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Fazit | Beitrag vom 11.09.2018

"Mephisto" in WienFinster funkelt die rechte Propaganda

Von Michael Laages

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(Georg Soulek/Burgtheater )
Pakt mit dem Teufel: Nicholas Ofczarek als "Mephisto" am Wiener Burgtheater (Georg Soulek/Burgtheater )

Klaus Mann schrieb "Mephisto" als scharfe und zeitlose Analyse des politischen Feiglings 1936 im Exil. Das Wiener Burgtheater zeigt den Roman nun als Bühnenstück: Stark in der Aktualität, aber schwach in der Dramaturgie.

Eine Art "Stück der Stunde" taucht da gerade wieder auf. Einige Stimmen aus Klaus Manns "Mephisto"-Roman, 1936 veröffentlicht und auch ein Dokument über den erstarkenden deutschen Nationalsozialismus, klingen verstörend gegenwärtig, nicht erst in diesen Tagen nach Chemnitz. Weniger vom Kern der Fabel her, also in der Geschichte vom genialischen Künstler, der sich unangreifbar fühlt durch eigene Meisterschaft und dennoch (oder gerade darum!) zum skrupellosen, ja liebedienerischen Erfüllungsgehilfen der Barbarei wird, sondern eher vom Rand her blitzen Haltbarkeit und Aktualität auf: in den Tiraden eines jungen Schauspielers, der sich früh schon Hitlers Horden angeschlossen hat, natürlich später auch in den mörderischen Manifestationen der Macht, in denen auch Hendrik Höfgen, der Schauspieler und schlussendlich Intendant des nazistisch gewendeten Staatstheaters, nur noch zuschanden gehen kann.

Bastian Kraft, durch Inszenierungen nicht nur am Thalia Theater in Hamburg ausgewiesen als eins der wichtigeren jungen Talente im Regie-Fach, setzt sehr bewusst auf all jene Passagen, in denen der ganz junge Faschismus "spricht", und später die Macht, die er erlangt. Texte gibt's, die wie Statements von AfD oder "Pegida" klingen – und plötzlich funkelt finster ein Zeitgenossenwort wie "entsiffen" durch den Text. "Links-grün versifft" ist ja für rechte Propagandisten fast generell der Kulturbetrieb. Und die Erzählerfigur in Krafts Fassung, sozusagen Klaus Mann persönlich, fragt sich und uns sehr direkt, wer von den vielen netten Kolleginnen und Kollegen aus der Theaterkantine (und im Publikum natürlich!) womöglich heimlich schon Teil der Bewegung ist …

Die Wiener Aufführung bleibt darüber hinaus sehr eng am Roman, verstärkt natürlich durch eben diesen Erzähler, dem Fabian Krüger zunächst viel erotische Faszination für den Anti-Helden Höfgen mitgibt – auch der authentische Klaus Mann gehörte zum intimeren Umgang des historischen Gustaf Gründgens, der sich ja im Höfgen-"Mephisto" gut kenntlich verbirgt. Später nimmt Krüger auch Manns Verzweiflung und Verlorenheit auf – drogensüchtig und desillusioniert, mit Schwester Erika nur noch konzentriert auf’s antifaschistische Engagement, auch mit dem Roman.

Eine populistische Pointe

Dessen Entstehungsgeschichte haben Regisseur Kraft und Dramaturg Hans Mrak der Aufführung beigegeben, was der Inszenierung eher nicht bekommen ist: in sehr holzschnitthaften, papierenen Dialogen. Das Finale ist sogar richtig ärgerlich – in einer fiktiven Begegnung (der Autor hat dem Theatermann Höfgen gerade das fertige Manuskript übergeben, der es prompt verbieten lassen will) streiten die beiden darüber, wessen Version der Geschichte wohl überleben wird. Und überlassen die Entscheidung dann dem Beifall des Publikums – das ist nicht Politik, das ist bestenfalls eine populistische Pointe.

Nicolas Ofczarek wuchtet die Gründgens-Höfgen-Figur in allen erdenklichen Posen schauspielerischer Eitelkeit auf das zentrale Laufband in Peter Baurs ansonsten raumgreifend verspiegelter Bühne. Annabelle Witt gibt speziell der Hauptfigur Masken und Kostüme von monströsem Effekt mit auf den Weg. Zum Ende hin wird Ofczarek tatsächlich zu einer Art Gliederpuppe, an langer Leine aus dem Schnürboden geführt.

Keine Visionen des Widerstands

Krafts Inszenierung ist sich der Wirkungen von Bildern zwar sehr bewusst, auch von Klängen: mit der allgegenwärtigen Schlagzeugerin Judith Schwarz. Zuweilen aber verhebt er sich auch gewaltig, etwa in nicht recht zwingenden Chansons. Und weil der Abend so beharrlich am Romantext klebt, auch an seinen unüberhörbaren literarischen Schwächen, fängt dieser "Mephisto" zwar erstaunlich stark den aktuellen Klang ein im Angesicht heraufziehender Katastrophen, hilft aber weder mit Erklärungen noch gar bei der Suche nach Visionen des Widerstands.

Was wirklich schade ist. Vor kurzem erst hatte am Schauspiel in Hannover Milan Peschel Roman und Stück wie neu erfunden – indem er jeden und jede im vielköpfigen Ensemble irgendwann mal Höfgen sein ließ und das Vorkriegspanorama des Romans auf diese Weise kenntlich werden ließ als Analyse kollektiver Schuld und Verantwortung. Das war der effektivere "Mephisto".

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