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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 31.03.2021

Mentalitäten in der Corona-KriseFranzösische Rage oder deutsche Vernunft?

Eine Glosse von Jean-Philippe Devise

Zwei Figuren mit je einer deutschen und einer französischen Fahne hängen an der Außenwand eines Häuschens. (picture alliance / dpa / Philipp von Ditfurth)
Meist finden die Deutschen die Franzosen locker im Umgang mit dem Virus, während die Franzosen diese Tugend den Deutschen zuschreiben, meint Jean-Philippe Devise. (picture alliance / dpa / Philipp von Ditfurth)

Alle Länder in Europa leiden unter Corona. Aber reagiert die Bevölkerung auch in derselben Weise darauf? Am Beispiel von Deutschland und Frankreich spießt der Übersetzer und Autor Jean-Philippe Devise einige Mentalitätsunterschiede auf.

Die Person, die sich am anderen Ende der Finger befindet, die diese Zeilen tippen, ist ein waschechter Franzose, der allerdings eine plötzliche Verdoppelung seines Egos erfahren hat, als er 2018 zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit annahm. Nun, dieses verdoppelte Ich ermöglicht ihm, über die deutsch-französische Seelenlage nachzudenken – wie unterschiedlich oder wie gleich sich das Erleben beider Völker anfühlt, vor allem in Bezug auf die Krankheit.

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Meist finden die Deutschen die Franzosen locker im Umgang mit dem Virus, während die Franzosen diese Tugend den Deutschen zuschreiben. Erwartungsgemäß stufen die Franzosen die französische Polizei als unmöglich ein, die Deutschen finden die deutsche Polizei übergriffig. Wie gerne ließen sich die Staatsangehörigen der einen Nation von der Polizei der anderen anschnauzen oder mit Bußgeldern belegen!

Verwunderung und Wohlwollen über deutsches Verhalten

Anerkennend wird registriert, dass das jeweils andere Volk sich nicht alles bieten lässt. Die Franzosen merken dabei mit einer Mischung aus Verwunderung und Wohlwollen, dass die Deutschen doch aufmüpfig werden können und zu der Gruppe der gern mit Gelbwesten bekleideten quer Denkenden um Paris aufschließen können. 

Einhellig attestieren fast ausnahmslos alle Befragten, ob Deutsche oder Franzosen, die Unfähigkeit ihrer eigenen Regierenden, adäquat reagiert zu haben, adäquat zu reagieren und in Zukunft adäquat reagieren zu können. Varianten sind lediglich in der Intensität der unterstellten kriminellen Absichten der Regierungen auszumachen, wobei die Vehemenz der Vorwürfe proportional mit der Nähe zu den Querdenkenden oder ihren französischen Pendants zunimmt. Allerdings ist das Prädikat "Denkende" vielleicht etwas zu hoch gegriffen.

Debatten mit mehr oder auch weniger Leidenschaft

Die Unterschiede liegen in der Leidenschaftlichkeit der Debatten. Ein Infektiologe wie Didier Raoult braucht keine doppelte Staatsangehörigkeit für ein überdimensioniertes Ego, das ihn dazu verleitet, alle jene als Vollidioten darzustellen, die nicht an seine Methoden und Vorschläge glauben. Teile der französischen Bevölkerung feiern ihn trotzdem dafür. Nähme Christian Drosten solch eine Rolle ein, würde er vermutlich die Bundesregierung zu Fall bringen.

Natürlich ist das nicht zu erwarten, zeigt aber die Differenz: Prinzipiell ist für manche blau-weiß-rote Hitzköpfe Macron ein Mörder, der rasch gehängt werden sollte. Frau Merkel hat vielleicht keinen Plan, aber selbst bei extremistischen Publikationen wünschen sich die wenigsten, Frau Merkel an einem Ast baumeln zu sehen. Die Franzosen sind eben ein politisch aufgedrehtes Volk.

Suche nach Lösungen, um sie wieder zu beseitigen

Das ist nichts Neues. Bereits bei der Affäre Dreyfus hatten sich Familien am Esstisch geprügelt. In Frankreich geht es sofort ums Ganze: Das Gute, die Gerechtigkeit, die Freiheit sind in Gefahr. Zu den Waffen! In Deutschland hat man es mit einer gefährlichen und ansteckenden Krankheit zu tun. Man sucht nach Lösungen, um sie zu beseitigen.

Der Autor muss gestehen: Die deutsche Vernunft ist ihm lieber als die Rage, in die sich manche seiner ursprünglichen Landsleute so gerne hineinreden. Abgesehen davon, dass in den meisten Fällen das Aufhängen von Politikern keine zielführende Idee ist.

Ein älterer Mann mit Brille. (privat)Jean-Philippe Devise (privat)Jean-Philippe Devise, 1960 im französischen Périgueux geboren, lebt seit 1987 in Deutschland und arbeitet als Sprachlehrer und Übersetzer. Er hat zwölf Bücher veröffentlicht und betreibt einen Verlag für Biografien und Memoiren "von ganz normalen Leuten". Auf seinem Youtube-Kanal kann man mit ihm auf unterhaltsame Weise die eigenen Französch(un)kenntnisse verbessern.

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