selbstinszenierung und Abwehr schwankt. Ein Text, der für sich spricht. Deswegen liest Nora Gomringer als Antwort auf meine Interviewanfrage einen Auszug aus: "Das haben Sie nicht gesagt. Monologe aus dem dazwischen.":

"Hat die Frau Autorin aber abgenommen. Sieht gut aus. Die Frau, geschlüpft aus der Nussschale. Ist ne andere Weichheit an ihr, um sie herum. Die Frau ist richtig schön. Da fass ich mal hin, mal sehen, wie sie reagiert. So am Arm und bei der Begrüßung an die Hüfte. Ah, macht sie gar nichts. Geht doch. Wange an Wange. Ist wien Spiel. Ich spiel das gerne. Ich passe jetzt in die Sachen rein. Sie stehen mir und in ihnen stell ich michanders in die Welt. So richtig. Ich bin hochgradig autoerotisiert. Passt. Sind alle derzeit. Mach ich jetzt mit. Bin älter als die meisten, steh aber in der Dorfdisko nicht am Rand. Steh mitten im Licht und tanze. Leute, ich tanze. Ja, die Autorin war ein braves Mädchen. Hat so fein gelesen, das Haus gefüllt. Ein feines Weibchen. Hat gegurrt und gesummt, und da kamen die Kater und Katzen. Sehr fein. Hat sich ein bisschen erhoben bei der Lesung, wurde ein bisschen Lichtgestalt. Aber nur ein bisschen, das krieg ich gelöscht. Solche Feuer krieg ich mit Hand aufs Knie und Na, gefällt Ihnen Ihr Hotelzimmer? ganz gut aus."

Der Titel der Anthologie "Sagte Sie" bezieht sich auf den englischen Ausdruck "He said, she said". Das bedeutet, dass ein und dieselbe Situation – zum Beispiel ein Flirt oder ein Geschlechtsakt – von zwei Personen unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Diese beiden, mitunter unvereinbaren Wahrheiten für sich gelten zu lassen, sie nachvollziehbar zu machen - das, sagt Lina Muzur, könne die Literatur besser darstellen als Debattenartikel.

Lina Muzur: "Ich meine, wenn es um tatsächliche Vergewaltigung geht, da gibt’s keine subtilen Ebenen und so weiter. Da ist es natürlich ganz klar so, dass es Opfer und Täter gibt, aber es gibt eben auch ganz ganz viele andere Situationen."

Buchcover Bettina Wilpert: "Nichts, was uns passiert" (Verbrecher Verlag / dpa)Buchcover Bettina Wilpert: "Nichts, was uns passiert" (Verbrecher Verlag / dpa)

Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis bei Publikum und Verlagen, die Grauzone zwischen dem Schwarz-Weiß der #MeToo-Debatte literarisch auszuloten. Gleichzeitig gibt es den Reflex der Medien, jeden literarischen Text, in dem es um nicht-einvernehmlichen Sex geht, sofort als Beitrag zur #MeToo-Debatte zu interpretieren. So erging es zum Beispiel Bettina Wilpert mit ihrem Romandebüt "nichts was uns passiert". Das Buch spielt im Leipziger Uni-Milieu. Anna und Jonas haben Sex - sturzbetrunken auf einer Geburtstagsfeier. Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war halt schlechter Sex. Nachdem Anna den Fall zur Anzeige gebracht hat, entwickeln die Gerüchte ein Eigenleben und im gemeinsamen Freundeskreis teilen sich die Lager.

Auszug aus "nichts was uns passiert": "Bald fingen die Beschuldigungen und Verdächtigungen an: Natürlich gab es viele Studentinnen, und alle überlegten: Gab es eine, der es in den letzten Monaten schlecht ging? Die vielleicht in den Seminaren fehlte, die auf einer Gartenparty war?
Das Feld der jungen männlichen Wissenschaftler war kleiner: War nicht der Typ, der einem jeden Tag in der Albertina gegenübersaß, ein Doktorand? Oder schrieb er nur an einer kniffligen Hausarbeit und war deswegen jeden Tag in der Bibliothek? Wem traute man es zu? Der eine Seminarleiter hatte mal einen sexistischen Spruch im Seminar gebracht, der wäre bestimmt zu so etwas fähig, und war er nicht in den letzten Seminaren seltsam verwirrt und abwesend gewesen? Je nachdem, mit wem man sprach, hörte man eine andere Version der Geschichte. Mal war davon die Rede, er hätte sie im Schlaf vergewaltigt, mal hieß es, er hätte sie im Fahrradschuppen eingesperrt und an die Wand gekettet. Die Geschichten wurden immer bizarrer. Einerseits wollten die Leute unbedingt wissen, wer Täter und Opfer waren, andererseits lag immer noch ein anderes Wort in der Luft: Falschbeschuldigung."

"Mitten ins Herz der MeToo-Debatte" jubelt die "Zeit" in ihrer Rezension von "nichts was uns passiert". Die Autorin aber fühlt sich vereinnahmt, schreibt in einem Artikel in der FAS: "#MeToo ist für mein Buch ein Segen und ein Fluch: ich möchte nicht, dass es auf einen Debattenbeitrag reduziert wird, aber natürlich frage ich mich: Wäre das Buch auch ohne #MeToo erfolgreich?"

Bettina Wilpert ist nicht die einzige, die sich diese Frage stellt und sich damit gegen den Vorwurf wehrt, dass dieser Bucherfolg kalkuliert gewesen sei und dass es hier nicht um literarische Qualität, sondern um gesellschaftliche Brisanz gehe. Und vielleicht ahnt die Autorin, dass sie außerdem Gefahr läuft, in einer sexistischen Schublade zu landen, die es schon lange gibt. "Frauenliteratur". Als Gegensatz zu "Literatur". Eine Einengung auch, wenn die weibliche Perspektive gerade "MeToo-Konjunktur" hat.

Anke Stelling: "Ich gehöre ja gar nicht zu den Leuten, die jetzt mit 'Cat Person' denken: Wow stimmt, es ist total interessant, mal aus Frauensicht oder Sex, der von Frauen beschrieben wird, zu lesen. Sondern das mach ich schon sehr lange. Und man konnte sie ja auch die letzten Jahre finden. Auch vor MeToo konnte man ja Frauen lesen. Da musste man halt vielleicht bisschen mehr graben und hat nicht so eine Anthologie serviert bekommen." 

Cover nicht kitschig, sondern knallig

Auszug aus "Das zweite Regal": "Einige Leute, vor allem Männer, sehen die meisten Romane von Frauen als eine einzige weiche, undifferenzierte Masse, die wenig mit Ihnen zu tun hat."

"Das zweite Regal" heißt ein Text der amerikanischen Autorin Meg Wolitzer, der 2012 in der New York Times erschienen ist. Sie kritisiert darin sexistische Mechanismen im Buchmarkt, die dazu führten, dass die Literatur von Frauen nicht so ernst genommen werde wie die ihrer männlichen Kollegen.

Auszug aus "Das zweite Regal": "Der eigene Verleger kann Teil eines Prozesses effektiver Trennung und unbeabsichtigter Herablassung sein. Schauen Sie sich einige der Umschläge von Romanen von Frauen an. Die Wäsche hängt an der Leine; ein kleines Mädchen in einem Feld voller Wildblumen, ein paar Schuhe am Strand ..."

Das aktuelle Buch von Meg Wolitzer heißt das "Weibliche Prinzip". Das Cover ist nicht kitschig sondern knallig. Bunte, geometrische Linien, große Buchstaben. Ganz wie bei den Männern im "Ersten Regal". Trotzdem ist das Buch in einer Schublade gelandet: Auch das "Weibliche Prinzip" gilt als "MeToo-Roman". Dabei gibt es darin nur eine Szene, in der ein sexueller Übergriff geschildert wird. Bei einer Party wird die Protagonistin Greer von einem Mitstudenten belästigt.

Cover von Meg Wolitzers "Das weibliche Prinzip", im Hintergrund ist eine Illustration von einer Frau mit erhobener Faust zu sehen (Dumont / imago / Collage: Deutschlandradio)Das Cover von Meg Wolitzers "Das weibliche Prinzip": Bunte, geometrische Linien. (Dumont / imago / Collage: Deutschlandradio)

Auszug aus "Das weibliche Prinzip": "Sie wich zurück und sagte: Was machst du da? Doch er ließ nicht los, sondern drückte ihre Brust hart und schmerzhaft zusammen, verdrehte das Fleisch. Als sie sich endgültig löste, packte er sie am Handgelenk, riss sie zu sich heran und sagte: Was glaubst du, was ich da tue? Du stehst hier und machst mich mit deinem Scheiß über deinen Platz in Yale an."

Der Machtkampf, den Meg Wolitzer in ihrem Buch beschreibt, findet allerdings nicht zwischen einem mächtigen Mann und einer zum Objekt degradierten Frau statt. Es geht um Macht und Manipulation zwischen Frauen – um eine alternde Starfeministin, die ihre Nachfolgerin heranzieht. Trotzdem schreibt die Tageszeitung taz in ihrer Rezension: "Manifeste waren gestern, jetzt kommen die Romane".

Meg Wolitzer würde das Buch heute anders schreiben

Ein vergiftetes Kompliment. Wie Bettina Wilpert geht es auch Meg Wolitzer darum, dass ihr Text als Literatur gesehen wird. Meg Wolitzer: "Als ich vor vier Jahren mit der Arbeit an dem Buch begonnen habe, war es unvorstellbar, dass der Feminismus so schlagkräftig und relevant werden würde, es täglich auf die Titelseite von Zeitungen zu schaffen. Aber nach der Wahl von Donald Trump haben sich die Dinge geändert. Und wenn ich das Buch heute schreiben würde, würde ich es vermutlich anders schreiben. Aber wenn ich ein Manifest hätte schreiben wollen, dann hätte ich dafür nicht die Form eines Romans gewählt. Es geht mir nicht um eine bestimmte Aussage. Ich wollte einfach zeigen, wie das Leben dieser Figuren verläuft. Wenn Leute in meinem Roman nach einer Art MeToo-Statement suchen, werden sie das nicht finden."

Auszug aus "Nachkommen": "Sie war ja im leichteren Genre gelandet. Sie war ja als Leichtgewicht eingestuft worden. In den großen Feuilletons, da hatte es geheißen, dass es sich um einen von diesen Erstlingsromanen handle. Von einer sehr jungen Frau. Frisch und ein bisschen rührend. Das war erbitternd. Nicht ernst genommen zu werden. Das war immer erbitternd."

Vielleicht sind es in der Literaturbranche nicht die großen Enthüllungen, die auf strukturelle Ungerechtigkeiten hinweisen, sondern eher die Summe vieler kleiner Beobachtungen. Und Texte über Sex und Macht, über Missverständnisse und Geschlechterrollen - von Frauen, aber nicht nur für Frauen. So viele Texte, dass man sie als Literatur ernst nehmen muss und sie nicht zum "Debattenbeitrag" degradieren kann.

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