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Studio 9 | Beitrag vom 25.12.2018

Menschliches HandelnAuch Egoisten tun Gutes

Christoph Lütge im Gespräch mit Marianne Allweiss

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An einem Laternenpfahl klebt ein Aufkleber mit dem Wort "Ich".  (picture alliance / Christian Ohde)
Sich von den eigenen Interessen leiten zu lassen, kann anderen sogar Vorteile verschaffen. (picture alliance / Christian Ohde)

Wer die Welt zum Besseren verändern will, muss nicht unbedingt ein Altruist sein. Christoph Lütge, Professor für Wirtschaftsethik an der TU München, ist überzeugt, dass auch eigeninteressiertes Handeln viele positive Effekte haben kann.

Grundsätzlich gilt laut Wirtschaftsethiker Lütge, dass Menschen nicht durchweg eigeninteressiert handeln, sondern auch bereit sind, etwas für andere zu tun. Allerdings zeigten Experimente auch, dass altruistisches Handeln immer unter bestimmten Bedingungen stattfinde. Das könne etwa die Tatsache sein, dass man jemandem nahe stehe oder damit rechne, irgendwann mal eine Gegenleistung zu bekommen.

Auf keinen Fall aber würden Menschen dauerhaft gegen ihr Interesse handeln. Wenn sie nichts zurückbekämen, dann hörten sie mit der Kooperation auf, so Lütge. 

Profite, die anderen nützen

Egoistisches, also an den Vorteilen für die eigene Person orientiertes Handeln, kann Lütge zufolge viele positive Effekte haben. Es bewirke im System der Marktwirtschaft zum Beispiel, dass neue Produkte geschaffen würden, dass Unternehmen Anreize hätten, etwas für die Kunden zu tun, und dass Unternehmen damit auch Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen würden.

Auch innerhalb eines Unternehmens könnten Egoisten Gutes bewirken, etwa indem sie Profite machten, die aber auch für andere nützlich seien. Als Beispiel dafür führt Lütke die Entwicklung von Bio-Produkten an, die erfolgreich am Markt und gleichzeitig besser für die Umwelt seien. Überhaupt findet er, Verbesserungen für die Umwelt würden weniger durch moralisches Handeln erreicht als durch die Folgen profitorientieren Handelns. 

Hehre Motive sind kein Garant für Gutes

Lütge weist darauf hin, dass aus moralisch hehren Motiven immer wieder Dinge passierten, die so gar nicht gewollt gewesen seien. Manchmal passiere sogar das Gegenteil von dem, was beabsichtigt gewesen sei. So habe etwa Entwicklungshilfe Jahrzehnte lang nach diesem Modell funktioniert, habe aber eigentlich "zu nicht viel geführt". Es gebe sogar Ökonomen, die der Ansicht seien, diese Art von Entwicklungshilfe habe den Kontinent Afrika noch abhängiger gemacht. Lütge findet: "Moralapostel müssten erst mal zeigen, dass sie es besser können."

Entscheidend für die tatsächlichen Auswirkungen menschlichen Handelns sind laut Lütge die Bedingungen, unter denen das Handeln stattfinde. Unter falschen Bedingungen könne sich sowohl altruistisches als auch egoistisches Handeln fatal auswirken.

Menschen zum eigennützen Handeln ermutigen

Mit "appellierender Moral" erreichen wir laut Lütge in den komplexen Systemen von heute "bestenfalls gar nichts". Er wünscht sich "ein bisschen mehr Ehrlichkeit" und würde den Leuten gern sagen:

"Es ist in Ordnung, wenn ihr euer eigenes Interesse verfolgt. Ihr müsst das nicht immer in jedem Moment ganz kurzfristig verfolgen. Vielleicht etwas längerfristiger, aber es ist trotzdem euer eigenes Interesse."

Lütge ist überzeugt, eine solche Botschaft würde für viele Menschen bestimmte Gewissenskonflikte erleichtern. Ohne dass im Ergebnis alles deutlich schlechter werde.

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