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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 24.09.2021

MesusaDer Türsegen hängt schief

Von Jens Rosbach

Eine Mesusa im Türrahmen vom Jüdischen Museum in Schnaittach, Mittelfranken, 2021. (imago / imagebroker / Helmut Meyer)
In Israel ist eine Mesusa an der Haustür gang und gäbe. In Deutschland verzichten viele Juden darauf. (imago / imagebroker / Helmut Meyer)

Wer jüdische Freunde oder Bekannte zu Hause besucht, dem fällt vielleicht am Türrahmen ein fingergroßen Zylinder mit einem hebräischen Schriftzeichen auf: eine Mesusa. Viele jüdische Familien haben das an ihrer Wohnungstür. Was hat es damit auf sich?

Levi Israel Ufferfilge hat im Hausflur, rechts am Rahmen seiner Wohnungstür, eine neun Zentimeter lange Metallkapsel befestigt. Sie ist weiß lackiert und obendrauf prangt, in Schwarz, der hebräische Buchstabe Schin, was in erster Linie für "Schaddaj" steht: Allmächtiger, Gott. Die Kapsel, Mesusa genannt, hat ihren Ursprung im fünften Buch Mose, im "Schma Israel", einem der jüdischen Hauptgebete.

Ufferfilge schlägt ein Gebetbuch auf und zitiert: "Da heißt es zum einen: ‚Und es sollen diese Worte, die ich Dir heute gebiete, in Deinem Herzen sein. Du sollst sie binden zum Wahrzeichen oder Denkzeichen an Deiner Hand. Und sie sollen sein zum Denkbande zwischen Deinen Augen.' Und, wichtiger Teil: 'Und Du sollst sie schreiben auf die Pfosten Deines Hauses und an Deine Tore!'"

Kompromiss-Ergebnis: Die Mesusa hängt schief

Der Berliner, 33 Jahre alt, braune Kippa, brauner Bart, stammt aus Ostwestfalen und hat Judaistik studiert. Er weiß: Die Kapsel enthält eine Mini-Pergamentrolle. Diese mahnt, unter anderem mit dem erwähnten Vers, zur Einhaltung der jüdischen Gesetze.

Als ehemaliger Religionslehrer und derzeitiger Rabbiner-Anwärter weiß er auch, warum die Mesusa schräg angebracht wird, etwa im Winkel von 45 Grad, also warum sein Haussegen immer etwas "schief hängt". Die Gründe reichen ins Mittelalter zurück, erzählt Levi Israel Ufferfilge. "Das war ein Kompromiss zwischen zwei rabbinischen Meinungen. Ein Rabbiner sagte: Vertikal muss die Mesusa angebracht werden, ein anderer Rabbiner sagte: horizontal. Und dann entschied man sich tatsächlich für einen Kompromiss."

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Betritt der jüdische Mieter seine Wohnung, berührt er mit der rechten Hand die Mesusa und führt die Finger anschließend zum Mund, ein angedeuteter Kuss der Schriftkapsel. Strenggläubige Juden üben dieses Ritual beim Betreten jedes einzelnen Zimmers aus, egal wie oft sie durch ihre Wohnung laufen. "Es ist auf jeden Fall sehr, sehr aufwendig das zu machen," lacht Ufferfilge. " Ich habe das schon bei Leuten gesehen, die gleichzeitig irgendwelche Schalen getragen haben und es trotzdem hinbekommen haben, die Mesusa beim Betreten des Wohnzimmers zu küssen, also schon manchmal eine ganz beachtliche Balanceleistung das hinzubekommen."

Nicht nur an der Wohnungstür, auch am Türrahmen zum Arbeitszimmer, zum Schlafzimmer, zur Küche und selbst zum begehbaren Kleiderschrank hat Ufferfilge, jeweils auf Nasenhöhe, eine Mesusa angeklebt.

Mesusa geht auf Auszug aus Ägypten zurück

Viele Juden betrachten die Mesusa als eine Art Talisman, der Unheil von ihrer Wohnung fernhält. Dies hat einen biblischen Bezug: Als Gott den Ägyptern die zehn Plagen schickte, markierten die Israeliten, die der Pharao versklavt hatte, ihre Türen mit Lammblut und der Todesengel ließ diese Wohnungen unbehelligt.

Ufferilge erklärt: "Wenn wir davon ausgehen, dass die Mesusa ihren Ursprung nimmt in genau dieser Erzählung, ist natürlich auch naheliegend, dass viele Menschen eben auch die Mesusa für schutzbringend halten. Also mag das nicht nur so etwas wie allgemeiner Aberglaube sein und auch nicht so eine allgemeine Talisman-Funktion, dann mag das eben auch wirklich eine Textbasis haben."

Die Passagen für die Mesusa, wie auch für andere rituelle Verse, dürfen nur Experten für das Schreiben heiliger Texte übertragen, die Soferim. Wie der Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov, der mit selbst angespitztem Federkiel und selbst angerührter Tinte arbeitet, sowie mit Pergament, das von koscheren Rindern stammt, die koscher geschlachtet wurden. "Pergament bedeutet: Es ist kein Papier, sondern es ist eine Tierhaut", sagt Yaacubov. "Warum ist es kein Papier? Pergament hält länger, mindestens tausend Jahre."

Auch Frauen schreiben Mesusot

Früher durften nur Männer Mesusot schreiben, heute lernen das auch Frauen, zumindest in nicht-orthodoxen Kreisen. So hat Judith Ederberg, eine 21-jährige Berliner Studentin, immer wieder hebräische Schriftzeichen malen geübt, um sie anschließend akribisch sauber und fehlerfrei zu Pergament zu bringen, erzählt sie. "Wenn ich eine Mesusa schreibe, dann muss ich die selber noch mal Buchstabe für Buchstabe kontrollieren und dann noch eine andere Person oder es gibt auch Computer-Scanprogramme, mit denen man das auch kontrolliert. Also es muss zwei Mal geprüft werden. "

In Israel ist eine Mesusa an der Haustür gang und gäbe. In Deutschland verzichten viele Juden darauf. Entweder, weil sie nicht so religiös sind oder weil sie Ärger befürchten. Dies könne beim Vermieter anfangen, weiß der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus, kurz RIAS.

Pressereferent Alexander Rasumny berichtet etwa von einem Fall vor zwei Jahren: "Da hatte in Potsdam eine jüdische Familie eine Mesusa an der Tür und wurde von der Wohnungsbaugesellschaft aufgefordert, das 'Metallstück am Wohnungstürrahmen' zu entfernen, da sich die Mesusa außerhalb der Wohnungsräume befand. Das war in diesem Fall absolute Unkenntnis, letztendlich wurde diese Forderung dann auch zurückgenommen, als klar wurde, was eigentlich eine Mesusa ist, in diesem Fall hat die Sensibilität für die Bedürfnisse der jüdischen Familie komplett gefehlt."

Hakenkreuze auf der Mesusa

Es gab auch schon antisemitische Attacken. So beschmierten im vergangenen September Unbekannte eine Mesusa, die an einer Berliner Synagoge befestigt war, mit Hakenkreuzen. Und im Jahr zuvor rastete in der Hauptstadt ein Betrunkener aus, als er eine Schriftkapsel an einer Wohnungstür sah. "Als der betrunkene Mann die Mesusa sah, fing er dann an, den Betroffenen zu beschimpfen als 'dreckigen Juden'. Und dann auch gegen die Tür zu schlagen und zu treten."

Wer sich nicht in Gefahr bringen will, muss die Mesusa nach dem jüdischen Religionsgesetz nicht unbedingt außen anbringen, erzählt Levi Israel Ufferfilge. "Es gibt da durchaus auch kreative Lösungen von einigen Rabbinern zu sagen: 'Okay, wenn es irgendwie überhaupt nicht geht und vollkommen gefährlich wäre in Deinem Viertel oder in Deiner Stadt, dann kannst Du die Mesusa auch von der anderen Seite des Türpfostens, also von der Innenseite, anbringen'. Also so was gibt es als rabbinische Notlösung durchaus."

Levi Israel Ufferfilge möchte allerdings nicht auf die Mesusa draußen an der Wohnungstür seines Mietshauses verzichten. Für den Judaisten, der in drei Jahren Rabbiner in Münster wird, ist die traditionelle Schriftkapsel nicht nur ein religiöses Gebot für alle Gläubigen, sondern auch ein bewusstes, öffentliches Statement: "Ein Zeichen dafür, dass wir in einem jüdischen Zuhause sind."

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