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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.11.2017

#MetooGenervt kann nur sein, wer Sexismus verdrängt

Von Paula-Irene Villa

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Die Journalistin Carol Galand rief in Frankreich dazu auf, die Hashtag-Aktion auch auf die Straße zu verlagern. (imago/Le Pictorium)
Die Journalistin Carol Galand rief in Frankreich dazu auf, die Hashtag-Aktion auch auf die Straße zu verlagern. (imago/Le Pictorium)

Jede zweite Frau wurde bereits mit sexueller Belästigung konfrontiert - und auch einige Männer. Sexismus fange da an, wo Menschen ihre Macht missbrauchen, kritisiert die Soziologin Paula-Irene Villa.

Sexismus. Ja, schon wieder. Sie können es nicht mehr hören? Nun, die meisten Frauen und viele Männer leben ihr ganzes Leben in der ganz normalen Sorge, sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt zu werden. Den meisten Frauen ist es auch widerfahren. Jüngsten EU-Umfragen zufolge hat eine von drei Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren und jede zweite Frau war mit einer oder mehreren Formen der sexuellen Belästigung konfrontiert. In Deutschland gaben bei einer weiteren Studie 43 Prozent der befragten Frauen an, schon einmal sexuell belästigt oder bedrängt worden zu sein. Und zwölf Prozent der befragten Männer – was ebenso skandalös ist und bislang nur wenig thematisiert wurde. Wer also genervt oder überrascht ist angesichts der nun gar nicht mehr endenden Betroffenen-Berichte, der oder die hat offenbar viel verdrängt.

Stell deinen Drink nicht unbeobachtet an der Theke ab!

Aus diesen nüchternen Zahlen erklärt sich, warum wir immer wieder nach wie vor, derzeit dauernd, über Sexismus und sexualisierte Gewalt sprechen. Sprechen müssen. Weil diese dauernd und überall vorkommt – oder vorkommen kann. In verschiedener Weise und Intensität, sicherlich. Aber derart, dass es mich überrascht, wie überrascht manche sind. Welche Frau hier und heute, in Peru oder in Schweden, in Ägypten oder in Indien wächst nicht mit dem Dauerhinweis auf, sich zu schützen, aufzupassen: Stell deinen Drink nicht unbeobachtet an der Theke ab, mach den Ausschnitt nicht zu tief, den Rock nicht zu kurz, die Hacken nicht zu hoch. Geh nicht im Dunkeln allein zum Bus, nimm doch besser das Taxi statt den Bus. Vermeide Augenkontakt, halt' die Beine geschlossen, lern Selbstverteidigung. Öffentlichkeit als Nahkampf. Mädchen wachsen hier, wie weltweit mit solchen Warnungen auf. Schon immer. Jungs und Männer werden, so zynisch das klingen mag, nicht mal gewarnt – aber auch ihnen widerfahren systematisch sexualisierte Übergriffe, Belästigung und bisweilen auch massive Gewalt. Auch darüber müssen wir sprechen.

Es gibt keine DNA der Frauenverachtung

Was an der aktuellen #metoo-Diskussion irritierend und zugleich eine große Chance ist: Bis auf wenige Ausnahmen, die das Problem kleinreden oder einhegen wollen, hören wir kaum was zu Religion, Leitkultur und Werten. Keine Forderung nach Massen-Demos zur Distanzierung oder nach sofortiger Ausweisung; wo bleiben die Experten, die uns über die patriarchale Sozialisation des US-amerikanischen oder des britischen oder deutschen Mannes aufklären – und zwar in jedem Feuilleton und jeder Talkshow; die uns über deren kulturelle DNA der Frauenverachtung und der daraus zwingend folgenden Integrationsunfähigkeit berichten? Nach den skandalösen Ereignissen der Silvesternacht in Köln 2015/16 war streckenweise von nichts anderem die Rede. Gut, dass wir dieses Mal weiter sind.

Sexismus gibt es überall, wo Menschen Macht missbrauchen

Denn sexualisierte Gewalt und Sexismus gibt es quer durch die Milieus und Schichten, quer zu Regionen und Religionen, quer zu Branchen und Berufen, quer zu Professionen und Politiken, quer zum Alter und Amt. Sexismus und sexualisierte Gewalt vollziehen sich in je spezifischer Weise, im britischen Parlament anders als in einem peruanischen Dorf, in den Hollywood-Studios anders als auf einem Platz in Kairo, in einem libanesischen Flüchtlingslager anders als an einer deutschen Uni. Diese Spezifika müssen unbedingt ansprechbar sein. Dafür gibt es derzeit eine reelle Chance. Wir müssen dafür nur aushalten zu lernen, dass wir Sexismus und sexualisierte Gewalt nicht auf "die da" und somit weg von "uns" projizieren können. Es ist nicht "der Araber", "der Flüchtling", "der Katholik", "der weiße Mann", der sie ausübt. Es sind Menschen, die Machtgefälle ausnutzen, dieses Gefälle in unangemessener Weise sexualisieren und die das Nein anderer Menschen nicht respektieren wollen. Es gibt sie überall. Sexismus, auch in seinen gewaltvollen Formen, gehört zu uns, ist Teil unserer Gesellschaften.

Paula-Irene Villa ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München und unter anderem im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Sie forscht und lehrt zu Biopolitik, Sozialtheorien, Care/Fürsorge und Popkultur.
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