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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.09.2015

Metal-Punk von "Feine Sahne Fischfilet"Aggressiv gegen Faschisten

Von Dieter Bub

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Jan "Monchi" Gorkow von der Punkband Feine Sahne Fischfilet  (Imago)
Ein "Kraftpaket" gegen Nazis: Jan Gorkow, Frontmann von "Feine Sahne Fischfilet" (Imago)

Die Band "Feine Sahne Fischfilet" entstand aus purer Langeweile. Heute spielen die Musiker vor allem, weil sie verdammt viel Spaß dabei haben. Dabei verfolgen sie eine kompromisslose Agenda auf der Bühne: Lautstark gegen Nazis.

"Bleiben oder Gehen", der Titel des neuen Albums von "Feine Sahne Fischfilet" ist auch das Opening ihrer Konzerte wie hier beim Highfield-Festival bei Leipzig.

"Dieser Titel von unserm neuen Album ist ja auch als offene Frage dargestellt. Wir finden Bleiben grundsätzlich erst mal richtig und wichtig, aber können auch verstehen, wenn Leute gehen, sie können nicht mehr, sie wollen nicht mehr.

Ich komme aus einem Bundesland, dass sehr strukturschwach ist. Wenn du auf eine Klassenfeier gehst und hörst, dass nur sechs oder sieben Leute von der ganzen Klassenstufe in Meckpomm geblieben sind, dann ist das ne Zustandsbeschreibung, dass die Leute weggehen, weggehen müssen, in der Situation, dass die keine Arbeit finden."

Die sechs Musiker von "Feine Sahne Fischfilet" wollten in ihrer Heimat bleiben. Musik machen, die ihr Lebensgefühl ausdrücken sollte. Irgendwas tun – und nicht wie andere nur Rumhängen.

"Für uns als Band war es genau das gleiche, wir haben die Band gegründet aus Langeweile, also einfach Mucke machen, da wo es nicht mal mehr einen Jugendclub gibt, sondern eine Bushaltestelle. Am besten freust du dich eben, wenn du ein bisschen Mucke machen kannst."

Ein massiges Kraftpaket, das vor Energie strotzt

Das war am Anfang Spaß, pure Unterhaltung, das Übliche. Dennoch fiel die Gruppe mit ihrem aggressiven Punkrock-Sound auf. Besonders eindrucksvoll ihr Frontman Jan Gorkow aus Jarmen – bei Greifswald, ein massiges Kraftpaket, ein aufsässiger 27-Jähriger, der vor Energie strotzt.

"Bei uns an der Schule war es Standard, dort auch Nazimucke zu hören und so. Das gehörte dazu. Irgendwann muss man für sich den Punkt finden, wo man sagt, das geht nicht, man hat kein Bock darauf und so war es denn auch bei mir und ab dem Punkt, da musst du nicht mal sagen, du bist links, du bist Antifaschist oder irgendwas. Es reicht, dass du dich äußerst und klar positionierst gegen Nazis, reicht schon. Und da wo wir gespielt haben, war es dann einfach so, dass Nazis gekommen sind, die mit uns feiern wollten, weil sie die Mucke einfach cool fanden und wo du einfach, dich zu positionieren hast."

Die Band hat sich eindeutig positioniert. Für sie gilt "Null Toleranz":

"Für mich gibt's da keine Rechtfertigung. Wir haben noch nie den Zeigefinger gehoben, dass alle Leute perfekt sein müssen, nicht alle machen immer alles richtig. Aber wenn Du Dich dafür ernsthaft entscheidest, neonazistische Arbeit zu machen, Neonazi bist, dann hast du dich dafür bewusst entschieden, da wurdest du nicht hin gedrängt, sondern das ist deine eigene Entscheidung."

Auf der Bühne entscheidet sich "Feine Sahne Fischfilet" für punkigen Heavy Metal. Dazu schreit Sänger Jan Gorkow seine politischen Botschaften gegen Rechtsextremisten. Die Fans klatschen Beifall. Auf der Bühne schwenken die Musiker schwarze Fahnen mit der Aufschrift "Nazi was aufs Maul". Diese aggressiv antifaschistische Haltung hat der Band viele Feinde in der Neonazi-Szene eingebracht. Und sogar der Verfassungsschutz von Mecklenburg-Vorpommern nahm die Gruppe ins Visier mit der Begründung, ihre Musik fördere die Gewaltbereitschaft bei den Hörern. Eine Indizierung gab es aber nicht.

Nicht beruhigen, sondern aufrütteln

Die Texte von Sänger Jan Gorkow erhalten seit dem noch mehr Aufmerksamkeit.

"Ganz egal, was es verspricht, keine Ehrlichkeit in Sicht. Was hat der Staat damit zu tun? Wer steht hinter dem NSU?"

Gorkow wollte es genauer wissen. So hat der Musiker beim NSU-Untersuchungsausschuss in Thüringen ein Praktikum absolviert. Heute sagt er, der Verfassungsschutz habe bei der Aufdeckung der NSU-Verbrechen im Weg gestanden. Das Problem sei aber größer. In seiner Heimat – in Vorpommern – kenne er in den Reihen der Polizei und der Freiwilligen Feuerwehr Sympathisanten und Unterstützer von Rechtsradikalen. Deshalb reichen dem Sänger Auftritte bei Festivals nicht aus. Er hält auch Vorträge und fordert zu mehr Engagement auf:

"Es geht nicht darum bei irgendwelchen Konzerten und Festivals Fahnen zu schwenken und 'Nazis raus!' zu rufen. Das interessiert doch keine Sau. Es geht darum, dass diese Schweine da wo ihr wohnt oder irgendwo, wo ihr hinfahren könnt, wieder versuchen Häuser anzuzünden, dass man sich dort hinzustellen hat. Du brauchst nicht bei Festivals irgendwas rufen, wenn du nicht da bist wo es drauf ankommt."

"Feine Sahne Fischfilet" ist eine Band die nicht beruhigen, sondern aufrütteln will. Aus ihrer Musik ist für sie eine Mission geworden. Eine Botschaft gegen Neonazis und für Solidarität.

Mehr zum Thema:

"Dieses ständige Verharmlosen, dieses ständige Weggucken"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 25.03.2013)

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